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AhlhornLore Ziebig
Was gibt diesem Fleckchen Erde die besondere Atmosphäre, die uns umfängt, sobald wir das Heim betreten? Es ist nicht allein die Schönheit der Natur mit den stillen Seen und ruhevollen Wäldern, nicht nur die Abseitigkeit vom Lärm und Hast der Stadt. Mir ist jedesmal, als erwarte diese Land-schaft geradezu den Menschen, um ihren eigentlichen Sinn zu bekommen. Das Meer - das Hochgebirge - sie sind großartig und erhaben, in sich selbst vollendet. Anders empfinde ich in Ahlhorn. Da gehört der Mensch hinein und bildet mit der Landschaft ein Ganzes, das nicht nur schön, sondern beglückend ist. Dort liegt der See unter den Strahlen der frühen Morgensonne! Er wartet auf den, der lauschend und beobachtend am Ufer steht, auch auf den Träumerischen, der einsam mit seinem Boot eine erste, stille Spur durch das Wasser zieht, über dem noch der letzte Nebel hängt. Schreitet der Tag weiter fort, dann schallt das frohe, oft erregte Lachen der Kinder herüber, die wild in ihren Kähnen dümpeln und allerhand lustigen Unsinn anstellen. Auch sie empfängt der See als etwas ihm Zugehöriges, genau wie jene, die sich später in heißer Mittagssonne langsam dahintreiben lassen. Der Wald nimmt die Besinnlichen auf, zeichnend, malend, musizierend oder auch nur spazierengehend. Er bekommt Inhalt und Leben durch alle, die das Schauen noch nicht verlernt haben. Den Vogelstimmen gesellen sich oft die Töne der Flöten oder Geigen, die bald näher, bald ferner erklingen. Und dann gibt es die Nächte mit den unzähligen Sternen oder dem vom fahlen Leuchten durchzuckten Wolkenhimmel. Sie rufen die Wandernden, Liebenden, Fragenden, und mancher mag in solchen Stunden wohl eine Antwort finden. Weil uns diese Landschaft so einstimmt, öffnet sie uns auch den Zugang zum anderen Menschen und läßt uns seiner wieder recht bewußt werden. Ich erinnere mich an einen stürmischen Regentag, an dem ich im Heim eine neue Kollegin kennenlernte. Wir liefen nicht aneinander vorbei, sondern versuchten, uns gegenseitig über das schlechte Wetter zu trösten, das unsere Arbeit so sehr erschwerte. Bei einer Tasse heißen Tee ergab sich dann ein ausführliches Gespräch, das uns beide heller und leichter machte. Vor einigen Wochen schrieb mir diese Kollegin, daß sie mich habe besuchen wollen, doch ihr Kommen sei durch zwingende Gründe vereitelt werden. Daran schloß sich der Satz: "... in Ahlhorn ist eben alles anders..." Ich glaube, sie meinte damit, daß im täglichen Leben die Macht der "Umstände" meist stärker ist als der Wille des Menschen, zum anderen zu ge langen, dem wir uns eigentlich mitteilen müßten, der uns notwendig wäre zu reicherer Erfahrung und größerem Glück. Vielmehr hasten wir aneinander vorüber, ohne uns zu erkennen, lehnen voreilig ab oder hassen, wo es doch darum ginge, nicht den Menschen, sondern nur seine Irrtümer zu meiden, die in uns Traurigkeit und Schmerz erzeugen. - "In Ahlhorn ist alles anders ..." Es hilft uns, den Mitmenschen unmittelbar zu erleben, ihm gegenüber die Unbefangenheit wiederzugewinnen. Je mehr wir uns dem Wesen dieser Landschaft öffnen, desto sicherer finden wir zu uns selbst, die wir im tiefsten Inneren stets die Sehnsucht nach dem Nächsten mit uns tragen. Damit wird aber auch der Boden bereitet, aus dem der Wille zur echten Begegnung wächst, bei der die Menschen einander vertrauend und helfend, nicht fragend, aufnehmen. Selbst, wenn wir längst wieder draußen sind im ewigen Getriebe, wirkt das fort, was uns Ahlhorn gab. Es kommt auf uns allein an, wie lange wir es lebendig erhalten. |
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