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Der Einzelne in der Gemeinschaft
Oberkirchenrat Dr. H. Schmidt Es ist wohl sinnvoll, daß man in einem Blockhausbrief einmal darüber nachdenkt, wie der einzelne Mensch sich unter anderen Menschen verhalten muß, wenn es zu einer rechten Gemeinschaft kommen soll. Denn das ist für jeden, der eine Freizeit oder eine Rüstzeit veranstaltet oder für irgend eine gemeinsame Arbeit verantwortlich ist, die entscheidende Frage. Und wer einige Erfahrungen gesammelt hat, weiß, wie jeder verantwortliche Leiter darum bangt, ob es wohl zu einer solchen echten Gemeinschaft kommt. Diese bange Frage stellt sich immer neu, auch in solchen Gremien, die schon öfter in derselben oder ähnlichen Zusammensetzung beieinander waren. Gewiß hängt vieles daran, daß die Themen interessant sind und entsprechend vorgetragen werden. Es liegt auch viel an dem Leiter, ob er es versteht, jeden Einzelnen zum Sprechen oder doch zum intensiven Hören anzuregen. Aber vor allem liegt es an jedem Einzelnen, ob wirklich Gemeinschaft entsteht. Die Versuchung der Menschen zur Masse zu werden oder Masse zu bleiben, ist genauso groß, wie die Versuchung von "Führerpersönlichkeiten" eine Masse zu beherrschen. Und es ist genauso ein politisches Problem wie ein christliches, ob es jeweils gelingt, Masse zu verwandeln in Gemeinschaft oder Gemeinde, d. h. also in ein Zusammenwirken von Menschen, wo der Einzelne Einzelner und doch nicht nur vereinzelt bleibt. Wir haben aus dem englischen Raum das Wort "Team" übernommen und meinen damit im Unterschied zu dem Alleingang eines Menschen das Durchdenken und Beraten eines Problems in einer kleinen Gemeinschaft. Ein Team ist nur dann sinnvoll, wenn jeder Einzelne gleich berechtigt und gleich befähigt mitdenkt. Aber das sagt sich viel leichter als es zu verwirklichen ist. Das wissen alle sehr genau, die oft in einem solchen Kreis arbeiten und Beschlüsse fassen müssen. Denn es gehört dazu eine große Fähigkeit wirklich zuzuhören, eine Bereitschaft zu lernen, ja sogar umzudenken. Und gerade das, was man gemeinhin für besonders charaktervoll, ja oft sogar für besonders männlich hält, nämlich einen festen Standpunkt zu haben, ist für ein Team eben nicht möglich. Das bedeutet nun nicht, daß Standpunktlosigkeit unter allen Umständen zu preisen wäre. Wir werden vielmehr als verantwortliche Menschen immer wieder unseren Standort in all den Lebensfragen zu bestimmen haben. Aber das muß eben nicht immer wieder neu geschehen, und das kann oft ein schmerzhafter Vorgang sein. Es kommt noch etwas anderes hinzu, von dem wir meinen, daß es unmittelbar mit christlichem. Glauben zusammenhängt, ja mit dem, was Paulus unter Rechtfertigung des Sünders versteht. Der Mensch will von Natur im Grunde herrschen, will seine Meinung und seinen Willen dem anderen aufzwingen. Er möchte dabei sich selber spielen, wir könnten auch sagen "sich aufspielen". Wir merken sehr deutlich, daß hier die Ursünde des Menschen am Werk ist, warum uns ja im 1. Mose III nicht eine alte, uns nicht mehr angenehme Sage erzählt wird, sondern unsere eigene Geschichte. Dieses "Seinwollen wie Gott", dieses Sich-nicht-begrenzen-lassen durch Gott und den Nächsten, ist in unheimlicher Deutlichkeit in der Bibel erkannt und ausgesprochen. Dabei geschieht das Seltsame, daß der Mensch in dieser vermeintlichen Unabhängigkeitsrolle nicht die Rolle Gottes sondern des Teufels spielt. Griechisch heißt der Teufel Diabolos. Und das bedeutet "der Durcheinanderwerfer". Indem wir uns also "diabolisch" unter den Menschen verhalten, verhindern wir jede wirkliche Gemeinschaft, Ich glaube, daß es notwendig ist zu erkennen, daß wir alle miteinander immer wieder auf diesem "diabolischen" Wege sind. An diesem Punkte wird deutlich, daß christlicher Glaube nicht etwas für friedliche Sonntagsstunden ist. Wir werden vielmehr danach gefragt, wenn es gar nicht fromm zugeht, also in Situationen, die abseits von jeder sogenannten religiösen Tätigkeit liegen. Das heißt aber nun für unser Thema: Ob der Einzelne in einem Team oder auch in einer größeren Gemeinschaft Einzelner bleibt und doch zugleich mit all seinen Gaben und Kräften sich diesem jeweiligen Kreis zur Verfügung stellt, hängt daran, daß er sich die Freiheit zum dienenden Dabeisein schenken lassen kann. Nur in dieser Freiheit können wir recht auf den anderen hören, können wir unsere Meinung so vertreten, daß der andere es vernehmen und verstehen kann. Nur so können wir uns mit Humor in unserer vermeintlich achtungsgebietenden Persönlichkeit beeinträchtigen und beschneiden lassen. Nur in dieser Freiheit können wir geduldig sein und den anderen zu verstehen suchen, auch wenn er das Gemeinte nicht so glasklar zu sagen vermag. Das gilt vor allem für die Rüstzeiten, in .denen etwa junge Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Vorbildung beieinander sind. Wie oft müssen wir ermutigend die ersten Redeversuche eines jungen oder ungeübten Menschen begleiten! Und immer wieder müssen wir glauben, daß auch der andere auf rechte Erkenntnis und d. h. auf Wahrheit aus ist. Es würde gar kein Generationsproblem geben, wenn die Älteren den Jüngeren zugäben, daß sie auch nicht alles wissen und vor allem, daß sie in ihrem Leben beileibe nicht alles richtig gemacht haben. Und so würde Autorität unter den Menschen, vielleicht sogar in der gesamten Kirche und im Staate wachsen, wenn wir nicht so sehr auf Autorität pochen würden und wenn wir nicht meinten, wir wären es unserer Stellung schuldig, einen Standpunkt unbedingt beibehalten zu müssen. Wo Gott und sein Wort die einzige Autorität ist, da braucht der Mensch wahrlich nicht auf seine Autorität zu pochen. Es ging mir darum zu sagen, daß dieses überall und täglich auftauchende Problem des Einzelnen in der Gemeinschaft im Grunde nur recht gelöst werden kann, wenn wir bereit sind, das Wunder an uns geschehen zu lassen, das Gott in Jesus Christus an uns tun will, nämlich uns freizumachen von uns selber für den anderen, für die Gemeinschaft. Es wird nur Gemeinschaft, wenn jeder Einzelne sie ermöglicht. |
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