Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1964: Blockhausbrief Nr. 9

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Der Einzelne in der Gemeinschaft
Predigttext zum 13. Sonntag nach Trinitatis
Kain oder Christus
Neunzehn Jahre Baumweg
Die Ungarn
"Die Reformierten sind gleich wir..."
Rüstzeiten für Soldaten im Blockhaus Ahlhorn
Kartoffeln rösten
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 1. November 1963 und 1. November 1964
Aus einem Brief
 
Nessie (links) und Dina

Die Ungarn

Dr. Erna Mohr

Überall, wo es große Herden gibt, erleichtert der Mensch sich die Arbeit durch Einstellung besonders geschulter Hunde. Auch bei uns arbeiten Schäferhunde überall dort, wo auf nicht eingefriedigten Weiden gehütet werden muß, auf Stoppeläckern und an Wegrändern. Die Hunde halten ihre Herden mehr oder weniger selbständig zusammen, die älteren lernen die jüngeren an. Sie sollen dafür sorgen, daß kein Schaf, Rind oder Schwein verloren geht und daß ihre Schutzbefohlenen keinen Flurschaden anrichten. Schäferhunde sind Hütehunde.

In weniger kultivierten Gegenden, besonders in den höheren Gebirgen und in den weiten Ebenen hält man daneben noch Hirtenhunde, die Mensch und Tier vor zwei- und vierbeinigen Räubern zu schützen haben. Es gibt solche in der ganzen Welt, von Tibet bis England. Ob und wie weit sich eine Form aus der anderen ableitet, aus ihr entwickelt hat oder ob sie alle mehr oder weniger als Konvergenz-Erscheinungen überall selbständig entstanden sind, ist noch keineswegs entschieden. Gleicher Zweck schafft gleichen Typ. Immerhin finden in Gegenden, in denen mehrere Hirtenhundrassen gehalten werden, häufig Vermischungen statt, die das Gesamtbild teilweise verwischen können, und zwar sowohl im allgemeinen Körperbau, als euch in der Behaarung, weniger in der Farbe, denn hier wurde beim Hirtenhund,. dem Schutzhund, von Anfang an Weiß oder doch wenigstens viel Weiß allem anderen vorgezogen aus Gründen, die schon der alte Gesner anführt: "Der vieh- oder schafhundt, C. pastoralis, soll stark, mächtigen leibes, mutig und fräck seyn, ein scheußlich geschrey oder bellen haben, an der farb gantz weiß und haaricht gleich den schaafen, damit sollych vych nit ein abschrekken ob ihm habe und er on arbeit von dem wolffe möge erkannt werden, damit in der dunklen finstere der hundt anstatt des wolfes nit möge angegriffen und getötet werden".

Die Notwendigkeit, bei nächtlichen Überfällen Hunde und Wölfe leicht unterscheiden zu können, hat sicher auch viel dazu getan, Weiß als Hauptfarbe für Hirtenhunde vorzuziehen, die rauhe Witterung, ihnen zu einem dichten Haarkleid zu verhelfen. Namentlich für die zotthaarigen Rassen ist das verzottelte Haar gleich dem Panzer für ein Ritterpferd der beste Schutz gegen Biß und Schlag. Der Pelz weist federnd den Schlag zurück, und der Biß kann nicht so weit durchdringen, daß die Haut mit gefaßt werden könnte. Der Angreifer kriegt das Maul voll Haare, aber der Komondor kann den Gegner packen.

1841 heißt es bei Friedrich Treitschke: "Naturhistorischer Bildersaal des Thierreiches" über Kuvasz und Komondor: "Sowohl der struppige (=Kuvasz) als der zottige (=Komondor) leben in Ungarn als Haus- und Herdenhüter in Menge verbreitet. Sie sind ihrem Besitzer sehr ergeben, treu und wachsam. Jeden nahenden Fremden aber fallen sie bei Tag und Nacht grimmig an; durch Gegenwehr werden sie noch wilder, und nur durch Schmeicheln kann man sie besänftigen. Sie beißen todt oder erwürgen andere ihnen unbekannte Hunde, nehmen es auch mit dem Wolf auf; daher sie in den Ebenen, wo die Herden den größten Theil des Jahres ohne Obdach leben, durch das Fernhalten dieser Räuber eben so nützlich als nötig sind".

Noch 60 Jahre später, 1901 sagt Carl Zorn über sie: "Diese Hunde sind eigentlich nur als Schäferhunde oder als Wachhunde zu verwenden, da eine Freundlichkeit den Hunden nicht eigen ist, vielmehr bei ihnen eine Art Scheu oder Wildheit wahrzunehmen ist, welche dem Hunde den Anschein gibt, als sei er noch nicht genügend cultiviert".

