Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1963: Blockhausbrief Nr. 8

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Vom Sinn des Lesens
Der Abendmahlskelch
Eine Wanderung zu unseren Großsteingräbern
Die "Damzicken" im Baumweg
Festtage an den Fischteichen haben begonnen
Spotlights on the Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 2. Oktober 1962 und 30. Oktober 1963
 
Damschaufler beim Kampf (Zeichnung: W. Hulverscheidt)

Die "Damzicken" im Baumweg

W. Hulverscheidt

Auf dem Waldwege zwischen hohen Fichten war ein zerwühlter Kampfplatz zu sehen. Dort war es hoch hergegangen. Die Damwildbrunft hatte also begonnen. Nach dem Fährtenbilde, den Rutschspuren und den Kuhlen dort, wo einer der Streiter zu Fall gekommen war, zu urteilen, mußte der Kampf vor wenigen Stunden getobt haben. "Heute mittag um halb zwölf" berichtete mein Begleiter, der Förster Thoms, sachlich. Als ich ihn überrascht ansah, bemerkte er trocken: "Ich habe beiden Schauflern eins mit dem Krückstock übergezogen, sie trieben es zu toll, sie merkten gar nicht, daß ich herankam. Vielleicht hätte noch einer von ihnen den Kragen gebrochen!" Ich bin Jäger, und darum glaube ich natürlich alles, was mir ein Jäger erzählt. Aber als ich es später weitersagte, stieß ich auf höflich zweifelndes Lächeln. Nun stimmt es aber, daß von allen Hirscharten keine so wild und anhaltend kämpft wie der brunftige Damschaufler, und in jedem Jahre ziehen nach der Brunft abgekämpfte Veteranen mit zerbrochenem Geweih umher, und im vorigen Jahre lag einer auf der Strecke mit abgedrehtem Genick.

Die Eifersucht ist eine Leidenschaft, die besonders beim Damhirsch offenbar mit einem wilden Temperament gepaart ist. Ich liebe die schneidigen Burschen in meinem Reviere, ich betrachte sie als Trostpreis des Schicksals, nachdem ich mein Rotwildrevier in der Mark Brandenburg durch den Krieg verlor. Wir leben ja in allem eine Handschuhnummer kleiner.

Sie haben freilich etwas fremdes, die Damhirsche, ein wenig merkt man ihnen an, daß sie erst spät, nämlich im Mittelalter, wieder aufgetaucht sind, so daß sich allerlei merkwürdige Legenden gebildet haben. So hätten zum Beispiel die Normannen das Damwild nach Dänemark gebracht, später sollen es die Heimkehrer aus den Kreuzzügen gewesen sein. Na, ich bitte! Man stelle sich die damaligen Caravellen vor, die hatten wohl auf monatelanger Reise anderes zu befördern als lebende Hirsche. Denn so leicht ist das gar nicht, ich habe selbst einmal einen Transport dieser verängstigten, tobenden Kerle ausgepackt. Also lassen wir die Frage offen, freuen wir uns, daß sie da sind! "Dämliche Damzicken" sagen manche Leute abschätzig - ein billiges Wortspiel mit dem Namen "Dam". Sie kennen sie aber nicht, denn klug ist das Damwild, daß es der Jäger bald merken wird.

Ein Stück Rotwild, das mißtrauisch geworden ist, beruhigt sich wohl einmal wieder, von Rehen wollen wir gar nicht erst reden. Ein Damtier aber, wenn es durch den verdächtigen Ruck des Trägers beim Aufwerfen angezeigt hat, daß ihm etwas unheimlich erscheint, läßt sich kaum einmal betören; besonders wenn nach Aufgang der Jagd schon ein paar Schüsse knallten. Wenn das Damwild freilich durch Erfahrung weiß, daß der Mensch ihm nichts zu Leide tut, wird es vertraut, und daher kam es vor, daß in den Grunewaldlokalen Damtiere (wobei zur Unterrichtung des Lesers vermerkt sei, daß der Jäger das weibliche Stück des Rot- und Damwildes schlichtweg mit "Tier" bezeichnet, was im Märchen mit "Hirschkuh" benannt wird), also daß Damtiere zwischen den Kaffeegästen um Kuchenkrümel bettelten. Das sah dumm aus, wie auch sonst manches im Leben als Dummheit wirkt, was in Wirklichkeit Klugheit ist.

