Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1968: Blockhausbrief Nummer 13

Inhalt:

Titel
Brief Werner Kramer
"Überkommene Werte gelten nicht mehr"
In der Welt habt ihr Angst...
Ahlhorn
Die Apostelsteine - Kalendersteine der Vorzeit
Durch die Sager Heide vor siebzig Jahren
Dank
In schönster Seenkette...
Aus der Festschrift zum 10-Jahresfeier des Blockhauses
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 13.11.1967 bis 10.11.1968
 

In der Welt habt ihr Angst;
aber seid getrost:
Ich habe die Welt überwunden.

(Joh. 16,33)

Peter Wagner

Das Johannesevangelium versteht Welt radikaler, weltlicher, als wir sie wahrscheinlich begreifen:

Merkmal der Welt ist Finsternis. Welt verbirgt ihren wahren Charakter. Ihre Macht besteht darin, daß nicht alles ans Licht kommt. Die in ihr herrschen, können herrschen, weil die Fäden im Verborgenen gezogen werden.

Merkmal der Weit ist ferner die Lüge. Man will gar nicht wissen, wie es um einen steht. Man täuscht sich selbst und andere. Man bestätigt sich gegenseitig in dieser Täuschung. Dann läuft alles glatt. Drittes Merkmal der Welt ist der Tod. Das, was sie ist, kommt im Tod zum Vorschein. Sie bringt Nichts hervor. Sie will zwar Leben, aber weil sie mit dem Tod als Drohung arbeitet, wird ihr Lebenshaß sichtbar.

So weit werden wir wahrscheinlich in der Charakterisierung der Welt nicht gehen. Gibt es nicht auch gute Seiten und schöne Momente? Ist es nicht gut, Freunde zu finden? Ist es nicht wunderbar, lieben zu können?

Aber auch in dieser Hinsicht geht das Johannesevangelium weiter als wir. Es kann so abgewogen, in einem teils-teils nicht reden. Die Welt als ganzes ist gut. Kein Opfer für sie wäre zu groß. Sie ist liebenswert.

Da wir weder das eine noch das andere können, da wir einerseits die Verfallenheit an Finsternis, Lüge und Tod nicht wahrhaben wollen, und da wir andererseits sie als ganzes nicht gut heißen können, für sie uns nicht opfern würden und sie nicht lieben wollen, wird deutlich, daß wir ihr uns unterwerfen.

Immer da, wo wir ihr uns in Freude und Schmerz unterwerfen, wird aus Bedrängnis - Angst. Nicht die Bedrohung allein erzeugt Angst. Erst, wo man sich der Bedrohung unterwirft, entsteht Angst.

Uns imponiert das verborgene Spiel der Macht (Man kann als Einzelner nichts machen). Wir zollen der Lüge unsern Tribut (Manche Informationen lassen wir nicht an uns heran). Wir lassen uns mit dem Tod drohen (Denn wir wollen ja schließlich leben).

Wie kann da einer sagen: Ich habe die Welt überwunden?

Wir denken uns die Überwindung der Welt als Ihre Erledigung, so jedenfalls daß man über sie kein Wort mehr zu verlieren brauchte. Das wäre ein erträumter Sieg. Er hätte mit der Wirklichkeit, in der wir uns befinden, nichts gemein.

Der Sieg Christi vollzieht sich als Enthüllung, Überführung und Entlarvung. Was seinem Charakter nach Finsternis ist, fürchtet nichts so wie die Enthüllung, die Öffentlichkeit. Die Faszination der Gewalt vergeht wie ein Dampf, wenn hinter die Kulissen geleuchtet wird. Der Überheblichkeit der Herrschenden entspricht die Resignation der Beherrschten. Fällt das eine, verschwindet das andere. "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Erniedrigten". Und andersherum: Jesus beruft die Schwachen, Entrechteten, Unannehmbaren und überläßt die Sicheren, Satten, Selbstgerechten ihrer Überheblichkeit, an der sie zu Fall kommen.

Weiter: Was auf Lüge aufgebaut ist, fürchtet nichts so sehr wie die Überführung. Lüge ist doch nur so lange überzeugend, wie sie nicht als Lüge durchschaut ist. Jesus entlarvt die Täuschung, wir wüßten, wozu wir da sind. Er zeigt, daß wir nicht aus uns selbst leben, sondern als Sachwalter unser Wesen haben. Wer den lobt, der auch ein verpfuschtes Leben gelten läßt, braucht nicht mehr um seinen eigenen Ruhm besorgt zu sein.

Schließlich: Wo man mit einer Waffe droht, die auch den Träger der Waffe vernichten wird, da fürchtet man nichts so sehr wie die Entlarvung dieser Drohung. Und wo der Tod keine Drohung mehr ist, da hat er seine Macht verloren, selbst wenn noch gestorben wird. Jesus hätte der Hinrichtung entgehen können, wenn er gesagt hätte: "Entschuldigt, ich habe mich geirrt". Er hat die Drohung entlarvt als leere Drohung. Die Wundmale zeigt er als Siegeszeichen.

Enthüllung, Überführung, Entlarvung - sie beschreiben einen Prozeß mit Anklage, Verteidigung und Urteil. In diesem Prozeß werden Zeugen gesucht: wir.

Wenn Christus die Welt überwunden hat, dann überwindet er auch unsere Unterwerfung unter sie. Sein Sieg über die Welt ist zugleich Sieg über uns, oder er ist nicht Sieg.

Unterwerfung unter ihn macht uns frei von der Unterwerfung unter die Welt. Darum kann der erste Johannesbrief folgerichtig sagen: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." Denn Glaube ist Unterwerfung unter Christus.

Nur so treibt uns Bedrängnis nicht in Angst. Nur so ist Raum für den Mut. Denn "seid getrost" heißt wörtlich: "Faßt Mut!"

Faßt Mut, und zwar nicht blinden Mut, sondern Mut angesichts und trotz Finsternis, Lüge und Tod.

Faßt Mut, nicht den Mut der Verzweiflung, sondern Mut angesichts und wegen der Enthüllung, Überführung und Entlarvung der Mächte.

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