Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1967: Blockhausbrief Nummer 12

Inhalt:

Titel
Das Blockhaus in unserer oldenburgischen Heimat
"Was ist eigentlich gemeint, wenn wir vom 'Glauben' reden?"
Der Jahreslauf
"Er lud auf sich unsere Schmerzen"
Die Laterne
Religionspädagogische Tagungen in Ahlhorn
20 Jahre Jugendarbeit im Blockhaus Ahlhorn
Ein weiterer Beitrag ...
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 16.11.1966 bis 15.11.1967
Am Kamin
 

Am Kamin

Nanny Halfmann (ehemals Kippenberg-Gymnasium)

Mißmutig blicke ich durch die regenüberströmten Fenster in den grauen Novembernachmittag. Unfreundlich ist es draußen; mich fröstelt. Ach so, die Heizung ist ja nicht angestellt. Eine kleine Drehung nach links, das heiße Wasser strömt, und langsam erwärmt sich der Heizkörper. Dreißig weiß-lackierte Stahlrippen paradieren unter dem Fenster. Ich lege die Hände auf das warme Eisen. Wie bequem alles! Patentzünder und elektronischer Regler. Programmiertes Behagen. Rauchlos, geruchlos.

Kamin und Herd - das war einmal,
vom Keller aus heizt man zentral.
Kamin in der Jungenburg

Doch wie ich so in die regenfeuchte, kalte Dunkelheit da draußen starre, kommt mir die Erinnerung an jene Herbstabende in Ahlhorn, als wir uns um das lodernde Feuer im Kamin versammelt hatten. Das war damals etwas Besonderes; es war mehr, als es mir heute mein sonst so gemütliches Zimmer gibt. Der Kamin mit der lebendigen Flamme, den knisternden Holzscheiten, das Feuer im sonst dunklen Raum zog uns in seinen Bann.

Ein ganz Gescheiter wird nun sagen: Natürlich, das ist die romantische Stimmung, die so ein Abend am Kamin verbreitet! Da schummert sich alles mit Poesie in die Nacht; da wird sentimental auf dem Gemüt gespielt. Nein, diese Erklärung genügt nicht. Der Kamin war uns mehr. Es ging eine Macht vom Feuer aus, die uns, wie wir da saßen, im Fühlen und Denken eins werden ließ; sie löste jeden aus seinem Bann und Zwang, gesellte einen dem anderen zu und beließ doch zugleich den einzelnen sich selbst.

Wir residierten in Ahlhorn auf der "Jungenburg". Wer "wir"? - Zwei Dutzend muntre Frauenzimmerchen. - "Frauenzimmer"? - Richtig, das war auf einer Burg von anno einst der Raum, der mit einer Feuerstelle versehen war, also ein heizbares Zimmer. Kamin hieß die Feuerstelle; cominata = Kemenate hieß danach jenes Zimmer, das man auf der kalten Burg dem zarten Geschlecht reservierte. So heißen wir Frauen allesamt, possierlich verdeutscht, in gewisser Weise noch immer nach jenem Kamin. Was Wunder also, daß wir sofort, als wir einen Kamin in unserer Burg entdeckten, ein Feuer darin entfachen wollten.

"Feuer entfachen" - leicht gesagt. Es war eine gute Lektion für uns, zu erfahren, daß das wie Selbstverständliche keineswegs selbstverständlich ist Das Einfache braucht seine Erfahrung, so das Vorbereiten und Anlegen, das Anzünden und Nachlegen. Wir erfuhren, daß es nicht damit getan ist, einen Scheiterhaufen aufzutürmen. Darin taten wir nämlich unser möglichstes; wir schleppten an Zweigen, Ästen und ganzen Baumstümpfen heran, was wir quer durch Urwald und Baumweg auftreiben konnten - und das war nicht wenig. Zu große Stücke wurden einfach mit der Axt zerhackt. Das heißt, einfach war auch das nicht. Mit der Axt, die wir auftrieben, hieben wir wie Zauberlehrlinge zu.

"Wahrlich! Brav getroffen!" -
Aber nicht entzwei!
Kleinholz, wie wir hoffen,
Ist leider nicht dabei.

