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Aus einer Predigt im BlockhausPeter Wagner Er lud auf sich unsere SchmerzenDiesen Satz schrieb der tschechoslowakische Graphiker Pivonka unter sein Bild. Es ist kein Zweifel, wen er meint. Der Mann trägt das Kreuz. Es lastet schwer auf seinem Rücken. Es drückt ihn nieder. Er muß mit der linken Hand nachfassen. Er will nicht, daß es ihm entgleitet. Bart und Haare sind wirr. Er trägt das Hemd, die Hose, die groben Schuhe eines Arbeiters. Er ist ein Arbeiter. Wie ist das zu verstehen? Will Pivonka sagen: Der Arbeiter ist heute unser Christus? Kaum. Eher umgekehrt: Christus erscheint in der Gestalt des Arbeiters. Er nimmt die Gestalt dessen an, auf den alles Schwere abgewälzt wird. Die anderen ruhen sich auf seinen Knochen aus. Die anderen: Da ist zunächst der Mann, der eine Zeitung in Händen hält. Er informiert sich. Er bedenkt die Ereignisse des Tages und bemerkt nicht, daß sich im selben Augenblick etwas an ihm ereignet. Neben ihm sitzt ein Liebespaar. Es hält sich umschlungen, ist ganz versunken, sich selbst genug. Das Glück, das die beiden genießen, es kostet sie selbst nichts. Die ärgerlichste Gestalt sitzt hinten auf dem Kreuz, am langen Hebel. Diese Last drückt am meisten. Der Mann im Talar faltet die Hände. Er macht die Gebärde des Gebets und betet vielleicht sogar. Seinen Mitmenschen und der Stadt im Tal wendet er den Rücken zu. An dem Mann, der auch ihn trägt, blickt er vorbei. Sie alle da oben tun, was wir tun. Sie tun das Übliche. Es sind keine mit Händen zu greifenden Sünden, die sie zu einer Last werden lassen. Sie merken nicht oder wollen nicht merken, daß sie getragen werden, obwohl sie es doch wissen könnten. Sie werden hinaufgetragen aus dem Tal, in dem die Stadt in Dunkel gehüllt liegt. Die Sonne, die sie erleuchten könnte, ist verfinstert. Sie gibt kein Licht. in dem man erkennen könnte, was geschieht. Licht ist auf dem Berg, da, wo die Kreuzpfähle aufgerichtet werden. Da wird man erkennen, wer man ist. Aber der Weg dorthin ist nicht geebnet. Ein Felsbrocken versperrt ihn. Niemand und nichts ist auf die Tat des kreuztragenden Mannes vorbereitet. Würde er zu Fall kommen, man fände bestätigt, daß eben nichts in der Welt zu ändern ist, und daß es Torheit ist, für andere einzustehen. "Fürwahr, er trug unsere Krankheit
und lud auf sich unsere Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt
und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet
und um unserer Sünde willen zerschlagen.
Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten."
(Jesaja 53, 4+5)Er und wir, wir stehen einander gegenüber. Er tritt für uns ein. Wir stehen nicht einmal für uns selbst ein. Er sorgt dafür, daß wir an den Ort kommen, wo wir erkennen, was Sache des Menschen ist. Unsere Sorge um Menschlichkeit kommt über Gebärden nicht hinaus. Er trägt die Folgen für das Ausbleiben der Menschlichkeit: Demütigung, Last, Leiden, Schmerzen. Wir halten diese Folgen unseres Versagens für unerträglich. Nun hat keiner mehr das Recht, die Last auf andere Menschen abzuwälzen. Nun kann man nicht mehr behaupten: es sei eben so: Die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht. Die einen sind oben, die anderen unten. Die einen sind weiß, die anderen sind farbig. Die einen gehören nun einmal zu den reichen Industrienationen, die anderen leider nicht. Das kann keiner mehr als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Das ist nicht möglich, seit er unsere Schmerzen auf sich geladen hat, seit er den unmöglichen Zustand der Welt erträgt, indem er uns trägt. |
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