Warum aber verbreite ich mich hier so ausführlich über diese Frage? Nun deshalb, weil es sonst nicht zu verstehen wäre, weshalb wir Jäger uns so mühsam mit Frühaufstehen, Pirschen und Passen quälen müssen, um unseren Schaufler zu erlegen. Es wird nämlich oft der Fehler gemacht, dem Damhirsch die Verhaltensweise des Rothirsches zu unterstellen, und dann sitzt der Jäger an Flächen und Blößen an und wartet darauf, daß das Brunftrudel mit seinem Pascha erscheine. So ist es aber nicht, denn der Schaufler bezieht seinen Brunftplatz allein und ruft sein Rudel herbei, und es fängt auch schon ganz anders an.

Zwar steht, wie auch der Rothirsch, der Schaufler im Sommer nicht in Revieren, in denen das Weibervolk seine Kälber großzieht. Zu Anfang des Oktober aber, also genau vier Wochen später als der Rothirsch, erscheint er alljährlich in seinem Brunftgebiet und ergreift geradezu wieder Besitz davon. Etwa vierzehn Tage lang trollt der Schaufler täglich die weitgesteckten Grenzen ab, die er selbst bestimmt und durch Schlagen von flachen Gruben und durch Wimpeln mit dem Geweih an überhängenden Fichtenasten markiert, ohne sich vorerst um das Kahlwild zu kümmern. Dann kann man an den Trittsiegeln und abgeschlagenen Zweigspitzen sehen, daß er alltäglich - oder meistens freilich allnächtlich - sein Gebiet revidiert. Wenn der Jäger fleißig beobachtet, wird er erkennen, daß sein geheimnisvoller Freund sogar bestimmte Stunden dazu einhält. Wenn der Waidmann dann in guter Deckung und bei gutem Winde geduldig ansitzt, kann es ihm glücken, daß er den Hirsch seiner Sehnsucht bei dessen Umgang erwischt. Aber so leicht, wie es sich hier niederschreibt, ist das gar nicht und meistens glückt es nicht.

In den letzten Oktobertagen kommt dann die Stunde, daß der erste Schrei ertönt, und wieder kann ich nicht leugnen, daß der Brunftruf des Schauflers eigentümlich fremdartig klingt. Poesielose Menschen nennen ihn ein rauhes Rülpsen, nichts von dem majestätisch dröhnenden Röhren des Rothirsches in der Brunft; aber ich kann mir nicht helfen, mich erregt das pausenlose, stoßende Grollen in meinem alten Jägerherzen, und mir ist es ein Symbol des scheidenden Jahres im blätterrieselnden Spätherbstwalde.

"Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer. . ." Novemberstimmung in Dunst und Grau. Doch wer kennt Liliencron heute noch, und wer spürt noch den Zauber, der darin liegt, daß sich das Jahr mit einem wilden Reigen von Sehnsucht und Liebeslust, Eifersucht und Haß verabschiedet, ehe die ersten Schneeflocken fallen.

Da kam ich auf den Einfall, mich in den Wirbel einzumischen. Ich schrie mit vorgehaltenen hohlen Händen den Schaufler an und erlebte so oft, daß der eifersüchtige Kämpe aus seinem Fichtenhorst blindwütig heranstürmte. Sonderbar, daß im jagdlichen Schrifttum nie davon die Rede ist, während jede zweite Rothirschgeschichte mit langen Tiraden erzählt, wie der Jäger mit Tritonmuschel oder Ochsenhorn den Platzhirsch reizte und ihn nach dröhnendem Duett mit Sprengruf und Knören, Trenzen und Mahnen vor den Büchsenlauf und zur Strecke brachte. Auch ich habe in glücklichen Zeiten die meisten meiner Hirsche so erjagt, aber vom Anschreien des Damschauflers hörte und las ich nie. Da war mir auch diese Erkenntnis ein Trostpreis des Schicksals; und nun, wo der Abschluß meines Jägerlebens nahe herbeigerückt ist, sehe ich voll Freuden die krausen Geweihe an meiner Zimmerwand an und gedenke dankbaren Herzens, daß ich sie hegen und jagen durfte, die "Damzicken".

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