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Die Apostelsteine
Kalendersteine der Vorzeit
(erstmals abgedruckt im Blockhausbrief Nr. 3 / 1958, Seiten 7 bis 11)
K. Michaelsen, Museumsdirektor a. D.
Dem Besucher des Blockhauses Ahlhorn wird sicher schon in der Nähe der Lethesperre eine Gruppe größerer Findlingsblöcke aufgefallen sein. Er kann sie vom Wege aus auf einer vor einigen Jahren freigelegten Lichtung dicht nördlich eines Zuleiters liegen sehen. Unter dem Namen "Die 12 Apostel" sind sie den Eingeweihten schon seit langem bekannt, aber niemand konnte für ihr Dasein eine zufriedenstellende Erklärung geben. Man grub vor Jahren die Steine oberflächlich an und deutete sie, als man nichts Verdächtiges fand, als zufällig vom abschmelzenden Inlandeis verstreute Findlinge. Es ist uns auch nicht mehr genau bekannt, wie und wann der Name Apostelsteine entstanden ist. Vielleicht entsprang er der Betrachtung rastender Wanderer oder Schäfer, die diese landschaftlich reizvolle Stelle gerne aufsuchten, vielleicht geht er auch in Umdeutung eines heidnischen Kultdenkmals bis in die Zeit der Christianisierung zurück. 1200 Jahre, kaum 40 Generationen, sind für die Überlieferung im Volksmund nur eine kurze Spanne Zeit. - Mit dieser Deutung gab man sich lange Jahrzehnte zufrieden.
Gelegentlich eines Landschulaufenthalts im Blockhaus 1953 war es für eine Schülergruppe der Hindenburgschule eine prächtige Gelegenheit, bei Anfertigung eines Lageplans der Steingruppe, einfache Vermessungsarbeit kennen zu lernen. Diese erste rohe Zeichnung gab mir dann weitere Anregung zu genauerer Aufnahme mit Kompaß, Winkelprisma und Meßband. Es sind heute nicht nur 12 sondern 14 Granitblöcke vorhanden, 2 dicht südwestlich des Weges liegende werden leicht übersehen. Leider hat man 1922 bei der Anlage der Fischteiche Weg und Zuleiter mitten durch den südlichen Teil der Gruppe gelegt, unter Mißachtung des damals schon ausgesprochenen Denkmalschutzes. Nach einer älteren Lagekarte müssen ehemals sogar 16 Steine vorhanden gewesen sein, von denen sicher einer nach dem Bericht noch lebender Augenzeugen unter dem Fahrweg versenkt worden ist.
Bei oberflächlicher Betrachtung (siehe Lageplan [Abb. öffnet sich in neuem Fenster; Größe 68 kB]) zeigt die ganze Gruppe eine unregelmäßig, langovale Aufstellung, ohne eine sofort erkennbare Ordnung. Ein einzelner Findling liegt 34 m weit außerhalb nach NNO, und zwei der größten liegen exzentrisch im Innern. Es sind durchweg große Blöcke ein und derselben rötlichen Granitart, wie sie in Südschweden vorkommt, bis zu etwa 5 t Gewicht. Alle liegen auf einer Flachseite in durchweg gleichmäßiger (!) Tiefe in die heutige Oberfläche eingebettet. Alle sind auch vom Ortstein des Heidebodens umschlossen, der sich aber nicht unter die Steine fortsetzt. Das ist den Bodenkundler eine sehr wichtige Tatsache, denn bei der dehr langsamen Bildung dieser Eiisenoxyd-Humussäureverbindung deutet das darauf hin, daß sie sich schon jahrhundertelang in ihrer Lage befinden. Der darunter anstehende ungestörte Boden aus feinkörnigem steinlosen Sand (aufgeweht?) zeigt aber deutlich die kennzeichnenden ockerbraunen Humatlinien eines ehemals hier vorhandenen Eichenmischwaldes, der dann logischerweise schon vor Ankunft der Steine dort gewachsen sein müßte.
