Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1964: Blockhausbrief Nr. 9

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Der Einzelne in der Gemeinschaft
Predigttext zum 13. Sonntag nach Trinitatis
Kain oder Christus
Neunzehn Jahre Baumweg
Die Ungarn
"Die Reformierten sind gleich wir..."
Rüstzeiten für Soldaten im Blockhaus Ahlhorn
Kartoffeln rösten
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 1. November 1963 und 1. November 1964
Aus einem Brief
 
zeichnen im Wald

Kartoffeln rösten

Gisela Löbe

Wir hatten eigentlich alles. Wir waren in Ahlhorn; wir saßen in der Jungenburg; wir hatten einen Kamin. Der Aufenthalt in unserem lieben Ahlhorn allein stimmte uns schon fröhlich. Daß wir das vielbegehrte, abseits über dem See liegende Blockhäuschen bekamen, vervollständigte unsere gute Laune. Vielleicht machte es auch der herausfordernde Name "Jungenburg", daß wir Mädchen uns als kleine Abenteurer fühlten.

Der Anblick des Kamins ließ unsere Herzen höher schlagen. Hier müssen wir ein richtiges Lagerfeuer anfachen! "Und dann rösten wir Kartoffeln!" - "Was wollen wir rösten?" Die meisten schauten verständnislos drein. Aber gerade für eine unbekannte Sache ließen sich alle begeistern. Unser Stimmungsbarometer stand nun vollends auf ,schön'. "Was braucht man zum Kartoffelrösten?" - "Feuer und Kartoffeln!l" Das hatten auch die Unkundigsten herausgefunden. Also ging es an die Arbeit. Ein Arbeitstrupp "Feuermädchen" schleppte Reisig, Gestrüpp und Knüppel herbei. Die "Kartoffelroder" bewaffneten sich mit Tüten, suchten die Furchen eines gerodeten Ackers ab und ersparten somit den Bauern weitgehend die Nachlese.

Alles muß gelernt sein. Die Feuermädchen hatten es später nicht leicht, denn Holz und Gestrüpp waren noch feucht. Da sie aber in der Kunst des Entflammens nicht ganz unerfahren waren, gelang ihnen ihr Werk dann doch. Auch die Kartoffelroder hatten mit physikalisch-chemischen Problemen zu kämpfen. Der Transport der übervollen, schweren Tüten ließ uns doch merken, daß wir trotz langer Hosen nur Mädchen waren. Nach dem Abspülen weichten die nassen Kartoffeln die Böden der Tüten auf.

Schließlich hatten wir es geschafft: Der Kamin brannte, die Kartoffeln standen bereit. Wir hockten auf dem Boden rund um den Kamin, wie es sich für Wegelagerer ziemte.

Wenn ein Kamin brennt und Kerzenschein flackernd durch den Raum geistert, werden die Menschen meist still und nachdenklich. Wir aber hatten kaum Zeit dazu, denn bald züngelten die ersten Flammen aus unserer Papierlaterne, die auf dem Kaminsims stand. "Der Lampion brennt!" "Na klar brennt der, wir haben die Kerze darin doch extra angezündet!" "Nein, der brennt richtig!" Unruhe. Löschen. Pause. Die Stimmung stieg, die Spannung wuchs. Wir schwatzten, sangen und lachten durcheinander; ein aufgeregter Hühnerhaufen. Aber auch der Appetit nahm zu. "Wo bleiben eure Kartoffeln? Wir wollen Kartoffeln! Sind die denn immer noch nicht fertig?" Ich versuchte zu beschwichtigen. Denn eigentlich legt man die Kartoffeln erst in die verglühende Asche, wo sie dann langsam gar rösten. Aber davon wollte keiner etwas hören. Schließlich fügte ich mich den Protest- und Hungerschreien; wir leben ja in einer Demokratie. Ich warf die Kartoffeln in die Flammen. Es zischte ordentlich, das Wasser entwich und sie verkohlten. Wir stocherten vergeblich nach ihnen. Die erste brauchbare Kartoffel, die wir bargen, zerbröckelte beim Schälen. Die ungenießbaren Produkte brachten uns zur Besinnung; jetzt ging es planmäßiger voran. Die ersten Prachtexemplare wurden auf Gabeln aufgespießt herumgereicht. "Gib mir auch mal einen Bissen!" "Au, ist das heiß! Mein Mund braucht unbedingt eine Abkühlung. Reich mir doch mal den Wein herüber!" Unsere Hände und Gesichter wurden mit der Zeit abenteuerlich schwarz. "Du, ich glaube, bei dir kommt jetzt die wahre Seele durch." Die Kartoffeln landeten mitunter im Staub, wir kümmerten uns aber nicht weiter darum: "Sand scheuert den Magen!" sagten wir uns.

Geröstete Kartoffeln sind einfache, gesunde Kost. Aber "Krautköpfe und Kartoffelknollen wird kein Poet besingen wollen." Das ist nicht wahr! Es fiel uns ein, wie schön Matthias Claudius diese Frucht in seinem Kartoffellied gepriesen hat.

"--- Schön rötlich die Kartoffeln sind
     Und weiß wie Alabaster!
     Sie däu'n sich lieblich und geschwind
     Und sind für Mann und Frau und Kind
     ein rechtes Magenpflaster."

Rötlich und glühend waren unsere Gesichter. Hart wie Alabaster war das Innere der Erdäpfel. "Du, ich glaube, die ist innen noch nicht ganz gar!" Endlich hatte einer gewagt, dies auszusprechen. Ja, die Kartoffeln waren wirklich kein Magenpflaster, sie lagen eher wie Pflastersteine im Magen. Aber gegessen wurden sie doch! "Das Innere werf' ich einfach wieder in's Feuer. Das gibt Hitze!" Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als unser Ehrengast seinen ersten Erdapfel in Angriff nahm. "Ein bißchen Salz gefällig?" "Ja, gern." Der Deckel löste sich vom Salzfäßchen und ein Überfluß an Würze ergoß sich auf die gereichte Frucht. Er aber aß sie in tadelloser Haltung und lobte sie sogar als Delikatesse. Wir aber waren ganz ergriffen von soviel Ritterlichkeit und dankten es ihm mit unserer Fröhlichkeit.

Es war ein herrlicher Abend, wohl einer der schönsten. Was war geschehen? Kein Aufwand, kein Festessen. Nur fröhliche Menschen um ein paar Kartoffeln. Silvia nahm die Laute und sang ihr ungekröntes Parislied. Renate hörte den kleinen Prinzen geistern; in seinem schönen Märchen kommen Kartoffeln leider nicht vor. Wie begann das Kartoffellied? So fängt es an:

"Pasteten hin, Pasteten her,
was kümmern uns Pasteten;
Die Kumme ist auch hier nicht leer,
Und schmeckt so gut, als bonne chere
von Fröschen und von Kröten."

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