Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1965: Blockhausbrief Nr. 10

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Wie hat die Kirche die Wahrheit Gottes zu bezeugen?
Liebe Blockhausgemeinde!
Der Dienst der Kirche an den Soldaten
Eine bunte Gesellschaft
Allerlei vom Karpfen
Die Blockhaussymphonie
Freiheit in der Gemeinschaft
Die Arbeit mit berufstätigen Jugendlichen
Gibt es eine besondere christliche Ethik?
Tagebuch einer Konfirmandenfreizeit
Gedanken aus der Predigt vom 15. August 1965 im Blockhaus Ahlhorn
Wir waren in Ahlhorn!
Kurzberichte der Gäste zwischen dem 1. November 1964 und dem 31. Oktober 1965
 

Allerlei vom Karpfen

Dr. Erna Mohr, Hamburg

Karpfen

Sitzen wir still am Ufer unserer Fischteiche in Ahlhorn oder lassen uns ruhig mit dem Boot treiben, hören wir gelegentlich neben uns einen herzhaften Schmatz. Und wenn wir uns überrascht nach dem Urheber umsehen, ist da nichts als ein paar Kringel an der Wasseroberfläche, als hätte jemand einen Stein hineingeworfen. Es war aber weder Nixe noch Nöck, was uns narrte, sondern ganz schlicht ein Karpfen, der ein auf das Wasser gefallenes Insekt einschlürfte.

Die Teiche um das Ahlhorner Blockhaus dienen der Karpfenzucht. Der Karpfen ist ein Fisch mit einer zahlreichen Verwandtschaft, nicht nur in deutschen Gewässern. So gehören bei uns dazu z. B. Schlei, Karausche, Rotauge, Brassen, Orte, aber auch kleine Arten wie Gründling, Bitterling, Moderlieschen. Man faßt sie zusammen als die Familie der Karpfenartigen, oft einfach "Weißfische" genannt.

Neben dem Volksnamen hat jedes Tier und jede Pflanze einen technischen Namen, der der internationalen Verständigung dient und von den Fachleuten jedes Sprachgebietes richtig verstanden wird. Oft wird dieser technische Name einfach als "lateinischer Name" bezeichnet. Das ist aber nicht immer richtig. Der technische Name kann auch dem Griechischen oder noch anderen Sprachen entnommen sein. Unser Karpfen führt den technischen Namen Cyprinus carpio. Das versteht auch der türkische Fischkundige, der den Karpfen "sazan" nennt, der Ungar ("ponty"), Japaner (" koi") oder Bulgare ("scharan"). Der Russe unterscheidet den Zuchtkarpfen ("karp") vom Wildkarpfen ("sasan"). In den westeuropäischen Ländern finden wir hauptsächlich Worte mit starkem Anklang an unser Wort Karpfen, wie z. B. carpe (Dänemark, Frankreich), carp (England), karp (Polen), karper (Niederlande), karppi (Finnland) oder crap (Rumänien).

Besehen wir uns nun den Karpfen mal recht genau, damit wir nicht nur Genuß von ihm haben, wenn er vor uns blau auf dem Teiler liegt, sondern damit uns auch die vielen Unterschiede zu anderen Speisefischen zum Bewußtsein kommen.

Für den Karpfen ist die sehr lange Rückenflosse bezeichnend, die über den bauchständigen Bauchflossen beginnt und bis zum Ende der sehr kurzen Afterflosse reicht. Diese beiden unpaaren Flossen haben zu Beginn 3 härtere Flossenstrahlen, von denen der dritte am kräftigsten ist. In der Rückenflosse folgen dann 17-23, in der Afterflosse noch 4-6 weiche, geteilte Gliederstrahlen. In der tiefgegabelten Schwanzflosse und den paarigen Flossen, von denen die Brustflossen den Armen, die Bauchflossen den Hinterbeinen entsprechen, ist jeweils der äußere Strahl zwar gegliedert, aber ungeteilt. Der dritte Strahl in Rücken- und Afterflosse ist derart stark verknöchert, daß er zwar nicht dem Aufbau, wohl aber in der Wirkung einem Stachel gleicht; an jedem Gliede ist an der Rückseite unten ein kleiner Fortsatz, der den Strahl zu einer Säge macht, an der man sich verletzen kann, wenn man mit Karpfen hantiert. Normalerweise, am unversehrten Fisch, wird diese Säge von einer Flossenhaut umschlossen, die alle Flossenstrahlen miteinander verbindet und zusammenhält. Die Flossen können willkürlich bewegt werden.

Der Karpfen hat am Maul zwei Paar Bärtel, das vordere dunkle nahe der Schnauzenspitze, das hellere hintere an den Mundwinkeln. Der Mund selbst ist zahnlos. Die unteren Abschnitte des hinteren verknöcherten und verstärkten Kiemenbogenpaares, die sogenannten Schlundknochen, tragen an ihrer konkaven Innenfläche Zähne, die sogenannten Schlundzähne, deren Kappen zeitlebens gewechselt werden können. Die Schlundzähne arbeiten gegen die sogen. Kauplatte, die als Widerlager beim Kauen wirkt. Alle Weißfische haben Schlundknochen, die so verschieden voneinander sind, daß man auch bei einzelnen Schlundknochen sagen kann, welcher Fischart sie entnommen sind.