Doch mit diesem Befund beginnt die Problematik um die Apostelsteine. Bei näherer Untersuchung findet sich noch allerhand Verdächtiges. Im Januar 1956 wurde auf mein Ersuchen von Herren der Vermessungsdirektion Oldenburg mit einem Bussol-Theodoliten eine genaue Nachprüfung der von mir gefundenen Werte vorgenommen und insbesondere bei der Festlegung der für die Folgerungen so wichtigen geographischen Nordrichtung Übereinstimmung erzielt. Schon beim ersten Aufmessen zu der in Richtung Stein 1-2 gelegten Grundlinie war mir aufgefallen, daß einige Steine in einer gewissen Symmetrie zu ihr liegen. Tatsächlich lassen sich Nr. 2, 3, 4, 5, 6 und 8 auf einem Kreis anordnen, dessen Mittelpunkt M 1 auf der Standlinie liegt, und dessen Radius 13,1 m beträgt. Stein 7 weicht allerdings etwas nach außen hin ab, und Nr. 9 und 10 liegen oberhalb der Mitte im Innern. In ähnlicher Weise kann man auch die weiter südwestlich liegenden Steine Nr. 11, 12, 13 und 14 auf einem kleineren Halbkreis anordnen mit Halbmesser 10,3 m, dessen Mittelpunkt M2 ebenfalls auf der Grundachse liegt. Nach der alten Karte müssen auch in seinem Innern noch 2 Steine gelegen haben, über deren Standort jetzt der Fahrweg hinweg führt.
Die scheinbar regellose Lage der Steine ordnet sich damit ohne Zwang zu 2 Kreisen verschiedener Größe, deren Mittelpunkte mit dem weit außerhalb liegenden Stein 1 noch dazu auf einer gemeinsamen Achse gekoppelt sind. Kann das noch Zufall sein? Nur 3 Punkte lassen sich immer durch eine Kreislinie verbinden, nicht aber 4 oder gar 6.
Noch eine weitere Merkwürdigkeit kommt hinzu.
Die Grundachse weicht von der geographischen Nordrichtung mit 51,4° nach Osten ab. Der Aufgangspunkt der Sonne am 21. Juni (Sommersonnenwende) liegt in Richtung 48,6° NO. Des ergibt einen Fehlbetrag von rund 7 Sonnendurchmessern. Für eine genaue Ortung erscheint er reichlich zu sein, und bei Annahme eines vorgeschichtlichen Alters der Anlage erhöht er sich noch etwas.
Weiter ist bemerkenswert, daß die Visierlinie von M 1 auf den Sonnenaufgangspunkt der Wintersonnenwende den südlichen Rand von Stein 8 gerade streift.
Die obige Abweichung läßt sich aber in einleuchtender Weise erkläre. In der Beobachtungsrichtung über dem Horizont liegende Geländehindernisse, wie ansteigendes Gelände, Dünen, Bäume, Waldlinien, mußten anders als bei ebenem Blickfeld dem Richtungsstein Nr. 1 eine zu weit nach O verschobene Lage geben, denn die Sonne konnte je nach Höhe des Hindernisses erst kürzere oder längere Zeit aufblitzen. Tatsächlich steigen nach dem Meßtischblatt die Höhenschichtlinien auch in der Beobachtungsrichtung von 32 auf etwa 38 m an, und kleine Dünen lagen früher vor der Planierung eines Ackerstückes in derselben Richtung. Weiter ist uns nicht bekennt, ob in der Vorzeit bei Sonnenbeobachtungen der obere Rand der Sonnenscheibe (das erste Aufblitzen) oder der untere (volles Aufsitzen) angepeilt wurde. Eine Horizonterhöhung von nur 1° macht für die seitliche Verschiebung des Aufgangspunktes schon über 3 Sonnendurchmesser aus. Für eine bäuerliche Jahreseinteilung genügt die Richtung vollauf. Wo hätte sich im Gelände, selbst in weiter baumloser Heide, ein vollkommen ebener Horizont finden lassen? Es liegt also begründeter Verdacht vor, daß es sich bei unserer Steingruppe um eine vorgeschichtliche Anlage zur Beobachtung