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Tagebuch einer KonfirmandenfreizeitGerhart Orth Sonntag, 7. November: Die Eltern der Konfirmanden haben sich im Gemeindehaus versammelt. Ich habe sie zweimal mündlich (durch die Jungen und Mädchen) und einmal durch einen Brief zum Elternabend eingeladen. Der Sonntagabend ist für eine solche Veranstaltung in unserer Gemeinde günstig, denn das Fernsehprogramm bietet keine besonders attraktiven Sendungen. Außerdem gehen die meisten Menschen am Sonntagabend nicht aus, um Besuche zu machen, weil sie am Montagmorgen wieder früh zum Dienst müssen. Zu einem Elternabend, der nicht länger als höchstens zwei Stunden dauert, lassen sie sich aber einladen. So sind von 62 Jungen und Mädchen, die ich konfirmieren soll, insgesamt 51 durch ihre Eltern oder wenigstens einen Elternteil vertreten. Ich habe die Eltern ein halbes Jahr vor der Konfirmation ihrer Kinder eingeladen, um mich mit ihnen bekannt zu machen und um die bevorstehende Freizeit im Blockhaus Ahlhorn mit ihnen zu besprechen. Die Eltern sollen wissen, was ihre Jungen und Mädchen auf dieser zweitägigen Rüstzeit erwartet. Das Zusammenleben im selben Heim, das gemeinsame Essen und Übernachten, das Miteinander in der Gestaltung eines Wochenendes soll die Konfirmanden auf der einen Seite und mich, den Pastor sowie meine Mitarbeiter auf der anderen Seite zu einer engeren, persönlicheren Begegnung führen. Ein solcher Kontakt ist ja in den ein bis zwei Unterrichtsstunden pro Woche nicht möglich. Die Jugendlichen sollen unmittelbar erleben, wie ein Tag und eine Lebensgemeinschaft aussieht, die unter dem Vorzeichen des christlichen Glaubens stehen. Sie sollen erfahren, daß sich ein ernstes Fragen nach den Aussagen der Bibel und unbekümmerte Ausgelassenheit beim Spiel nicht ausschließen. Es soll ihnen deutlich werden, daß man als junger, lebensfroher Mensch durchaus Christ sein kann, ohne dabei in einen Krampf oder Zwang zu geraten Im offenen Gespräch lassen sich außerdem die Fragen des Glaubens und die Lernstoffe des Unterrichtes viel besser erörtern und vermitteln als im starren Gegenüber von Lehrer und Schülern. - Alle Eltern sind bereit, ihre Kinder an der Freizeit im Blockhaus teilnehmen zu lassen. Montag, 8. November: Nachdem die Teilnehmerzahl für die Konfirmandenfreizeit feststeht, kann ich einen Omnibus bestellen, der uns 14 Tage später nach Ahlhorn bringen soll. Auch im Blockhaus wird per Postkarte die genaue Zahl der Teilnehmer (Jungen und Mädchen getrennt) mitgeteilt und hinzugefügt, mit welcher Mahlzeit wir beginnen und mit welcher wir die Freizeit beschließen möchten. Mittwoch, 10. November: Mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern halte ich eine Besprechung ab, auf der das Programm für die Konfirmandenfreizeit vorbereitet wird. Die Eltern der Konfirmanden haben am Sonntag einen Kurzfilm gesehen mit dem Titel "Lonely Boy". Er berichtet objektiv vom Aufstieg und Geschäft des amerikanischen Schlagersängers Paul Anka. Der Film hat die Eltern sehr bewegt und, zu einem Gespräch angeregt, bei dem die Meinungen hart aufeinanderprallten. Nun wollen wir mit den Konfirmanden das Thema "Du und der Schlager" behandeln. Jeder wird gebeten, zwei Schallplatten mit nach Ahlhorn zu bringen, und zwar eine Platte, die besonders gefällt und eine andere, die abgelehnt