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"Ahlhorn" heiß das Zauberwort, das über die Flure von Stockwerk zu Stockwerk geisterte. Es klopfte an die Klassentüren, es hatte etwas Esoterisches, etwa wie eine Bezeichnung aus der Geheimkartei der Hesseschen Morgenlandfahrer. Lediglich einige "tagenbarne" Bremer sowie ein paar Heimatkundler fanden von der lokalgeographischen Seite einen Zugang zu diesem Wort. Dann begann das zweite Stadium: das Wort konkretisierte sich. Es verlor etwas von seinem geheimnisvollen Charakter, als offiziell bekanntgegeben wurde, daß man eine musische Woche in Ahlhorn verbringen wolle. Unser Wort bekam Gewicht. Sagte jemand "Ich fahr nach Ahlhorn", so "zog" das. Und gar mancher wünschte sich, zu den "privilegierten Künstlern" zu gehören, die nach Ahlhorn fahren durften.Am 23.9.65 um 8.00 Uhr begann der dritte Abschnitt: Die Stunde der Abfahrt nach Ahlhorn war da! Für über hundert Jünger der Musen, die vor der Schule warteten, hatte das Wort "Ahlhorn" feste Gestalt angenommen, denn: "In zwei Stunden sind wir da". Die letzten Koffer, Instrumente und Zeichenbretter wurden verstaut, und dann ging's los, zur musischen Woche nach Ahlhorn. Hundertunddreißig Schüler fuhren in drei Bussen erwartungsvoll ihrem Bestimmungsort entgegen. Diese Hundertunddreißig gehörten zur Gruppe "Musik" - dem Orchester, dem Vororchester, den Bläsern und dem Chor - zur Kunst- und Theatergruppe. Das Geistzentrum bildeten die Herren Ehlers und Zanders (Musik), Schmaltz und Gramatzki (Kunst), Struckmeyer (Laienspiel) und unsere verehrten Damen Frau Rynski und Fräulein Hoy. Endlich! Nachdem die Busungetüme erfolgreich die schmalen Waldwege bewältigt hatten, sahen wir "unser" Ahlhorn vor uns: eine malerische Blockhausgruppe, umgeben von sanften Hügeln und in der Sonne glitzernden Karpfenteichen. Das war es also. So schön hatte ich mir es nicht vorgestellt. Und "schön" war in diesem Augenblick für mich nicht eine leere, abgegriffene, formelhafte Wendung, sondern ich erfühlte dieses Wort neu: die Einsamkeit, der Wald, die Teiche, aus denen dann und wann ein Karpfen in die Luft schnellte. Nachdem uns der Heimleiter, Herr von der Dovenmühle, humorvoll begrüßt und mit dem Heim und seinen "ungeschriebenen Gesetzen" bekanntgemacht hatte, erkundeten wir die Gegend. Die einen durchstreiften den Wald, andere sprangen in die vier Boote, um über den See zu staken, einige legten sich einfach in die Sonne, denn sie war warm und der Himmel wolkenlos. Fast die ganzen sieben Tage hat Petrus uns protegiert! Die passionierten Fußballspieler unter uns hatten natürlich gleich den Bolzplatz hinter dem Seehaus entdeckt. Und bald schon gehörten unsere Maler zum festen Bestandteil der Landschaft. Überall saßen sie: in den Booten auf dem See, auf der Insel, auf der Schaukel, vor einem Baum, unter einem Baum, hinter einem Baum, neben einem Baum, auf einem Baum, ein Blatt, einen Ast, einen ganzen Wald zeichnend, malend. Unsere Musiker waren immer bei uns, zumindest akustisch. Sie hatten sich ein großes Ziel gesetzt: "Die Schöpfung" von Haydn. Wir Laienspieler probten im Seehaus Molières Spiel vom eingebildeten Kranken. Hatte ich nichts zu tun, stöberte ich in der Bibliothek, einer wahren Fundgrube. Besonders ein Werk Paul Tillichs hatte es mir angetan. Und wenn ich nicht gerade probte, malte oder Fußball spielte, zog ich mit Tillich von dannen. Ich saß am See, auf einem Baum im Wald, lag auf dem Boot oder im Grase und las. In diesem Wechsel von Musizieren, Malen, Spielen und Müßiggang verging die Zeit wie im Fluge. Wir organisierten einen Tanzabend mit heißen Rhythmen und kalten Getränken. Frau Rynski und Herr Gramatzki interpretierten mit uns die Haydn-Variationen von Brahms sowie Picassos Guernica. Spiritus rector eines Stegreifspielabends war Herr Struckmeyer. Jede musische Gruppe stellte ein Team, das die Aufgabe erhielt, sechs Reizworte zu einem Spiel zu verbinden. Ein Spaß für die Sportfans schließlich war das große Fußballturnier auf dem Sandplatz, aus dem die Fünfermannschaft des Orchesters als Sieger hervorging. Heldenhaft wehrten sich die Lehrer, als sie im Kampf um den dritten Platz mit den Laienspielern nur knapp mit 0:1 den kürzeren zogen. Und so sei noch einmal allen gedankt, die uns diesen schönen Aufenthalt in Ahlhorn ermöglicht haben, insbesondere dem Heimleiter und seinen Helfern. Etwas wehmütig war uns zumute, als der Tag der Abfahrt kam, jedoch ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß dies kein Abschied für immer war. Wolfert v. Rähden |
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