Die Geister, die wir riefen, bequemten sich erst unter vielem Schweiß -unserm Schweiß - herbei. Stumpfe Schneide, schwache Arme, - zähes, astiges Holz. Wir mühten uns also rechtschaffen ab. Endlich war der Kamin bis oben hin angefüllt mit Holz. Es kam der große Augenblick des Feuermachens. Mit Spannung und Erwartung beobachtete jeder, was vor sich ging. Ein Stück Papier wurde mit einem Streichholz angezündet und dann vorsichtig auf den Holzstoß gelegt. So, jetzt mußte die Flamme vom Papier überspringen. Große Spannung. Doch nichts geschah. Das Papier brannte auf, die Flamme erlosch; ein kleiner blauer Rauch stieg auf. Natürlich wußten wir dann, daß man Papier geschickterweise unter dem Holzhaufen anbrennt. Jemand sagte was von Unterluft und Zug. Also noch einmal das ganze! Wir beschworen die Flamme - aber wieder nichts. Wieder dieser kümmerliche Rauch. Wieder war etwas falsch. Ratlos standen wir vor dem Kamin. Ob es an ihm lag? - Es lag nicht an ihm. Wir wurden mutlos. Zu Hause setzten wir spielend mit Knopf und Hebel die kompliziertesten Apparaturen in Gang. Aber hier, wo alles viel einfacher, ja primitiv schien, brachten wir nichts zustande. In diesem Augenblick erschien als hilfreiche Seele Herr Müller, der Hausmeister. Er bereitete uns in kurzer Zeit ein prasselndes Feuer. Heute lachen wir darüber, wenn wir daran denken, wie töricht wir uns angestellt hatten. Aber das Kaminanzünden ist schon eine kleine Wissenschaft für sich. Es ist sogar eine Zeremonie mit genau zu befolgenden Regeln. In den leeren Kamin werden zuunterst Papier, Holzspäne und trockenes Holz gelegt, damit sich nach dem Anzünden ein Glutbett bildet. Darüber wird stärkeres Holz gestapelt - aber nicht zuviel. Das Kaminfeuer ist kein Osterfeuer, die Kunst des Nachlegens lernt man erst allmählich. Ist das Werk soweit vollbracht, kommt der Höhepunkt, das Anzünden. Langsam wird das Papier angebrannt. Von hier aus läuft die Flamme weiter und brennt hinauf zum höchsten Scheit. Hat sich ein Glutbett gebildet, so kann man auch ruhig nasses, zischendes Holz auflegen. Das geht schnell. Erstaunt stehen wir vor dem Kamin. So gewaltig hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Wir setzen uns in einem Halbkreis um den Kamin und sehen in die Flammen. Dieses Spiel des Feuers, merken wir, ist fesselnd. Denn vor uns ist etwas Lebendiges, sich immer wieder Veränderndes. Alles scheint durch den Feuerschein gewandelt. Vom Zimmer erkennt man nur undeutlich einige große Gegenstände. Das übrige ist dunkel. Aber das ist jetzt auch nebensächlich. Unsere Aufmerksamkeit ist in den Kreis vor dem Kamin gerichtet. Der flackernde Schein, der auf die Gesichter fällt und sie bald deutlicher hervortreten läßt, bald wieder umschattet, gibt ihnen unvertraute Mienen. Es treten andere Züge hervor, als man sie sonst zu sehen gewohnt ist. Man könnte fast meinen, man kenne diese Menschen nicht, wiewohl sie hier doch gelöster und näher sind.

Kamine machen nicht Gespräche. Aber der Abend, an dem wir vor dem Feuer sitzen, ist von Ort und Stunde her dem Gespräch günstig. Das Wort löst sich leichter. Dieser und jener Gedanke wird frei. Gespräche kommen auf, die wir anderswo nicht geführt hätten. Es bewegen uns viele gleiche Fragen, auf die wir Antwort suchen. Wir lernen einander näher kennen. Manches Vorurteil schwindet, wenn einer von seiner Sorge und seiner Not spricht. Wer Blockhaus Ahihorn sagt, sagt auch Gespräch. Daß dabei viele auch an Abendstunden am Kamin denken, liegt an dem guten Ort, der uns Gespräche gab, die unser Leben lang bleiben.

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