Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1965: Blockhausbrief Nr. 10

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Wie hat die Kirche die Wahrheit Gottes zu bezeugen?
Liebe Blockhausgemeinde!
Der Dienst der Kirche an den Soldaten
Eine bunte Gesellschaft
Allerlei vom Karpfen
Die Blockhaussymphonie
Freiheit in der Gemeinschaft
Die Arbeit mit berufstätigen Jugendlichen
Gibt es eine besondere christliche Ethik?
Tagebuch einer Konfirmandenfreizeit
Gedanken aus der Predigt vom 15. August 1965 im Blockhaus Ahlhorn
Wir waren in Ahlhorn!
Kurzberichte der Gäste zwischen dem 1. November 1964 und dem 31. Oktober 1965
 

Gibt es eine besondere christliche Ethik?

Chr. Reents

Diese Frage haben wir bei der Herbstrüstzeit der Theologiestudenten (Leitung: Herr Oberkirchenrat Dr. Schmidt) von verschiedenen Seiten her durchdacht. Richtet sich das Handeln des Christen nicht völlig zweckfrei nach der Norm: Gutes Tun um des Guten willen? Oder gelten für den Christen besondere Regeln des Handelns?

Das Problem führt zur fragenden Auslegung neutestamentlicher Ethik. Wir verdeutlichten uns einen merkwürdigen Sachverhalt bei Paulus. Der Apostel mahnt die Christen, ihr Handeln auf die Hoffnung hin auszurichten. Und zugleich lautet der Inhalt seiner Einzelmahnungen: handelt so, wie es üblich ist; gehorcht dem römischen Staate; bleibt in der Familie zusammen; wendet euch nicht gegen die Sitte der Sklaverei! Und: verzichtet auf Rache! Gott sorgt für euer Recht, der Herr wird sein Recht durchsetzen. Mit jedem irdischen Tage kommen wir dem Tag näher, an dem nur noch Gottes Recht gilt.

"Die Zeit ist kurz.
Deshalb sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine;
die da weinen, als weinten sie nicht;
die sich freuen, als freuten sie sich nicht;
die sich etwas kaufen, als besäßen sie nicht;
die diese Welt gebrauchen, als gebrauchten sie sie nicht.
Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
Ich möchte aber, daß ihr ohne Sorge lebt." (1. Kor. 7,29 ff)

Doch: läßt sich eine zeitgemäße Ethik auf paulinischer Grundlage entwerfen? Das ist die Frage, denn die Erwartung des "Jüngsten Tages" ist wohl kaum noch Motiv christlichen Handelns. Sogar die Kirche hat die konkrete Enderwartung als Sektendenken abgetan. Sie mußte ja als Institution verantwortlich für Generationen handeln, während Paulus nur an die Nähe des Jüngsten Tages dachte. Paulus konnte jedoch in seiner Hoffnung sektiererische Schwärmerei vermeiden, weil der Hoffnung sehr konkretes und normales Handeln entsprach. Und er konnte in seiner Ethik das Moralisieren vermeiden, denn das endgültige Urteil und Verurteilen blieb Gott vorbehalten.


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