Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1966: Blockhausbrief Nr. 11

Inhalt:

Titel
Ein Blick zurück
"Tradition und Fortschritt"
Blockhaus Ahlhorn oder Die Macht der Verwandlung
Wissenswertes über die Teichwirtschaft Ahlhorn
Ist das Böse wirklich böse?
Roswithas überraschende Frage
Unser liebstes Sorgenkind
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.11.1965 bis 15.11.1966
 

"Tradition und Fortschritt"

Oberkirchenrat Dr. H. Schmidt

Dieses Thema bezieht sich nicht auf die 20 Jahre Blockhausgeschichte, deren wir in diesem Jahr dankbar gedenken, obwohl auch für diese Zeit bei genauerem Hinsehen schon einiges Interessante im Blick auf das Blockhaus gesagt werden könnte.

Aber es geht hier um die uns alle angehende Frage, wie sich Tradition und Fortschritt zueinander verhalten und verhalten müssen, wenn das Leben in der Gegenwart in Ordnung sein soll. Ich habe hier absichtlich diese säkularen Begriffe gebraucht. Wir müssen sehen, was daraus wird, wenn sie unter die Kritik biblischer Aussagen geraten.

Vor 1914 lebte man in Staat und Kirche mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aus Tradition. Tradition bedeutet ja auch Geborgenheit, Dauer und Friede, deshalb ist die Sehnsucht nach Tradition groß, und jeder Fortschritt scheint den Frieden und die Geborgenheit eines traditionellen Lebens zu stören. Fortschritt ist der Feind der "guten, alten Zeit", die man doch so gerne erhalten möchte. Aber der Geist des Fortschritts sagt nun: Die gute, alte Zeit war ja nur für wenige Menschen gut, und die ungeheure Entwicklung industrieller, technischer und wirtschaftlicher Art erfordert einfach ein Fortschreiten auch auf sozialpolitischem Gebiet. Wir können gar nicht leugnen, daß es hier innerhalb der letzten 50 Jahre einen gewaltigen Fortschritt gegeben hat, den wir nur positiv bewerten können. Denn es hat sich eben dies ereignet, daß es nicht mehr Menschen verschiedener Klassen und oft auch unterschiedlichen Wertes gibt und daß für die große Schar der sogenannten "Arbeiter" Arbeits- und Lebensbedingungen geschaffen sind, die bei aller immer noch notwendigen Verbesserungsbedürftigkeit erträglicher zu nennen sind. Menschen der Kirche sollten das um so weniger leugnen, als die evangelische Kirche leider an dieser Entwicklung viel zu wenig Anteil hat. Wir sollten auch den Fortschritt auf innenpolitischem Gebiet nicht verkennen, wenngleich wir uns hier in dem Miteinander der Parteien und in der Verantwortung des einzelnen Staatsbürgers für unsere Demokratie noch erhebliche Fortschritte wünschen. Ich kann auch nicht leugnen, daß wir uns in der Institution Kirche Fortschritte denken könnten, die aus ihr ein besseres Gefäß für den ihr gemäßen Inhalt sein ließen.

Freilich kann Fortschritt auch der Feind guter Tradition sein. Dafür bedarf es eigentlich keiner Beispiele, denn wir alle leiden ein wenig darunter, daß wir über dieser Sucht nach Modernität überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen und in Gefahr sind, gute, überkommene Werte zu mißachten und zu verschleudern. Aber das müßte nun noch etwas genauer gesagt werden. Vielleicht geht es am besten so, daß wir hier einige biblische Gedanken aufnehmen, die dann zu Kriterien für ein rechtes Verhältnis von Tradition und Fortschritt werden könnten: im 5. Mose 6,20ff heißt es "wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen" ... - Und nun wird die Geschichte der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten, die Wüstenwanderung und die Landverheißung erzählt und es wird gesagt, daß darin das Rechtsein des Lebens besteht, daß diese Geschichte Gottes mit den Menschen als eigene aufgenommen und anerkannt wird. - Oder wenn es Matthäus 28, 20 ff heißt nach dem Aussendungsbefehl: ". . . lehret sie bewahren, was ich euch aufgetragen habe," so wird dadurch der Jünger Jesu gebunden an bestimmte unverrückbare Weisungen, die in der Vergangenheit geschehen sind. Das Wort "bewahren" könnte man geradezu als konservatives Wort bezeichnen, nur muß man sich hüten, das, was hier zu bewahren ist, mit "Urväterhausrat" zu bezeichnen. Dazu wäre Joh. 8, 31 ff zu vergleichen: ". . . da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen." - Die Adressaten dieses Wortes reagieren darauf so, daß sie sich durch diese Verheißung beleidigt fühlen, indem sie meinen, sie wären ja dadurch freie Menschen, daß sie traditionsgebunden lebten und ihren Stammvater Abraham hätten. Dies Verhalten der gläubigen Juden signalisiert die Gefahr, in der wir alle stehen und macht das Problem des Verhältnisses von Tradition und Fortschritt sehr deutlich. Das Wort, nach dem der Sohn den Vater fragt, ist nicht einfach ein Wort, das der Vergangenheit - und sei es auch einer bedeutenden Vergangenheit - angehört, sondern der Sohn fragt nach einem Wort, das zwar in der Vergangenheit laut geworden ist, das aber nicht der Vergangenheit verfallen ist, von den Menschen manipuliert und nach Belieben gebraucht werden kann, sondern der Sohn fragt nach Gottes eigenem Wort, das deshalb auch heute und morgen gilt und das deshalb auch Tradition und Fortschritt in ein rechtes Verhältnis zueinander setzen kann. - Wer an der "Rede Christi" bleibt, der erweist sich damit nicht als konservativ, gar noch der "guten, alten Zeit" angehörig, sondern empfängt die Verheißung, für die Zukunft bereitet zu sein. Und das wird ja wohl auch bedeuten, daß er geeignet ist, den gegenwärtigen Anforderungen standzuhalten. Wer die Wahrheit erkennt und durch die Wahrheit frei geworden ist, vermag auch Tradition und Fortschritt so aufeinander zu beziehen, daß aus Tradition kein wirklichkeitsfremder Konservativismus und aus dem Fortschritt keine sinnlose Modernität wird.


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