wird. Meine Mitarbeiter besorgen insgesamt fünf Plattenspieler, so daß wir in mehreren Gruppen die Schallplatten anhören und beurteilen können. Dienstag, 16. November: Um die Mittagszeit starten wir mit dem bestellten Bus. Die Schulen haben meinem Antrag entsprochen (ich mußte neun verschiedene Schulen anschreiben) und den Konfirmanden nach der 4. Unterrichtsstunde freigegeben. So können wir rechtzeitig losfahren und nach der Ankunft in Ahlhorn noch das volle Tageslicht zu einem Waldspiel benutzen. Wir machen ein Spiel, bei dem zwei Burgen verteidigt bzw. erobert werden müssen. Entscheidend ist, ob es gelingt, einen bunten Wimpel aus der "feindlichen" Burg herauszubringen. Viele Konfirmanden haben ein solches "Geländespiel" noch nie mitgemacht und stellen sich ziemlich ungeschickt an. Aber die kundigen Leute reißen die zunächst unlustigen Schlachtenbummler bald mit, und es kommt zu einem abwechslungsreichen Wettkampf. Die Blauen haben schließlich den Wimpel der Gelben erobert und daneben am meisten "Lebensfäden" der Gegenpartei zerrissen. Sie sind unbestrittene Sieger. Die beiden Gruppen reden laut aufeinander ein, als sie nach Abschluß des Spieles hungrig ins Blockhaus zurückkehren. Beim Abendessen sitzen aber alle wieder friedlich nebeneinander an den Tischen und lassen es sich schmecken. Um 20 Uhr beginnt der sog. "Bunte Abend" im großen Kaminsaal. Dazu werden fünf Gruppen eingeteilt, und jede Gruppe muß ein Stegreifspiel aufführen. Die Aufgaben dafür werden erst in der Pause nach dem Abendessen mitgeteilt. So gibt es überall auf den Zimmern ein aufgeregtes Vorbereiten. Eine Gruppe muß das Bubenpaar Max und Moritz kostümieren und darstellen, eine andere Gruppe hat das Los mit dem Eisläuferpaar Kilius-Bäumler gezogen, während die dritte Winnetou und Ribana auftreten lassen soll. Ein Schiedsgericht fällt dann bei der "Aufführung" der einzelnen Szenen die Entscheidung, wer es am besten gemacht hat. Es folgen verschiedene Gesellschaftsspiele im großen Kreis. Ein Mitarbeiter singt zur Klampfenbegleitung Lieder und Songs aus verschiedenen Ländern und erntet damit großen Beifall. Er stimmt dann mit allen Konfirmanden ein fröhliches Singen an, und selbst die vom Stimmbruch betroffenen Jungen machen dabei gern mit. Den Abschluß bildet das Kaminfeuer mit einer Gruselgeschichte, die anschaulich erzählt wird. Mit dem Abendgebet klingt der Tag aus. Es gibt noch einigen Lärm im Waschraum und in den Schlafräumen, aber nach einer halben Stunde ist "Zapfenstreich". Meine Gemeindehelferin und ich wünschen den Mädchen bzw. den Jungen ein "Gute Nacht" und löschen überall das Licht. Nach einer Weile gehe ich noch einmal leise auf dem Korridor im "Gartenhaus" auf und ab, denn von dortaus waren noch Stimmen zu hören. Auf dem Zimmer der "Rotaugen" können bzw. wollen sie noch nicht zur Ruhe kommen. Sie werden am nächsten Morgen ihrem Tatendrang nachgehen und schon um 7.30 Uhr in der Küche beim Reinigen der Kartoffeln helfen. Als ich diese Mitteilung laut angekündigt und energisch Ruhe verlangt habe, ist alles still. So kann ich mich auch auf mein Zimmer zurückziehen und noch einmal die Kurzpredigt für den Sonntag. durchlesen. Bußtag, 17. November: Nach dem Frühstück wird der große Saal wieder umgeräumt, diesmal zum Gottesdienst. Zwei Jugendliche übernehmen die Lesung des Sonntagspsalmes und