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Der Dienst der Kirche an den SoldatenW. Gerhold Vom 8. bis 10. November 1965 hat in Frankfurt eine Arbeitstagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland stattgefunden, die sich hauptsächlich mit Fragen der Militärseelsorge befaßte. Dadurch ist dieser Arbeitszweig der evangelischen Kirche erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt worden. Er nahm seinen Anfang am 1. November 1955, also vor zehn Jahren. Wenn jetzt auf der Frankfurter Arbeitstagung die Synodalen dem Militärbischof, allen Militärpfarrern und den Mitarbeitern der Militärseelsorge offiziell ihren Dank für den bisher geleisteten Dienst am Evangelium zum Ausdruck brachten, so ist das im Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre von besonderer Bedeutung. Damit wird anerkannt, daß sich die neue Form der Soldatenseelsorge, die sich ausschließlich als Dienst der Kirche an den Soldaten versteht, bewährt hat. In dem viel diskutierten Militärseelsorgevertrag, der 1957 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Evangelischen Kirche in Deutschland abgeschlossen wurde, sind die Richtlinien für diese Arbeit festgelegt. Militärbischof D. Kunst hat dazu in seinem mündlichen Bericht vor der Frankfurter Synode gesagt: "Bei den Vertragsverhandlungen war es die Sorge des Rates der EKD und der Landeskirchen, aus den Erkenntnissen und Erfahrungen, die die Kirche in der Zeit der Anfechtung und Sichtung gemacht hatte, die gebotenen Folgerungen zu ziehen. Deshalb mußte die entscheidende Aufgabe sein, eine Organisationsform zu finden, die der Freiheit der Verkündigung möglichst weiten Raum gibt. Ohne jeden Zweifel gibt es keine Militärseelsorge in der Welt, die durch vertraglich gesichertes Recht eine vergleichbare Unabhängigkeit besitzt, wie die in der Bundeswehr." Ist die Unabhängigkeit der Militärgeistlichen und die Freiheit der Verkündigung tatsächlich gewährleistet? Jeder Militärpfarrer kann das mit gutem Gewissen bestätigen und wenn es im Militärseelsorgevertrag heißt: "Die Militärseelsorge als Teil der kirchlichen Arbeit wird im Auftrag und unter der Aufsicht der Kirche ausgeübt", dann ist das auch wirklich so. Dem entspricht dann auch die Beschreibung des Auftrages, der dem Militärpfarrer als Diener der Kirche übertragen ist: "Aufgabe des Militärgeistlichen ist der Dienst am Wort und Sakrament und die Seelsorge. In diesem Dienst ist der Militärgeistliche im Rahmen der kirchlichen Ordnung selbständig. Als kirchlicher Amtsträger bleibt er in Bekenntnis und Lehre an seine Gliedkirche gebunden." So braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Kirche die Soldaten, die ihr als Glieder angehören, auch in ihre Räume holt. Auch im evangelischen Jugendheim der Oldenburger Landeskirche - im Blockhaus Ahlhorn - kann man ihnen immer wieder begegnen. In aller Stille wird hier durch die Rüstzeiten der Militärseelsorge eine entscheidende Arbeit geleistet. Für einige Tage kommen junge Menschen unter der Leitung ihres Militärpfarrers zusammen, um gemeinsam die Bibel zu lesen und um Fragen des Glaubens und des Lebens zu diskutieren und zu erörtern. Jeder Tag beginnt mit einer Andacht und mit einer Bibelarbeit. Vorträge von Fachleuten und Gemeindepfarrern füllen das Programm. Jede Rüstzeit schließt mit einem Abendmahlsgottesdienst. Das gemeinsame Leben, das Zusammensein mit dem Pfarrer, das seelsorgerliche Gespräch in diesen Tagen gibt den Teilnehmern einer solchen Rüstzeit immer wieder Klärung ihrer persönlichen Probleme und innere Ausrichtung am Wort Gottes. Im Jahr 1964 haben 18.600 Soldaten an derartigen Rüstzeiten der evangelischen Militärseelsorge teilgenommen, für die sie von der Bundeswehr zweimal im Jahr bis zu insgesamt 7 Tagen Sonderurlaub erhalten, der nicht auf den Jahresurlaub angerechnet wird. Da diese Rüstzeiten eigentlich immer in kirchlichen Tagungsstätten stattfinden - nur in besonderen Terminnöten weicht der Militärpfarrer in neutrale Tagungsheime aus - wird gerade an diesem Schwerpunkt der Militärseelsorge deutlich, daß sie sich ganz als ein Dienst der Kirche versteht. Daran ändert sich auch nichts, wenn der Militärpfarrer, der grundsätzlich keine Uniform trägt, sondern seinen Dienst in ziviler Kleidung tut, in Wahrnehmung seines Amtes dahin geht, wo seine Gemeindeglieder leben und Ihren