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Neunzehn Jahre Baumweg
W. Hulverscheidt Das Thema ist mir gestellt - wie fasse ich es an? Denn was sind neunzehn Jahre im Rhythmus des Waldlebens mit seinem 100-200jährigen Lebensablauf vom Samen zur Erntereife, vom Forstmann Umtriebszeit genannt. Da sind neunzehn Jahre sehr wenig, vielleicht aber auch sehr viel, wenn Katastrophen eintreten, die in sein Gefüge eingreifen, teils vom Menschen verschuldet, teils von Naturgewalt verursacht. Warum gerade 19 Jahre? Nun weiß ich, wie ich es fasse, nämlich "19 Jahre Baumweg und ich!" denn es ist eine Abschiedsbetrachtung des Forstmeisters, der in den Wirren des verlorenen Krieges in das oldenburgische Land gekommen, nach dem tragischen Unfalltode des Forstmeisters Kasch das Revier als Teil des Forstamtes Ahlhorn übernahm und nun, mit Schluß des Jahres als alter Mann das Amt an die nächste Generation abgeben muß. Wie fing es damals an? Wie es nicht anders sein konnte, nämlich mit einer Katastrophe, die nicht abzuwehren, die nur nach Möglichkeit zu steuern war! Eine Welle von Irrsinn, wie sie ein Weltkrieg darstellt, ebbt langsam ab. Der Unsinn regiert, auch bei den Siegern. Als ich das Revier übernahm, war eine meiner ersten Meldungen nach Hannover, als unter dem Aufdruck "Eilt sehr" für die Militärregierung genaue Angaben über Holzvorräte, Qualität und Sorten, Einschlag- und Abfuhrmöglichkeiten, Flächengrößen und wer weiß, was noch, angefordert wurden, eine lakonische Darstellung mit der ich hier jetzt diesen Abschnitt der Anfangskatastrophe abschließen will. Ich berichtete: Der lt. Erlaß von xyz angeforderte Bericht kann aus nachstehenden Gründen nicht fristgerecht erstattet werden: 1. Das Forstamtsgebäude ist mit allen Unterlagen über das Revier durch Beschuß restlos vernichtet. 2. Der langjährig eingearbeitete Revierverwalter Forstmeister K. ist tödlich verunglückt. 3. Der langjährig eingearbeitete Forstsekretär Revierförster L. ist gefallen. 4. Der langjährig eingearbeitete Revierförster H. ist verstorben. 5. Der derzeitige Revierverwalter Forstmeister H. ist ebenso, wie der einzige Revierförster K. als Ostvertriebener erst seit einigen Wochen im Revier und mangels Beförderungsmitteln noch nicht in der Lage einen Überblick zu gewinnen.6. An fachlich geschulten Kräften sind lediglich verfügbar der Forstaufseher W. in Gartherfeld und der Forstaufseher T. im Baumweg. Da haben wir nun das Stichwort "Baumweg". Ein geschlossener Waldblock von 17 Quadratkilometern oder 1700 ha Größe, eine Perle im waldarmen Lande Oldenburg, gepflegt und geschont. Zwar sagte mir später einmal der Oberlandforstmeister aus Hannover, er habe meinen Bericht seinen Dienststellen mit der Mahnung zugeleitet, am grünen Tisch bei ihren Anforderungen nicht zu vergessen, daß auch draußen sich Krieg und Vernichtung ausgetobt hätten. Aber es half alles nichts - unter militärregierungsüblichen Strafandrohungen wurde der fünffache Jahreseinschlag befohlen, und im Jahre darauf noch einmal und noch einmal. Da half nur primitiver Raubbau durch Großkahlschläge und das schöne Holz flog frisch in die Ofen der Städter, wo es die auf Kohle eingerichteten Ofen verdarb, während ringsum die Bauerndörfer in Trümmern lagen und Bauholz, Bauholz und nochmal Bauholz brauchten. Jedes Unglück hat auch sein Gutes! Wir rückten menschlich zusammen und halfen einander und handelten selbständig und schlugen Holz und bauten auf und forsteten auf und rückschauend gedenke ich der bitteren Jahre mit dem Stolz, den der Sieg über die Widrigkeiten und über die Not der Zeit erweckt. Meine Zeit als Chef des Baumweges war die Halbzeit meiner Dienstzeit als Forstmeister, ich hatte also Erfahrung und wußte mir zu helfen. Und dann wurde es langsam besser, man nennt das wohl: Die Lage normalisierte sich! Am spätesten für die Jagd. Die polnische Besatzung des Flugplatzes bestand aus gewandten Jägern - wenn wir es "Jäger" nennen wollen, also der Wildbestand hatte schwer zu leiden. Die einzige Wildart, die die wilden Zeiten fröhlich genoß, waren die Sauen. Klug wie sie, sind, lassen sie sich nicht so leicht erwischen und entwickelten mit zahlreichen Frischlingen einen beachtlichen Schwarzwildbestand, der den Bauern über Gebühr nächtlicherweise in die Kartoffelfelder ging. Da kann ich nun gestehen, daß auch ich das prickelnde Gefühl erlebte, ein Wilderer zu sein. Wir fanden