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"Überkommene Werte gelten nicht mehr"- ein kurzer Versuch, die junge Generation zu verstehen -Oberkirchenrat Dr. Hans Schmidt Das Blockhaus Ahlhorn ist von Anfang an darauf angelegt gewesen, verschiedenen Altersstufen zu dienen und Verbindungen zwischen Generationen herzustellen. Zwar ist es vor allem ein Aufenthaltsort für junge Menschen, aber es sollte auch ein Ort der Begegnung der verschiedensten Jahrgänge sein, um dadurch einen Beitrag zu verantwortlichem, gemeinsamem Leben zu liefern. Die ältere Generation wird seit Jahren dadurch schockiert, daß junge Menschen übernommene Werte nicht mehr für wertvoll und für ihr eigenes Leben nicht für wichtig halten. Ein Generationsproblem hat es ja sicher immer gegeben, aber hier handelt es sich deutlich um etwas anderes. Die Abwertung der Werte geschieht in allen Bereichen des Lebens, und das müßte uns aufhorchen lassen. Bedrückend genug ist auch, daß die Jugend selber gar nicht oder nur unvollkommen zu artikulieren vermag, wohin denn nun eigentlich nach ihrer Meinung der Weg gehen müßte. Es geht mir jetzt nicht um Therapie - darüber kann man erst nachdenken, wenn man richtig diagnostiziert hat - um eine solche Diagnose geht es mir; wobei ich freilich weiß, daß ich sie nur ansatzweise liefern kann und auch sogar damit rechnen muß, daß sie völlig verkehrt ist. Ich glaube nicht, daß die Abstinenz der Jugend gegenüber der Tradition wesentlich zusammenhängt mit der Veränderung der Welt durch all die technischen Möglichkeiten. Es handelt sich vielmehr um einen geistigen Bruch, den wir in unserer Zeit erleben, und der so groß vielleicht kaum jemals in unserer Geschichte gewesen ist. Das fängt an bei der Familie, dem Umgang der Menschen in diesem kleinsten Kreis und endet bei den Fragen nach dem Staat, nach der Gesellschaft, nach dem Volk und nach der Welt. Wir haben nach 1945 das Leben in Familie, Gesellschaft und Staat wieder angefangen, indem wir uns nach Bildern der Vergangenheit orientierten, ohne viel darüber nachzudenken, ob nicht schon vorher in diesen kleinen und großen Lebenszusammenhängen sehr viel Überfälliges, Neuzudurchdenkendes, vor allem auch Neuzubegründendes gewesen ist. Wir sind nach der Unbehaustheit der Weltkriegsjahre weithin bürgerlichen Idealen von Familienleben, Gemütlichkeit und Sicherheit verfallen, ohne darüber nachzudenken, ob nicht in dem allen schon vorher manches sinnlos geworden war. Warum hat eigentlich z. B. der Vater in einer Familie Autorität seinen Kindern gegenüber? Nur weil er älter ist, weil er der Erzeuger ist, weil er das Geld liefert für den Haushalt? Schon hier waren die eigentlichen Begründungen längst abhanden gekommen. Oder: Wie steht es mit dem Einsatz für einen demokratischen Staat, der sich schon im Jahre 1933 als nicht ausreichend erwiesen hatte? Ging nicht immer der private Profit, das eigene Haus mit dem ganzen Eigenleben, was damit verbunden ist, über ein solches Engagement? Und weiter: Ist von uns Älteren eigentlich annähernd begriffen worden, was ein demokratischer Staat und eine aufeinander eingespielte demokratische Gesellschaft für Überlegungen und persönlichen Einsatz nötig hat? Mit anderen Worten: Es ist in unserem bürgerlichen Leben so vieles leer geworden, was vor 100 Jahren noch gefüllt war. Und es ist über so vieles nicht neu nachgedacht worden, was an neuen Inhalten und auch neuen Formen in unserer Zeit ans Licht drängte. Dafür noch einige Beispiele aus unserer Kirche: Seit den Tagen des 3. Reiches - und wahrscheinlich noch viel früher -vegetiert der Kirchensteuerzahler als Mitglied seiner Kirche mit dem Unbehagen, daß er die Vokabeln: Gott, Vorsehung etc. hört, womöglich selber gebraucht und sich doch nichts darunter vorstellen kann. Es leben ungezählte Eltern in dieser merkwürdigen Verschwiegenheit, wenn man nicht sagen muß: Verlegenheit, daß sie selber nichts glauben von dem, was ihre Kirche lehrt, daß sie aber die Kinder zum Konfirmandenunterricht schicken und in den Religionsunterricht, damit sie dort entsprechend unterwiesen werden. Dieses unmögliche Verhältnis drückt sich dann etwa auch darin aus, daß Konfirmanden pflichtgemäß auf den Kirchenbänken sitzen, während die Eltern zu Hause bleiben. Wie kann ein junger Mensch noch etwas begreifen, wenn hier von einem Hineinwachsen in die Germeinde die Rede sein sollte? Und nun könnte man eigentlich alles durchdenken, was in unserer Kirche an Glaubenssätzen an die junge Generation weitergegeben wird. Käme dabei nicht weithin eine einzige Verlogenheit von seiten der Eltern heraus? Hinzu kommt noch, daß in der Theologie sich Professoren und Kirchenmänner keineswegs einig sind und die Dinge der Welt äußerst verschieden beurteilen. Aber hier scheint mir gerade ein Ansatz vorhanden zu sein, die unreflektiert übernommenen Werte der Vergangenheit zu überprüfen. Wir werden uns darauf rüsten müssen, daß wir von der jungen Generation bei all unseren Meinungen sehr heftig nach der Begründung gefragt werden. Und es wäre nichts mehr zu wünschen, als daß wir mit der jungen Generation leidenschaftlich anfangen zu fragen, was denn in unserer Welt noch Bestand hat und auf welche Autorität und auf welche Werte wir uns verlassen können? Dann könnte nämlich die bekümmerliche Verständnislosigkeit zu einem hoffnungsvollen, ernsthaften Fragen werden; was wollten wir uns sehnlicher wünschen? - |
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