Die Karpfenartigen haben eine Schwimmblase mit Luftgang, die durch eine Einschnürung in zwei hintereinanderliegende Kammern geteilt ist. Das Auge ist nicht groß und wenig ausdrucksvoll.

Jeder Fisch hat im inneren Ohr an jeder Kopfseite 3 Kalkgebilde, die sogenannten Otolithen, Statolithen oder Gehörsteine. Bei den meisten Fischen ist von den Gehörsteinen die im Sacculus liegende Sagitta am größten. Wenn wir vom Kopf eines gekochten Dorsches oder Schellfisches das hintere Ende abbrechen und so die Hirnhöhle eröffnen, können wir meist schon diese beiden, mehrere cm langen Gehörsteine einfach herausschütteln. Die anderen Gehörsteine sind nur millimeterlang und müssen schon sorgfältiger gesucht werden. Es sind der Asteriscus in der Lagaena und der Lapillus im Utriculus.

Nun haben wir zwei Fischfamilien, bei denen nicht die Sagitta der größte Gehörstein ist. Dafür sind alle Steinchen untereinander fast gleich groß. Bei den Welsen ist unter ihnen der Lapillus der etwas größere, bei den Karpfen-artigen der Asteriscus. Wer ihn finden will - ihn und die anderen - muß schon viel genauer hinsehen als beim Schellfisch oder einer Flunder.

Karpfenschuppe

Die Karpfenschuppe ist eine Cycloidschuppe, eine Rundschuppe, von der 2/3 in der Schuppentasche stecken, das hintere Drittel frei nach hinten hinausragt. Um das Schuppenzentrum legen sich Ringe, nach denen das Alter des Fisches abgelesen werden kann. Da im Winter die Nahrungsaufnahme eingestellt wird, wächst der Karpfen in dieser Zeit nicht. Wird er im Frühjahr mit zunehmender Wärme wieder munter, setzt auch die Nahrungsaufnahme und damit das Wachstum wieder lebhaft ein, und die Ringe auf den Schuppen haben größeren Abstand voneinander. Die winterliche Ruhepause zeichnet sich an der Schuppe durch eine Zone von sehr nahe beieinanderliegenden Ringen ab. So kann man das Alter erkennen. Der ehemalige Besitzer der hier abgebildeten Schuppe hatte also 5 Sommer hinter sich, als ihm diese ausgerupft wurde.

Auch an Knochen und Gehörsteinen lassen sich bei geeigneter Behandlung Jahresringe feststellen, die aber beim Karpfen viel schwerer als die Schuppen benutzbar und in unseren Zuchten auch wohl entbehrlich sind, da die Karpfen in den Zuchtteichen nach Altersklassen zusammengehalten und damit dem Alter nach bekannt sind. Die Möglichkeit der relativ leichten Altersbestimmung kann einmal nützlich sein, wenn man sich über zugekaufte Besatztische nicht klar ist. Besatzkarpfen von 15-20 cm sind als Zweisömmerige normal groß. Stellt sich aber bei der Altersbestimmung heraus, daß sie schon drei- oder gar viersömmerig sind, so haben wir schlechtabgewachsenen geringwertigen Besatz bekommen, der bei hohem Futterverbrauch zu wenig Fleisch gebildet hat und damit auch untauglich zur Zucht wäre.

Die Nahrung des Karpfens ist teils tierisch, teils pflanzlich; sie besteht aus kleinen Boden- und Planktontieren wie Würmern, Wasserflöhen und anderen Kleinkrebsen, Muscheln, Mückenlarven, aber auch stärkemehlhaltigen Pflanzenteilen und wird durch eine Art Saugbewegung in den Mund gezogen. Geschieht das an der Wasseroberfläche, so hört man ein deutliches Schmatzen. Der Karpfen kann Stärkemehl gut, nicht aber Cellulose verdauen. Im Ganzen ist er ein Friedfisch; größere jagten aber im Aquarium gelegentlich nicht ohne Geschick Jungfische von Gründlingen, Elritzen und anderen kleinen Fischarten. Im Aquarium kann man vom Karpfen neben dem Schmatzen auch deutlich Kaugeräusche hören, die beim Zerschroten größerer Nahrungsteile mit Hilfe von Schlundzähnen und Kauplatte entstehen.

