|
||
|
|
Wie hat die Kirche die Wahrheit Gottes zu bezeugen?Oberkirchenrat Dr. Hans Schmidt Im Blockhaus Ahlhorn tagen im Laufe des Jahres sehr verschiedenartige Gruppen. Das gilt sowohl von der zahlenmäßigen Stärke als auch von dem geistigen Ort, auf dem sie sich bewegen. Und es könnte vielleicht mancher sagen, diese oder jene Gruppe, der es um politische oder wirtschaftliche oder soziologische Fragen geht, gehört nicht in ein kirchliches Heim. Die Jugend hat schon des öfteren geäußert: "Dieses Heim ist eigentlich für uns da, es dürfen deshalb keine "Erwachsenen-Gruppen" dort hinkommen." - So könnte auch jemand sagen: "Das Blockhaus ist ein kirchliches Heim. Was wollen da Leute, die sich nicht über das Wort Gottes und den Glauben programmäßig kümmern? - Sie sollen doch in ein Heim gehen, das für solche "säkularen" Unterhaltungen gebaut und eingerichtet ist! - Und von solch einem Heim her könnte gesagt werden: "Was will das Blockhaus Ahlhorn mit "unseren" Gruppen? Es soll sich doch gefälligst nur um "kirchliche" Leute kümmern!" Damit wären wir bei dem Thema, um das es mir in diesem kurzen Aufsatz zu tun ist. Die älteren unter uns haben noch sehr im Ohr, wie es in der nationalsozialistischen Zeit immer wieder hieß: "Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens" - "Die Kirchen sollen sich um den Himmel kümmern! Wir werden schon dafür sorgen, daß es auf Erden recht zugeht!" - Ich will nicht sagen, daß dieser Schlachtruf heute wieder aufgenommen würde. Aber ein geringes Echo davon klingt gelegentlich auch in unserem Jahrzehnt wieder auf. Mindestens aber geht es sehr intensiv um die Frage: "Hat sich die Kirche eigentlich mit der ihr anvertrauten Botschaft um alle möglichen Bereiche des Lebens zu kümmern?" - "Ist das recht, daß sie Denkschriften verfassen läßt über landwirtschaftliche Fragen und nun auch über Fragen der Vertriebenen, des Rechtes auf Heimat, der Ostgrenze usw?" - Wer das zu bedenken gibt, kann es von zweierlei Gesichtspunkten her tun: Einmal, wenn er der Kirche das Recht bestreitet, von Dingen mitzureden, von denen sie gleichsam "von Haus aus" nichts versteht. Und dann kann es geschehen, daß er der Meinung ist, die Kirche dürfe die ewige Wahrheit, die ihr in die Welt zu sagen aufgegeben ist, nicht in diesen Tagesfragen verschleißen und unwirksam machen. Dieses Letzte ist nun die Frage, die mir besonders wichtig erscheint. In einem Zeitungsartikel in der NWZ vom 16. 11. 1965 *) heißt es: "Denn eines weiß doch selbst der Laie: Das Wort Gottes, das die Kirche sprechen soll, gilt für alle Menschen und für jeden Tag. Aber es gibt viele Tage und viele Menschen, also muß der Atem dieses Wortes weit reichen, große Bögen spannen und kann nicht Rücksicht nehmen darauf, was dieser oder jener in der einen oder anderen Stunde unter Gerechtigkeit versteht. Wenn die Kirche sich aktuell engagiert, unterliegt sie den Kursschwankungen des Tages". Hier ist genau der Punkt anvisiert, um den es mir geht. So stellt sich nicht nur der "Laie", sondern auch mancher Theologe das Wort Gottes vor als eine Größe, die sich unangetastet durch die Zeiten erhalten muß, an die sich nicht der Schmutz der Tageskämpfe ansetzen darf, die aber auch um der Sicherheit des Glaubens und des christlichen Urteils willen so über dem Alltag stehen muß, daß sie nicht verwechselt werden kann mit einer Tageswahrheit. Wenn das richtig ist, darf Gottes Wort nur gleichsam von der Höhe der Kanzel in die Niederungen menschlichen Lebens und Kampfes hineingesprochen werden, und jeder einzelne muß dann sehen, wie er diesen himmlischen Regen auffängt und weiterleitet. Die Wahrheit Gottes bleibt dabei jeweils unangetastet. Und wenn etwas schief geht, oder ein Urteil sich als falsch erweist, oder eine Entscheidung verhängnisvoll unrichtig war, dann hat jedenfalls das göttliche Wort im Munde der Kirche daran keine Schuld. Katastrophen begeben sich auf der Erde und die Kirche predigt weiter das Wort, als wäre nichts geschehen. So wird es weithin gesehen. Und das dient denn dem einen dazu, die Kirche als eine unantastbare - für feierliche Begebenheiten auch nötige - Institution zu halten; den anderen, die Kirche anzusehen als das Überflüssigste, was es auf dieser Erde gibt. Beides aber verdient nicht, in der Diskussion zu sein. Es brauchen jetzt nur noch ein paar Fragen gestellt zu werden. - Wie war das eigentlich mit dem Wort des Propheten im Alten Testament? War das so ein Wort über den Zeiten, das infolgedessen aber auch gar nichts in Bewegung bringen und Menschen beunruhigen konnte? - Oder wie war das mit Johannes dem Täufer? - Gingen die Menschen in die Wüste hinaus, um einen seltsam angezogenen und merkwürdiges Zeug redenden wunderlichen Heiligen zu besichtigen und dann unangefochten nach Hause zu gehen? Oder endlich: Wie war es mit Jesus Christus? - Hat er eigentlich - über den Wolken schwebend und milde lächelnd - göttliche Worte herabträufeln lassen, oder ist er nicht vielmehr in die Verwechselbarkeit menschlicher Situationen eingetreten, hart mit den Meinungen dieser Welt zusammengestoßen und endlich von denen, die recht behalten wollten, ans Kreuz geschlagen? - Die Kirche ist nicht verpflichtet Denkschriften zu schreiben. Auf die literarische Form kommt es gewiß nicht an. Aber wenn sie den Auftrag Gottes erfüllen will, muß sie eingehen in sehr konkrete Entscheidungssituationen dieser Welt. Die Wahrheit des Wortes Gottes setzt sich nicht anders durch als in der Verwechselbarkeit mit anderen Wahrheiten. Der Mensch kann göttlicher Wahrheit nur durch den Heiligen Geist gewiß werden, nicht aber dadurch, daß er sie in einem goldenen Gefäß durch die Welt trägt, erkennbar für alle, die des Weges kommen. *) Geschrieben von Martin Weiden "Auf gefährlicher Straße?" - Evangelische Kirche in der Tagesdiskussion |
|
| zurück zum Seitenanfang | ||