Das alles ist nun 123 bzw. 63 Jahre her, und heute, abermals 60 Jahre später, ist es selbst in der Urheimat Ungarn nicht mehr nötig, daß diese großen weißen Hüter von Haus, Hof und Herde grimmig auf alles losgehen. Sie können sich jetzt von ihrer netten Seite zeigen. Soweit sie nicht als Wächter des Hauses als Kettenhund Dienst tun, ist heute ihre Aufgabe zumeist das Zusammenhalten der grasenden und das Treiben der wandernden Herde - also eigentlich Schäferhund-Dienst. Ich bin auf meinen Wanderungen manchen von ihnen begegnet. Auf den Almen der polnischen Tatra, in der Zips und an anderen Stellen der Slovakei. Aber obwohl sie "im Dienst" waren, sahen sie mich offenbar weder mit noch ohne Rucksack als Betyar (Landstreicher) an, den man von den Hütten und Herden fernhalten müßte.

Besonders bei uns in Deutschland gilt die alte "Hundeweisheit": Jeder hat den Hund, den er verdient. Wo der Hund einem freundlich begegnet, wird man auch vom Herrn freundlich aufgenommen. Wachsam sein, heißt nicht, bissig sein dürfen. Schauen wir uns nun mal unsere Ungarn im Blockhaus an! Beide Rassen sind vertreten. Beide sind nicht die ersten Vertreter ihrer Rassen im Blockhaus.

Es begann mit der Kuvasz-Hündin "Alma aus Ahlhorn". Sie wurde im Alten Ahlhorner Posthaus geboren, kam als acht Wochen altes fröhliches Wollknäul zum Blockhaus und wuchs dort zu einer stattlichen Hündin heran. Am 25.1.1952 hatte sie ihre ersten Kinder. Nun mußte getauft werden, zuerst aber ein Zwingername gefunden werden. Wir sannen nach, vom Fenster aus über die Teiche und die herrliche Umgebung des Blockhauses blickend, fanden aber nichts, was uns Freude machen konnte. Da hob der damalige alte Bürgermeister von Ahlhorn, W. Rohleder, den Finger und sagte: "lch hab's! Wir haben hier den schönen alten Flurnamen Knökelsberg. Nennt den Zwinger doch ,vom Knökelsberg'". Und so geschah es. Nun mußten also die Welpen getauft werden; alle bekamen Namen nach Gestirnen: Algol, Atair, Aldebaran usw. Auch Almas weitere beiden Würfe hatten nur "Sternkinder": Boathes, Bielasch usw., Cenis, Cassiopeia usw. Dann starb Alma, und ihre Nachfolgerin Eika von der Wrister Mühle, eine Holsteinerin, hatte 1959 ihre Kinderstube, ebenfalls mit Sternkindern: Deneb, Draco, Dorado usw.

Eikas Nachfolgerin und jetzige Vertreterin der Rasse auf dem Knökelsberg ist ebenfalls eine Holsteinerin, Diana (genannt Dina) von der Rellau, geboren am 28.9.1961. Ihr seinerzeit nach Holstein ausgewanderter Vater Arpad von der Wesermarsch stammt aus Strückhausen i. 0. Er ist einer der berühmtesten Zuchtväter der letzten Jahre. Unsere Dina wuchs zunächst mit ihrem Bruder Donar in Rellingen heran. Sie war immer lustig; einmal aber alberte sie so doll herum, daß sie ein Vorderbein aussetzte. Sie wurde in einen Gipsverband getan, der das geschädigte Gelenk wieder festigen sollte. Nach wenigen Tagen hopste sie ohne Rücksicht auf ihr "Polizeibein" wieder die Treppen hinauf und hinunter. Als alles wieder gut schien, trat sie die Reise zum Blockhaus an und hat sich hier zu einer sehr schönen Hündin zurecht gewachsen. Allerdings scheint dieser frühe Beinschaden ihr noch etwas anzuhängen; wenn sie sich müde gelaufen hat, hinkt sie gelegentlich. Dina hatte noch keine Kinder.

Über die bisherigen Versuche mit Komondoren, den zotthaarigen Ungarischen Hirtenhunden, auf dem Knökelsberg ist noch nichts sonderlich Bemerkenswertes zu sagen. Eine Welpin ging an der Staupe ein; eine ältere Hündin, Anka von Neubertheim, versagte als Zuchthündin. Als sie im Blockhaus etwas wärmer geworden war, erwies sie sich als unberechenbar und bissig - Eigenschaften, die sie bei der Anwesenheit so vieler auswärtiger Leute hier oben unmöglich machten. Aber seit 1963 haben wir eine gebürtige Ungarin aus der Umgebung von Budapest droben. Nessi heißt sie, hat schon jetzt eine Schulterhöhe von 64 cm und verspricht, ein Prachtstück zu werden. Vor kurzem kam auch ihr Zukünftiger aus Budapest angereist. Er wohnt in der Stadt Oldenburg. So wird eine spätere Hochzeitsreise nicht gar zu beschwerlich und wir freuen uns schon jetzt auf den ersten Komondorwurf, der je im Oldenburger Land zur Welt kommen wird.


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