des Jahreslaufs der Sonne mit Ortung auf die Sommersonnenwende handelt, um sog. Kalendersteine. Dabei steht unser "Typ" durchaus nicht vereinzelt da. In Deutschland kommen ähnlich auf einer Achse paarweise gekoppelte große und kleine Kreise heute noch beim sog. Steintanz von Bützow in Mecklenburg und bei Odry in Westpreußen vor. Diese letztere Anlage ist die am besten erhaltene, mit einer gesicherten Ortung ebenfalls auf die Sommer- und Wintersonnenwende. Im urkeltischen Gebiet, in der Bretagne und in England (z. B. Stonehenge, Avebury, um 1600-1800 v. Chr., frühe Bronzezeit) sind derartige Kreisanlagen weit häufiger. Sie dienten dem Sonnenkult zur Festlegung der Hauptfeste, und der vorgeschichtlichen bäuerlichen Bevölkerung allgemein zur Einteilung der Jahreszeiten für Saat und Ernte. Für einen feststehenden Beobachter pendelt die Sonne im Jahresbogen von Wintersonnenwende (22. 12.) zu Sommersonnenwende (21. 6.) und zurück. Der 21. Juni kennzeichnet den längsten Tag und die kürzeste Nacht und damit im bäuerlichen Lebenskreis den Höhepunkt. Eine andere kalenderartige Markierung der Einteilung des Sonnenjahres kannte man bei uns im Norden in der Vorzeit nicht.
Der vollgültige Beweis für die Richtigkeit unserer Hypothese ist im Falle Apostelsteine nicht leicht zu führen. Ausschlaggebend ist bei dem Mangel an vorgeschichtlichen Funden das Urteil der Geologen und Bodenkundler.
Die Lage unserer Steingruppe am nördlichen hohen Hang der Lethe, 6 m über dem heutigen Lethebach, in der ehemals baumarmen Heide, mit ungehindertem Blick über die südliche Himmelshälfte, ist für die Sonnenbeobachtung denkbar günstig. Funde von vorgeschichtlicher Keramik oder auch von kennzeichnenden Feuerstein- oder Metallgeräten sind trotz eifrigen Suchens noch nicht gemacht. Holzkohle zeigt sich hier und da im Boden. auch unter dem Ortstein. Sie kann aber auch von natürlichen Bränden herrühren. Auch bleibt die Bedeutung der übrigen Steine noch unklar. Steinsetzungen dieser Art sind wohl immer gleichzeitig auch Versammlungsplätze für Kult- und Beratungszwecke gewesen. Die beiden gekoppelten Kreise werden in der Literatur als Sonnen- und Mondkreis gedeutet, die Sonne galt als Mann der Mondfrau.
Überlassen wir die Entscheidung noch der Zukunft. Bei Kelten und Germanen bezeugen Sonnenrad, Scheibenrad und von Pferden gezogene Bronzewagen mit goldener Sonnenscheibe (Funde von Trundholm, Moordorf) von einer ausgedehnten Sonnenverehrung. Im germanischen Rechtswesen durfte Gericht nur "bei scheinender Sonne" gehalten werden. Die Sonne war in der Weltanschauung des gesamten Nordens die Erzeugerin des Lichts, der Wärme und des Lebens, der Fruchtbarkeit und vor allem auch die Reglerin und Teilerin der Zeit. Ihr Jahreslauf wurde von Festen begleitet. Sie wurde darum zur persönlichen Gottheit.
Was auch das abschließende Ergebnis der Untersuchungen sein wird: Es ist notwendig, daß die oldenburger Denkmalschutzbehörde und mit ihr die Bevölkerung für eine würdige Erhaltung der Steingruppe "Apostelsteine" trägt. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei ihr um eins der heute in Deutschland schon sehr selten gewordenen Denkmäler für ein hochstehendes astronomisches Wissen unserer Vorfahren und einer damit verknüpften Weltanschauung handelt.
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