Dienst tun, nämlich in die Kaserne. Er muß ja doch bei ihnen sein und für sie auch zu erreichen sein. Dort hat er in der Regel seine Diensträume, dort in der Kaserne gibt er als Pfarrer den sogenannten Lebenskundlichen Unterricht, in dem auf christlicher Grundlage Lebens- und Glaubensfragen an die jungen Menschen herangebracht werden. In jeder Einheit sollen einmal im Monat ein bis zwei Stunden Unterricht stattfinden. Im Gegensatz zur Rüstzeit, wo die anstehenden Fragen wirklich durchdacht und durchgearbeitet werden können, muß es im Unterricht oftmals nur bei einem "Denkanstoß" verbleiben. Trotzdem ist dieser Unterricht wichtig, weil er für beide Seiten, für die Soldaten wie für den Pfarrer, der Treffpunkt ist, wo man sich begegnet; durch diesen Unterricht wird der Pfarrer den Soldaten persönlich bekannt, durch diesen Unterricht finden die Soldaten den Weg zum Pfarrer. Der monatliche Standortgottesdienst, in dem in der Regel mehrere Einheiten zusammengefaßt werden, dient dann ausschließlich der Verkündigung des Wortes Gottes. Das Militärgesangbuch mit seinen mannigfachen Hilfen, zum Verständnis des Gottesdienstes, zur Anleitung für das Gebet, zur Einführung in Stille und Besinnung, ist dabei von unschätzbarem Wert. Jeder Soldat bekommt es bei Eintritt in die Bundeswehr unentgeltlich ausgehändigt. Damit aber auch die Angehörigen der länger dienenden Soldaten (Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit) Gelegenheit haben, "ihren" Pfarrer zu hören, halten alle Militärpfarrer einmal im Monat am Sonntagmorgen den normalen Sonntagsgottesdienst in einer Kirche, der ihr Seelsorgebereich zugeordnet ist und In der sie dann auch die monatlichen Truppengottesdienste zu halten pflegen. Dieser Sonntagsgottesdienst in der zivilen Gemeinde wird von allen Militärpfarrern besonders gerne gehalten, denn dadurch gewinnen sie immer wieder Kraft für ihren Spezialauftrag und dadurch werden sie vor einer möglichen Isolierung bewahrt. Sie sind Diener der Kirche und wollen es auch ganz bewußt sein. Und jede Möglichkeit, die dazu beitragen kann, dies auch nach außen hin deutlich zu machen, wird freudig wahrgenommen. Je enger die Verbindung des Militärpfarrers zur örtlichen Kirchengemeinde ist, je sorgfältiger man auf beiden Seiten darauf bedacht ist, mögliche Ansätze zur Bildung einer isolierten "Militärkirche" im Keim zu ersticken, desto lebendiger ist in der Regel das geistliche Leben im Seelsorgebereich des Militärpfarrers. Es gibt Kirchengemeinden, in deren Räumen die Soldaten aus und ein gehen und mit der evangelischen Gemeindejugend engsten Kontakt haben. Es gibt andere Kirchengemeinden, in deren Kirchenvorständen Soldaten sitzen, die ihr Kirchenvorsteheramt in geistlicher Verantwortung wahrnehmen und es gibt auch Kirchengemeinden, in denen sich junge Soldaten als Helfer im Kindergottesdienst beteiligen. Sollte man sich über diese Entwicklung nicht freuen? Bei den meisten Wehrpflichtigen handelt es sich um junge Menschen, die vor fünf oder sechs Jahren von ihrem Pfarrer in der Heimatgemeinde konfirmiert worden sind und es sind die jungen Väter von morgen. Wäre es überhaupt zu verantworten, diese getauften Christen in einer entscheidenden Phase ihres Lebens allein zu lassen? Unsere volkskirchliche Situation hat ja auch ihre besonderen Probleme und manch einer kommt seit seiner Konfirmation während der Dienstzeit zum erstenmal überhaupt wieder mit einem Pastor in Berührung. Daß es darüber hinaus in der Militärseelsorge, durch die besondere Eigenart ihres Dienstes, auch Spannungen und Probleme gibt, darf und soll nicht verschwiegen werden. Aber wäre, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die Problematik der nuklearen Bewaffnung ohne Militärseelsorge eine andere? Bliebe uns die Gewissensprüfung ohne Militärseelsorge erspart? Schließlich ist jeder Christ ja auch zugleich Staatsbürger und als Staatsbürger für das allgemeine Wohl mit verantwortlich. Grade von der militärischen Seite ist immer wieder der Wunsch an die Kirche herangetragen worden: Laßt uns in dieser bedrückenden Situation nicht allein! Man will den Pfarrer und nicht den "Militär"- Geistlichen. Und darum kann die Aufgabe der Militärgeistlichen heute in nichts anderem bestehen, als im Dienst am Wort und Sakrament und in der Seelsorge. |
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