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"Was ist eigentlich gemeint, wenn wir vom ,Glauben' reden?"Dr. H. Schmidt Es ist ganz merkwürdig, daß unter uns Christen die wichtigsten Begriffe, mit denen wir die bedeutsamsten Aussagen machen möchten, oft sehr unklar sind. Es wird niemand bestreiten, daß das Wort "Glauben" zu dem am meisten gebrauchten und doch wohl auch wichtigsten Wort in der Christenheit gehört. Wenn wir einmal absehen von der Bedeutungsbreite, die dieses Wort im Gesamtlebensraum hat (z. B.: ich glaube, morgen wird es gutes Wetter werden), und uns nur beschränken darauf, was damit im Leben eines Christen gemeint ist, so ist auch da eine Verständigung gar nicht einfach. Was ich meine, kann man sich vielleicht am besten deutlich machen, wenn man sich überlegt, was wir uns wohl unter einem "gläubigen Menschen" vorstellen. Ein gläubiger oder auch frommer Mensch ist nach unserer Vorstellung einer, der in Bibel, Katechismus und Gesangbuch zuhause ist; der an allen Gottesdiensten teilnimmt; der sich anderen Menschen gegenüber freundlich, milde und rücksichtsvoll verhält; der ein unerschütterliches Gottvertrauen hat und fest daran glaubt, daß Gott ihn behüten wird auf allen Wegen und ihn einst aufnehmen wird in sein ewiges Reich; d. h. also, wir stellen uns jemand vor, der in seinem ganzen Wesen geformt und durchdrungen ist von der christlichen Botschaft. Ein solcher Mensch wäre also geradezu das Ideal dessen, was wir auch ganz gerne erreichen oder annähernd erreichen möchten. Wer sich nun dieses Idealbild des Glaubens vor Augen stellt, wird zugeben müssen, daß er weit davon entfernt ist, und es vermutlich nie erreichen wird. Man kann wohl treu sein im Blick auf den Besuch von Veranstaltungen; man kann auch übernommene Aufgaben treu erfüllen; aber gerade diese Gestaltung des inneren Menschen, die hier ja gefordert wird, kann man offensichtlich von sich aus nie erreichen. Es fällt uns auf, daß in den Evangelien dort, wo Jesus Menschen begegnet, die von Hause aus nicht gerade zu den Gläubigen jener Tage gehören, er zu ihnen sagen kann: "Dein Glaube hat dir geholfen". So etwa in der Geschichte von der kranken Frau, die einen Zipfel von seinem Gewand ergreift, in der Überzeugung, daß sie dadurch gesund werden könnte (Matth. 9, 20). Wir würden urteilen, diese Frau hätte einen absolut "unterchristlichen Glauben", mit seltsamen heidnisch-magischen Vorstellungen; außerdem ging es ihr ja gar nicht um die Frömmigkeit, sondern nur um das körperliche Gesundwerden. Ganz ähnlich ist es in der Geschichte vom Gichtbrüchigen, wo bei dem Gichtbrüchigen selber gar nicht vom Glauben die Rede ist, sondern nur bei den Trägern: ". . . da nun Jesus ihren Glauben sah, . . ." - Was ist das für ein Glauben? Ist das nicht das vorschußweise Vertrauen, das Menschen zu allen Zeiten einem Wunderdoktor entgegengebracht haben? - Ähnlich könnten wir urteilen bei der Geschichte von Jairi Töchterlein, dem Hauptmann von Kapernaum usw. Jesus rechnet hier offenbar dieses geringe Vertrauen dem Menschen als Glauben an; er erfüllt gleichsam das, was bei Menschen unerfüllt ist und bleiben wird. Dem entspricht auf der Seite des Menschen die Aussage: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Wir verstehen von hierher, wie Karl Barth dazu kommen konnte, in seinem Kommentar zum Römerbrief durchgängig das griechische Wort pistis, lat. fides mit ,Treue Gottes' zu übersetzen. In der Tat heißt ja diese Vokabel im Griechischen wie im Lateinischen sowohl ,Glaube' wie ,Treue', wobei wir freilich die Treue immer auf Seiten des Menschen vermuten und die Gläubigkeit als seine eigene Leistung ansehen. Aber das ist gerade falsch, und Karl Barth wollte durch diese ungewöhnliche Übersetzung zum Ausdruck bringen, daß Glauben jedenfalls nicht aus der Tiefe menschlichen Gemüts und menschlichen Vermögens hervorgebracht wird, sondern ein Geschenk Gottes ist. Wenn es in Römer 3, 28 heißt: "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben", so ist ja ganz klar, daß hier ,Glauben' dasselbe bedeutet, was Jesus dem Gichtbrüchigen zum Ausdruck bringt, wenn er zu ihm sagt: "Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben". Es ist also in der Tat so, daß wir in unserer Gläubigkeit nicht mehr vermögen als all die Menschen, die in der biblischen Geschichte mit einem gewissen Vertrauen zu Jesus kommen und denen dann die göttliche Hilfe, das göttliche Anteilgeben angerechnet wird: "Dein Glaube hat dich gerettet!" Von hierher verstehen wir auch, warum in dieser schon erwähnten Geschichte von der kranken Frau (Matth. 9,20) dasselbe Wort gebraucht werden kann für das "Gerettetwerden durch den Glauben" und "das am Leibe Gesundwerden". Der Glaube ist eben ein so großes Geschenk und umfaßt Himmel und Erde, daß er sowohl als Gottes Treue als auch als unser Glaube bezeichnet werden kann, und daß er offensichtlich eine Kraft ist, durch die der Mensch an Leib und Seele gesund wird. Es wäre an der Zeit, daß sich dieses Glaubensverständnis unter den Menschen herumspricht; denn viele scheuen deswegen die Zugehörigkeit zur Gemeinde, weil sie die vermeintlich als Vorleistung geforderte "Frömmigkeit" und "Gläubigkeit" nicht haben. Es könnte dann auch die merkwürdige Erwartung der Menschen außerhalb der Gemeinde aufhören, daß die Christen, insbesondere die Pastoren, gleichsam die Aufgabe in der Welt übernehmen, ein erhebliches Maß an Frömmigkeit und Moralität darzustellen. |
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