in den Dickungen hier und da versteckte Militärkarabiner und ganze Kisten voll Munition, von der freilich nur noch jede dritte Patrone losging, aber ein paar Sauen habe ich doch erwischt. Durch die allgemeine Entwaffnung der Jägerei ging es auch den Hasen gut, nur die Rehe und das Damwild kamen an den Rand des Unterganges durch die wildernden Polen. Es war Zeit, als diese abgelöst wurden, und langsam "normalisierten" sich auch hierin die Zustände. Das Resumée war: Ich hatte das Forstamt mit 11 ha planmäßigen Kahlschlagflächen übernommen, zwei Jahre später waren es 550 ha, also die Fläche einer ganzen Revierförsterei. Dann ging es an den Wiederaufbau. Das wurden schöne Jahre, denn für den Forstmann ist es eine Freude, neues Leben des Waldes zu begründen, und interessant war es auch. Ich sagte schon: Jedes Unglück hat auch sein Gutes! Um die aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkehrenden Forstmeister wieder einzufädeln, die mit Ost- und Mitteldeutschland ihre Reviere verloren hatten, -immer noch zu viele, - trotz der erschreckenden Zahl derer, die gefallen waren, wurde eine großartige Aktion durchgeführt. In den Forsten fand eine engmaschige Bodenuntersuchung statt, die für den Baumweg eine Überraschung erbrachte. Auf viel größeren Flächen, als vermutet, erwies es sich, daß die Böden waldbaulich viel leistungsfähiger sind, als man angenommen hatte. Die verarmte Oberfläche der ehemaligen Schafheiden, die seit 1870 mit Kiefer, dem Pionier des Waldes, aufgeforstet waren, war infolge Jahrhunderte währenden Schaftrittes und bodenversauernden Heidewuchses degradiert. In der zweiten Waldgeneration kann wieder ein bunteres Waldbild verschiedener wertvoller Holzarten entstehen, wobei die grüne Douglasfichte, eine Amerikanerin, einen hohen Anteil mit ihren großen Wuchsleistungen einnehmen wird. Ein Fremdling zwar ist das Nadelholz im ganzen küstennahen Lande hier überhaupt, und nicht ohne Grund sind die schönen Bauernmöbel früherer Zeit aus Eichenholz, aus dem Ammerland, aus dem auch die schönen. Schnitzmotive der Truhen und Koffer stammen, denn Nadelholz gab es nicht im Lande. Mit dem Wirtschaftswunder, das unserem Westdeutschland so schnell über die Zerstörungen durch den Krieg hinweghalf, kam für den Waldbesitz freilich eine schwierige Zeit, in der er heute noch steckt, die Holzpreise hielten mit der allgemeinen Steigerung nicht mit, wohl aber die Unkosten, eine neue Aufgabe trat stärker hervor: Der Wald als Erholungsgebiet für die gehetzte Menschheit der technisierten Zivilisationsgesellschaft. Da war es ein Glücksfall, daß im Baumweg in der schönen Teichlandschaft eine damals für politische Zwecke errichtete Anlage, das sogenannte Blockhaus, als Jugendheim zur Verfügung gestellt und in emsiger Arbeit hierfür ausgebaut wurde. Man kann den Satz: Was Du nicht willst, das Dir geschieht, das tu auch keinem andern nicht! positiv sagen: Was Du liebst, das gönne auch anderen!- Ich habe mich immer gefreut, daß jungen Menschen dort gegönnt war, was ich als geborener Großstädter immer ersehnt hatte und weshalb ich in den Forstberuf ging. Die Erfahrungen waren gut. Die Liebe zu Baum und Tier ist noch vorhanden, dem kindlichen Gemüt kann mit den stillen Wundern des Waldes eine heimliche Sehnsucht erfüllt werden, wenn die Anleitung zum Sehen, Hören und Erkennen gegeben wird, Ich weiß, daß es mir manches Mal gelang. Die Zeit der Katastrophen schien überwunden zu sein, Ich kann hier alle die Dinge nur andeuten, die sich indirekt aus der Waldverwüstung ergaben, z. B. Flugzeugeinsatz gegen Nadelpilzschädlinge in den riesigen Kunstverjüngungen der Großkahlschläge, Waldbrandsorgen und vieles andere und dann kam, schon gegen das Ende meiner Dienstzeit, der Sturm. Am 12. und 16. Februar 1962 warf er im Forstamt Ahlhorn 28000 Festmeter Holz über den Haufen, das sind fast 70000 Stämme, an jenen schweren Tagen, als in Hamburg mehr als 300 Menschen in den Sturmflutwogen umkamen und wieder spürten wir Forstleute, daß all unser Planen und Tun abhängig ist von der höheren Macht, vor der 100 Jahre sind wie der Tag, der gestern vergangen ist.... 19 Jahre Baumweg! Nun trete ich ab, mit schwerem, aber dankbarem Herzen und schließe mit dem alten Spruch: All unser Wirken und Tun die Enkel werden es richten. Tun wir das unsere mit Fleiß, daß sie uns loben dereinst. |
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