Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1963: Blockhausbrief Nr. 8

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Vom Sinn des Lesens
Der Abendmahlskelch
Eine Wanderung zu unseren Großsteingräbern
Die "Damzicken" im Baumweg
Festtage an den Fischteichen haben begonnen
Spotlights on the Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 2. Oktober 1962 und 30. Oktober 1963
  Eingang des Seehauses

Vom Sinn des Lesens

Dr. Hans Schmidt

Jede Sprache hat eine Anzahl von Wörtern, die ihrer Wortgestalt nach den lebendigen Vorgang dessen erkennen lassen, was mit dem Wort ausgesagt wird. Das deutsche "wiederholen" z. B., das allen Lehrern und Schülern nur zu gut bekannt ist, spricht diesen Vorgang des  W i e d e r h o l e n s  von Erkenntnissen, die versunken sind oder zu versinken drohen, recht bildhaft aus.

Ich möchte auf ein griechisches Wort aufmerksam machen, das uns im Achten auf seine Grundbedeutung eine geradezu umstürzende Erkenntnis vermitteln kann. Ich meine das Wort anaginoskein = lesen. Es kommt im Neuen Testament z. 8. vor an der uns allen bekannten Stelle Luk. 10, wo von einem Schriftgelehrten berichtet wird, der Jesus "versuchen" will mit der Frage: "Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?" Darauf antwortet Jesus: "Was steht im Gesetz geschrieben? Wie  l i e s t  Du?" Wir wissen, daß der Schriftgelehrte aus der Kenntnis des Gesetzes das Doppelgebot der Liebe nennt. Daß er sein versucherisches Spiel dann noch nicht aufgibt und nach seinen Nächsten fragt, um darauf die Geschichte vom barmherzigen Samariter zu hären, braucht uns hier nicht mehr zu beschäftigen.

"Wie liest du?" Hier steht also das oben genannte griechische Wort. Und wenn wir es wörtlich übersetzen, müßte es heißen: w i e d e r e r k e n n e n. Das Lesen ist also ein Wiedererkennen. Dazu müssen wir uns noch deutlich machen, daß das Wort "erkennen" im Alten und Neuen Testament einen Vorgang beschreibt, der nicht nur - um es etwas überspitzt zu sagen - eine Gedankenturnerei ist, also eine logische Abfolge von Gedanken, die von der Wirklichkeit, die erkannt werden soll, einigermaßen losgelöst erscheinen. In der Bibel gibt es dieses Erkennen im Abstand nicht, sondern dort geht es um eine Hingabe an die zu erkennende. Wirklichkeit, gleichsam eine Vereinigung damit. Die Wirklichkeit wird erfahren durchlebt und durchlitten. Gott wird nicht erkannt durch irgendwelche Gottesbeweise oder durch wunderbare Erscheinungen in der Schöpfung, sondern indem er uns überwältigt und in seinen Gehorsam zwingt sagt Petrus in dem Christusbekenntnis Joh. 6,69: "Wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist der Heilige Gottes!"

Beim Lesen als dem Wiedererkennen handelt es sich also darum, die einmal mit der Wirklichkeit gemachte Erfahrung, das in der Hingabe an die jeweilige Wirklichkeit Gelernte wieder in die Gegenwart zurückzuholen. - Nun kann man natürlich sagen: Damals spielte das Lesen eine untergeordnete Rolle, weil es nur wenige konnten und diese wenigen vielleicht auch nicht sehr schnell und flüssig. Vor allem aber bedurfte es eines umständlichen Verfahrens, weil die Buchrolle abgerollt werden mußte und das zu Lesende nicht so leicht wiedergefunden werden konnte, wie wir es durch Lesezeichen und Umblättern eines Buches vermögen. Sicher muß dieser Unterschied bedacht und noch hinzugefügt werden, daß offenbar die Kraft des Gedächtnisses viel größer war und der "Lesestoff" viel geringer. Wir können augenscheinlich nicht mehr so wiedererkennend lesen, weil in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern so viel auf uns zukommt, das wir durch das Lesen erstmalig zur Kenntnis nehmen, also gar nicht "wiedererkennend" lesen können.

Und doch meine ich, daß es hier zu unserem Heil etwas zu lernen gibt. Was wir täglich so lesen, vergessen wir zum größten Teil ebenso schnell wieder, aber es besteht die Gefahr, daß unter dies vergeßliche Lesen auch die Begegnung mit Wirklichkeiten und Ereignissen gerät, die wir um unserer menschlichen Existenz willen um keinen Preis vergessen dürfen. Im 5. Mosebuch steht im 32. Kapitel das sog. Moseslied. Und am Ende heißt es: "Da nun Moses solches alles zu Ende geredet hatte vor ganz Israel, sprach er zu ihnen: Nehmet zu Herzen alle Worte, die ich euch heute bezeuge, daß ihr euren Kindern befehlt, alle Worte dieses Gesetzes zu halten und zu tun. Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben." Solche "nicht leeren Worte", die unser Leben sind, müssen, so meine ich, auch heute von Mensch zu Mensch überliefert werden, indem sie in der Sprache laut werden. Und wenn sie nur so zugesprochen sind, d. h. wenn mir die darin gemeinte Wirklichkeit lebendig widerfahren ist, kann ich jeweils die Worte wieder-holen, ich kann sie lesen und damit die erfahrene Wirklichkeit wiedererkennen.

In der Geschichte vom Kämmerer aus dem Mohrenland, die uns in Apostelgeschichte 8 überliefert ist, fragt Philippus den auf seinem Wagen den Propheten Jesaia lesenden Kämmerer: "Verstehst du auch, was du liest?" Er antwortet: "Wie kann ich denn, wenn mich nicht jemand anleitet". Hier wird geradezu beispielhaft beschrieben, um was es geht. Wir müssen nur eben wieder den Klang der geschriebenen Worte ins Ohr bekommen und wörtlich übersetzen: ginoskeis, la anaginoskeis = erkennst du, was du wiedererkennen (möchtest)? Darauf der Kämmerer: wie kann ich denn, wenn mich nicht jemand den Weg (nämlich des Erkennens) führt?

Vor dem Sog des vergeßlichen Lesens, d. h. aber vor dem Verspielen und Verlieren der für unser Leben wichtigen Werte kann uns nur die lebensvolle Weitergabe durch einen lebendigen Menschen bewahren. Darum wird das Lehren und Unterweisen als personhafte, fast könnte man sagen leibhafte Weitergabe niemals ersetzt werden können durch Lektüre. Das gilt für die Volksschule wie für die Universität. Das gilt aber ganz besonders für den Gottesdienst der Gemeinde und die Predigt darin. Es kann hier nicht mehr ausgeführt werden, was das für den Lehrer und die Weise seines Unterrichtens und was es für den Prediger und seine Predigt bedeutet. Es sollte nur angeregt werden, einmal darüber nachzudenken, ob wir nicht vielleicht besser beraten und wahrscheinlich auch gebildeter, sicherlich aber nicht so heillose Menschen wären, wenn die Verbindung von lebendig erfahrener Überlieferung und Lesen im Sinne eines Wiedererkennens für lebensnotwendig gehalten würde.

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