Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1966: Blockhausbrief Nr. 11

Inhalt:

Titel
Ein Blick zurück
"Tradition und Fortschritt"
Blockhaus Ahlhorn oder Die Macht der Verwandlung
Wissenswertes über die Teichwirtschaft Ahlhorn
Ist das Böse wirklich böse?
Roswithas überraschende Frage
Unser liebstes Sorgenkind
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.11.1965 bis 15.11.1966
 

Ist das Böse wirklich böse?

Christine Reents

Dem christlich Erzogenen, dem das Sprechen von der Sünde geläufig ist, mag diese Frage vielleicht spitzfindig vorkommen. Und doch stammt sie nicht aus dem Bereich theologischer Spitzfindigkeiten, sondern aus der Beobachtung von Tieren. Der Tiersoziologe und Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat diese Frage mit dem Titel seines Bestsellers "Das sogenannte Böse" gestellt. Im Blockhaus Ahlhorn wurde diese Frage des Bösen auf einer Studientagung im März 1966 von drei Seiten aus angeschnitten, von der tiersoziologischen, der tiefenpsychologischen und der theologischen. Die Tagung wurde von dem Akademiepfarrer Herrn Jastram und dem Studentenpfarrer Herrn Wagner geleitet. Von den drei verschiedenen Beiträgen zur Frage des Bösen soll heute berichtet werden.

Zunächst zur biologischen Fragestellung. Vier große Triebe leiten die Tierwelt: Hunger, Furcht, Geschlechtlichkeit und Aggression, also der Kampftrieb. Diesen Kampftrieb hat Konrad Lorenz genauer beobachtet. Sein Buch beginnt mit der Schilderung des Rivalenkampfes, wie ihn die großen bunten Einzelfische auf dem Korallenriff ausfechten. Hier gelingt es dem Stärksten, den günstigsten Futterplatz zu verteidigen, die sicherste Brutstätte zu schützen und dem schwächeren Rivalen seinen Platz zuzuweisen. Ist der Konkurrenzkampf zwischen gleichen Berufen, ist der Krieg unter Völkern etwas anderes als ein arterhaltender Instinkt? Ist dann nicht das Böse unter Menschen vom natürlichen Standpunkt aus gesehen etwas Gegebenes, vielleicht sogar etwas Notwendiges? Und ist dann nicht die moralische Forderung, der Mensch solle seinen Kampftrieb beherrschen, genauso sinnlos wie die Forderung, seinen Hunger zu unterdrücken?

Wer diese Folgerungen zieht, sieht den Menschen in enger Verwandtschaft zu Tieren. Er behauptet, daß er nicht nur im Körperbau den Tieren vergleichbar sei, sondern mehr noch in seinem Triebleben. Doch: Können wir wirklich von vergleichbaren Trieben sprechen? So war es nötig, von der Sicht des Tiefenpsychologen aus genauere Überlegungen zur Frage des Rivalenkampfes bei Mensch und Tier anzustellen. Es ist ja bei den Korallenfischen nicht so, daß ein Fisch den anderen ohne Hemmungen frißt. Der Kampftrieb der Fische dient nicht der Vernichtung, sondern der Gebietsaufteilung. Das Verhalten der Tiere wird also auf natürliche Weise durch Triebe geregelt und begrenzt. Der Mensch dagegen ist selber für die Begrenzung seines Kampftriebes verantwortlich. Die Kontrolle seines Kampftriebes fällt ihm umso schwerer, je mehr technische Waffen im Kampf gegen den Rivalen zur Verfügung stehen. Denn wenn der Mensch einen anderen Menschen mit eigener Hand töten wollte, würde er noch biologische Hemmungen spüren. Wenn er aber nur auf einen Knopf zu drücken braucht, um seinen Gegner mit einer Rakete total zu vernichten, wird er kaum noch natürliche Hemmungen kennen. Vielmehr braucht der Mensch mit seinen technischen Waffen eine Moral, um seinen Kampftrieb zu zügeln.

Und die Moral allein genügt auch noch nicht. Denn andere Völker und andere Länder haben andere Sitten. Das Aussetzen von kleinen Kindern ist z. B. bei uns ein Verbrechen. Für die Römer im Altertum war es das nicht. So zeigt uns die soziologische Forschung bei Menschen und Tieren, wie relativ unser Begriff des Bösen ist. Bei der Überlegung, was das Böse denn nun sein könnte, muß eine andere Seite auch zu Worte kommen.

Sucht man in der Bibel nach dem Bösen, so findet man zuerst das Gute: Gottes heile, geordnete Welt. Das Böse oder gar der Böse taucht darin nicht als der Gegenspieler Gottes auf. Vielmehr entscheidet sich der Mensch zum Bösen und ist für seine Entscheidung verantwortlich. So wird es in der typischen Geschichte von Adam, dem Menschen, erzählt (1. Mose 3). Seiner Frau und ihm wird eingeflüstert: "Eure Augen werden sich öffnen und ihr werdet wie göttliche Wesen sein." Das ist kein Absturz ins Moralisch-Böse, ins Untermenschliche. Die eigentlich wirksame Versuchung setzt nicht bei einer Schwäche des Menschen an. Es geht vielmehr um das Selbstgefühl des Starken. Der starke Mensch entscheidet sich gegen Gott in seinem Denken und Handeln. Seinen Bruder tötet er erst danach, als Folge (1. Mose 4). So ist das Böse, so ist Sünde in biblischer Sicht mehr als ein Kampftrieb, der entweder natürlich hingenommen werden muß oder moralisch überwunden werden sollte.

Vielmehr ist der Mensch seinem Wesen nach in einen Konflikt geraten, der vermeidbar wäre und zugleich immer unvermeidbarer geworden ist. Es gibt zu denken, daß das Böse in biblischer Sicht so wirksam ist, daß seine Überwindung erst durch Gott möglich ist. Jesus Christus lehrt den Menschen, vermeidbare Sünde auch allen Ernstes zu vermeiden. Und Jesus richtet sein eigenes Leben nach seiner Lehre, indem er mit seinem Tode lebend eintritt für den schuldigen Menschen.


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