des Evangeliums. Ein Mädchen begleitet die Lieder am Flügel. Zum ersten Mal singen wir mit den Konfirmanden gemeinsam das Lied, das auch im Einsegnungsgottesdienst vorgesehen ist: "Herr, wir stehen Hand in Hand". Am Ausgang steht ein Metallteller. Die Jungen und Mädchen wurden rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß darauf eine Sammlung für die Arbeit im Blockhaus erbeten wird. So ergibt die Kollekte einen ansehnlichen Betrag. - In der zweiten Hälfte des Vormittags werden fünf Arbeitsgruppen gehalten, d. h. in fünf verschiedenen Räumen sitzen Gruppen beieinander und hören sich die mitgebrachten Schallplatten an. Sie haben die Aufgabe, diese Platten nach dem Text, der Musik und dem Arrangement zu beurteilen. Jeder schreibt dann auf einen Zettel die fällige Note. Die beste Zensur ist die 1, völlig ungenügend ist die 6, also wie in der Schule. Jede Gruppe darf nach dem Mittagessen die beiden Platten vorführen, die am günstigsten beurteilt wurden, Im großen Kreis gibt es dann eine ungemein lebhafte Aussprache. Da wird ein Song der Beatle-Gruppe hart angegriffen und in Grund und Boden verdammt. Ein Junge, der etwas von der Beat-Musik versteht, verteidigt die Platte ebenso leidenschaftlich. Man fällt sich gegenseitig ins Wort und reagiert in der Menge mit lauter Zustimmung oder Ablehnung. Einige Mädchen sind nur von dem stampfenden Rhythmus einer Beat-Platte beeindruckt und geben die Zensur "sehr gut". Sie ernten ein Pfeifkonzert und müssen sich von einem Schüler, der die englische Sprache versteht, übersetzen lassen, daß der Text sehr schmutzige Aussagen macht. Als die Platte dann in der Gesamtheit beurteilt wird, fällt die Note wesentlich schlechter aus. Nach und nach gelingt es im Gespräch, bestimmte Maßstäbe für gute und schlechte Schlager zu entwickeln. Dabei ist wichtig, daß die Jugendlichen sich selbst ein Urteil bilden und nicht die Meinung der Mode oder der Älteren einfach übernehmen. Einhellig ist endlich die Ansicht über die beste vorhandene Platte. Es ist der bekannte River-KwaiMarsch, der schon eine lange Lebensdauer hat. Zum Abschluß der Diskussion über die Schallplatten zeige ich eine Tonbildreihe. Sie hat den Titel des Schlagers "Ich möchte träumen" und behandelt das moderne Geschäft, das mit Schlagern, Schnulzen, Hits und Show gemacht wird. Die meisten Melodien auf dem Tonband sind den Jugendlichen vertraut und werden mitgesungen. Wir erfahren durch den Zwischentext, daß der bekannte Schlager "Liebeskummer lohnt sich nicht" zwar in der Musik und im Arrangement gekonnt, im Text aber unwahr ist. Dasselbe gilt von dem sentimentalen Lied vom Försterhaus oder vom Vagabunden. Dagegen findet der Schlager über die "Souvenirs" und "Ohne Krimi geht die Mimt nie ins Bett" die ungeteilte Zustimmung des Kommentators. Hier werden menschliche Schwächen unserer Zeit auf die Schippe genommen und launig vorgetragen. Der Schlager soll nicht mehr sein als eine Eintagsfliege, die uns in Bewegung hält und Freude macht. Wer mit den Gefühlen Mißbrauch treibt, wer falsche Lebensregein vermittelt, kann nicht auf eine gute Note im Schlagergeschäft rechnen. Ich hoffe, daß die Teilnehmer unserer Konfirmandenfreizeit sich nun besser darauf verstehen. - Dann haben sie etwas Hilfe für ihre persönliche Zukunft erfahren. |
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