Der Karpfen wurde vor rund 500 Jahren nach Norddeutschland eingeführt. Er ist in der gemäßigten Zone Mittelasiens (Japan, China, Formosa, Turkestan) und Osteuropa (Flußgebiet des Kaspischen und des Schwarzen Meeres) verbreitet. Von hier aus wurde er über fast ganz Europa, aber auch nach Nordamerika und Australien, sowie in viele asiatische Länder erfolgreich verpflanzt. In Skandinavien hielt er sich nur im Süden, auch in einigen wärmeren Gegenden des westlichen Norwegens. Auf Bornholm wurde er erfolglos ausgesetzt. Von Großbritannien wird er zuerst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erwähnt; er ist jetzt dort sowie auf Irland verbreitet. In Italien findet man ihn nur kontinental, nicht auf den Inseln. In Norddeutschland kommt er jetzt zwar nicht selten im freien Wasser vor, ist hier aber ausgesetzt worden oder von Zuchtteichen entsprungen. Er pflanzt sich bei uns im freien Wasser kaum fort, da dies für die Entwicklung der Brut nicht warm genug wird. In einigen flachen warmen Seen wird zwar Eiablage beobachtet, doch schlüpft die Brut nicht, bzw. wenn doch ausnahmsweise, kommt sie schlecht hoch, denn Eier und frischgeschlüpfte Brut werden durch Bruträuber vernichtet. Den Ansporn für Einbürgerung und Zucht des Karpfens ging im Norden recht oft von den Klöstern aus, die als Fastenspeise den Karpfen, einen zählebigen und leicht zu versendenden Fisch, sehr schätzten, ebenso wie die Weinbergschnecken, die eingeführt wurden und in ihren nördlichen Standorten bei uns heute geradezu Leitformen für ehemalige Klöster sind.

Sinkt die Wassertemperatur unter 8° C, so verfallen die Karpfen in einen Starrezustand. Sie ruhen dann, auf die paarigen Flossen gestützt, meistens, in kleinen Rudeln an tieferen, schlammfreien Stellen am Grund des Gewässers. Bei 6° C hört auch die Kiemenbewegung auf. So schlafen sie 2-4 Monate, solange die Wassertemperatur nicht unter 4° C sinkt. Bei weiterer Kältezunahme treiben sie passiv in die Höhe: es ist das der sogenannte Karpfenaufstand; die in eine Art Starre verfallenen Tiere frieren dann leicht unter der Eisdecke fest und sterben meistens.

Über die Lebensdauer herrschen sehr übertriebene Vorstellungen. 25-30 Jahre sind verbürgt; dabei sind die Tiere über 1 m lang und bis 30 kg schwer. 120 cm scheint die größte wirklich gemessene Länge zu sein. Von gefangen gehaltenen Karpfen lebte einer nachweislich 24, ein anderer 38 Jahre. Ein im Londoner Aquarium gehaltener Spiegelkarpfen war zur Berichtszeit sogar 47 Jahre alt. Aber schon mit etwa 25, auch 30 Jahren setzen Vergreisungserscheinungen ein. "Mooskarpfen" von 150, 300 und 375 Jahren, über die manchmal berichtet wird, dürften solche vergreiste 30- bis 40-jährige Veteranen sein. Es geht dem Karpfen halt ebenso wie dem Elefanten, dem auch gern ein methusalemisches Alter zugeschrieben wird, von denen aber nachweislich kaum einer ein halbes Jahrhundert hinter sich bringen konnte.

Einige Karpfenrassen: Wildkarpfen - Spiegelkarpfen - Zellkarpfen - Lederkarpfen

Ein Wildkarpfen sieht wesentlich anders aus als die meisten heutigen Zuchtkarpfen. Der Wildkarpfen hat wie seine wilden Verwandten ein vollständiges Schuppenkleid von 35-39 Querreihen. Auch einzelne Zuchtrassen sind vollbeschuppt; die meisten Zuchtrassen haben jedoch ein rückgebildetes Schuppenkleid. Der Zellkarpfen hat noch entlang der Seitenlinie eine vollständige Reihe sehr stark entwickelter und vergrößerter Schuppen, der oft oben und unten eine kleinschuppigere angelagert sein kann. An der Basis der Rückenflosse findet sich dabei eine kürzere Reihe kleiner Schuppen. Beim Spiegelkarpfen ist die starke Beschuppung der Seitenlinie meist nur am Schwanzstiel enthalten, desgleichen ein meist kurzes Stück an der Basis der Rückenflosse. Der Leder- oder Nacktkarpfen ist mit wenigen kleinen Schuppen am Schwanzstiel und Rückenflossenbasis entschieden am bequemsten auf dem Teller. Während beim Wildkarpfen die Körperhöhe rund 1/4,5-1/5 der Gesamtlänge beträgt, pflegt sie schon beim Lausitzer Teichkarpfen wesentlich mehr zu betragen. Der Aischgründer ist fast halb so hoch wie lang und damit ein richtiger "Tellerkarpfen". In den Ahlhorner Teichen werden galizische Spiegelkarpfen gezogen, bei denen das Verhältnis von Höhe zu Länge ist wie 1:2,2-2,5, ausnahmsweise auch bis 1:3.


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