Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1966: Blockhausbrief Nr. 11

Inhalt:

Titel
Ein Blick zurück
"Tradition und Fortschritt"
Blockhaus Ahlhorn oder Die Macht der Verwandlung
Wissenswertes über die Teichwirtschaft Ahlhorn
Ist das Böse wirklich böse?
Roswithas überraschende Frage
Unser liebstes Sorgenkind
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.11.1965 bis 15.11.1966
 

Roswithas überraschende Frage

Heinz Wendt

Zum zweiten Male weilten meine 34 Schulmädchen - nun etwa 12-jährig -eine Woche lang im Blockhaus Ahlhorn. Wir sind wieder im "Gartenhaus" untergebracht. Vom Vorjahr her sind es die Mädchen schon gewohnt, sich geeignete Bücher aus der so bunten und reichhaltigen Bücherei im Tagesraum zu holen.

Mir fällt die Erweiterung der Bücherei zum Fenster hin auf; ich mache aber die Mädchen zunächst nicht auf die einförmig wirkenden, schwarzen Bände aufmerksam. Hier, in dem schlichten "Anbau" muß Roswitha gesucht haben. Sie setzt sich nämlich mit einem dunkel eingebundenen Buch an einen Tisch, entdeckt sich zufällig in meiner Blickrichtung und fragt mich darauf: "Wir dürfen doch in der Bibel lesen?" Erst nach einem wirklichen Augen-Blick von Mensch zu Mensch und noch etwas perplex ob dieser unerwarteten Frage antworte ich: "Ja, ja! - Natürlich!"

Und während Roswitha zu lesen beginnt, finde ich mich ziemlich beeindruckt. Wieviele Menschen nähern sich heute noch in dieser Haltung der Bibel? Wie oft erklingt wohl diese Frage? - Daß der freie Zugang zur Bibel gar nicht so selbstverständlich ist, wird mir sehr bald durch ein weiteres kleines Erlebnis verdeutlicht.

Am folgenden Tage beobachte ich zufällig, wie Doris mit einem Buch den Tagesraum verlassen will. Sie sieht mich und ruft mir - etwas schelmisch lächelnd - zu: "Aber nicht meinem Vater verraten, daß ich im Neuen Testament lese?!" - "Nein, nein! Keine Sorge!" entgegne ich rasch.

Wie könnte ich denn auch? Ihre Eltern gehören einer "freien" Glaubensgemeinschaft an. Mit Geduld und Mühe erreichte ich, daß der Vater sich mit der Teilnahme seiner Tochter am schulischen Religionsunterricht einverstanden erklärte. Wie könnte ich dies durch einen "Verrat" gefährden, wo sich Doris doch so vorbildlich und aktiv in der Religionsstunde beteiligt?

Ein paar Wochen später treffen wir in der Deutschstunde auf den Satz: "Ich stehe im Waldesschatten, wie an des Lebensrand." Meine Großstadtmädchen meine ich an unsere Waldwanderungen rund um das Blockhaus erinnern zu müssen; und während ich mich noch frage, ob die Kinder wohl schon den Vergleich verstehen, begegne ich dem wartenden Blick von Doris. Ich nicke ihr zu, und dann hören wir sie in einem Zuge schlicht und einfach sprechen: "Wir stehen am Rand des Lebens. Der liebe Gott steht im Mittelpunkt des Lebens. Wir leben für ihn und für die Mitmenschen."

Hernach frage ich mich: Haben vielleicht unsere Blockhaus-Aufenthalte, die sich monatelang immer wieder so erfreulich im Schulunterricht bemerkbar machten, auch hier mitgewirkt?


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