Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1962: Blockhausbrief Nr. 7

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Gerettete Welt
Das Tal der Lethe
Blockhaus Ahlhorn - einmal anders
Mit Konfirmanden in Ahlhorn
Musische Woche in Ahlhorn
Jugenderholung im Blockhaus
Erlebnisreiche Ferientage im Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 1. Juli 1961 und 1. Oktober 1962
Etwas Heimweh nach Ahlhorn
Aus einem Brief
 

Etwas Heimweh nach Ahlhorn

Monika Rahlenbeck, Kippenberg Gymnasium

Ahlhorn - höre ich diesen Namen, denke ich an eine andere Welt. Der Name ein wenig breit und bäuerlich klingend, für Städter sicherlich wenig anziehend; die Welt still, schön, eigenartig, aber vor allem still. Nachdem ich diese Welt wieder verlassen hatte, fand ich ein Gedicht von Ina Seidel "Der Weiher". Ich wußte sofort: dies ist mein "Ahlhorn-Gedicht", es gibt mir diese Welt zurück.

Dazwischen blau der Himmel ruht,
Bis alles Leben untersank.
Leer glänzt der Spiegel schwarz und blank,
Darauf der Vogel Botschaft schreibt,
Die niemand liest, die niemals bleibt,
Die lautlos spricht und lautlos lischt,
Nach der kein Netz den Grund abfischt.
Der Wald verwächst, der Reiher fliegt.
Ich weiß nicht, wo der Weiher liegt.

Hier ist es ein Weiher, in Ahlhorn waren es Seen, viele Seen. Eine Landschaft, die nur aus Wasser, Bäumen, Gras und Ruhe zu bestehen schien. Eine Landschaft, die "durch des Vogels Botschaft .... lautlos spricht und lautlos lischt". Kann man die Liebe zur Natur schöner sagen? Mir kamen diese Worte wie ein Geschenk vor

Aber ich habe etwas vergessen - nicht vergessen, nur als etwas besonders Schönes aufbewahrt: Den heimischen Mittelpunkt, die Blockhäuser. Wir waren nämlich nach Ahlhorn gekommen, um eine ganze Woche lang zu zeichnen und zu malen, zu singen und zu musizieren und uns dem Laienspiel zu widmen. Jeder versuchte in seinem Fach sein Bestes zu geben, und so brachte diese Woche nicht nur die Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit, sondern auch die Freude am Vorankommen. In dieser kleinen Gruppe Häuser nun durften wir wohnen. Man sträubt sich ein wenig, "Häuser" zu sagen. Aber wie soll man das einem Menschen erklären, der das Blockhaus nie gesehen hat? Schon beim ersten Anblick mochte ich dieses Heim gern. Nach einem wunderschönen Anmarschweg, der uns schon die Schönheit dieser Landschaft ahnen ließ, erschienen mir diese mit Holz verkleideten Häuser, die plötzlich am Ufer eines Sees auftauchten, wie eine Insel der Menschen. Eigenartigerweise sahen sie gar nicht aus, als seien sie von Menschen gebaut. Es war wohl die Verbundenheit dieser kleinen Provinz mit der Natur: Sie lag mitten im Walde; der lebende Wald wuchs auch zwischen den Gebäuden; sie selbst waren aus seinem Holz gemacht; darüber stand der nicht immer blaue, aber nie bedrückende Himmel; und breit in die Ferne zog das alles einschließende Wasser.

Es war ein Heim, das alle beschwichtigte, löste und froh machte. Jedoch - mochten noch so viele Menschen neben mir sein, zuerst blieben sie nur neben mir. Am Anfang verleitete mich die Ruhe, die über allem lag und mich die Zeit vergessen ließ, dazu, über mich, vielleicht zu viel über mich, nachzudenken. Das heißt nicht, daß ich plötzlich nichts mehr mit anderen zu tun haben wollte, im Gegenteil, ich war nie allein und wollte es auch nicht sein. Die Spannung, die jeder Mensch im täglichen Leben in sich trägt, löste sich in dieser eigenartigen Atmosphäre völlig; man war allein mit der Natur und dem Leben, welches überall, in jedem Baum, in jedem Moos, in der Luft und im Wasser war. Dabei kann die Gegenwart von Menschen, die auch die Einsamkeit und zugleich die Zusammengehörigkeit mit allem Lebenden fühlen, dieses Erlebnis noch verschönern. Eines Abends verließ ich zufällig mit Silke unser Haus; im Schul-Alltag war ich ihr nicht nähergekommen. Sie fragte: "Ich gehe noch spazieren, kommst du mit?"

Am Anfang bemerkten wir die Wege kaum, die meisten waren uns schon vertraut. Wir plauderten so dahin - Wetter, Mittagessen - Zeichnungen - Lehrer - Laienspiel - Kartenspiel nach dem Abendbrot, und was es so gibt. Auf einmal standen wir vor einer dieser großen, glatten Wasserflächen. In der kärglichen Beleuchtung sahen sie fast schwarz aus. Der Weg führte nicht weiter. Doch dort, gegen den noch hellen Himmel, an der Stelle, wo die Sonne nahezu untergegangen war, sahen wir einen Weg, einen schmalen Weg, der durch das Wasser führte. Im hellen Sonnenlicht wäre es sicher nichts Besonderes gewesen, nur ein schmaler, mit Sträuchern bewachsener Landstrich, der zwei Seen trennte. Nun aber erschien uns dieser Pfad wunderbar und geheimnisvoll. Eine Brücke, eigens für uns über den See gebaut. Doch es war ein Weg ins Ungewisse, denn auf der anderen Seite stand drohend wie eine schwarze Wand der Wald, undurchdringlich und gefährlich, abweisend und doch auch verlockend. Die letzten Lichtstrahlen spiegelten sich auf dem glänzenden See und gaben ihm etwas Unstetes, ewig Weiterfließendes. Ohne ein Wort zu sagen, begannen wir den unheimlichen Weg. Die tiefe Stille befahl auch uns, ruhig zu sein.

Als wir jedoch in der Mitte des Sees waren, halbzu auf den Wald, hielten wir das Schweigen nicht länger aus und wollten doch nichts durch unsere Worte zerstören. Die Entscheidung wurde uns abgenommen. Ein Karpfen sprang aus dem stillen, nur durch das Licht bewegte Wasser, drehte sich blitzschnell in der Luft und fiel klatschend in sein Element zurück. Das sah so koboldig aus, daß wir laut lachen mußten. Der Bann war gebrochen. Ohne uns richtig erkennen zu können, blieben wir stehen. Wir sahen auf das unendlich erscheinende Wasser und auf die Wand vor uns. Ich mußte sprechen. Die Worte kamen ohne Überlegung: "Silke, dahinter muß doch ein Sinn sein? . . ." - So unglücklich dies ausgedrückt war, sie hatte mich verstanden. - "Wenn man einige Menschen ansieht, kann man wirklich daran zweifeln", sagte sie, "aber die Tiere und die Bäume und die anderen Menschen . . ." Es begann ein langes Gespräch.

Ohne es zu bemerken, waren wir auf die Wand zugegangen, die, je näher wir kamen, immer ungefährlicher aussah. Die Angst war von uns abgefallen. Wir erreichten das Ende des Seeweges, kletterten über einen kleinen Hügel und sahen in einiger Entfernung die Lichter des Blockhauses.

Oft muß ich an diesen Gang über das Wasser denken. Nie hatte ich mich näher der Erde und dem Leben gefühlt.

Am nächsten Morgen meinte ich, ganz anders, viel besser Bäume und Wasser zeichnen zu können. Ich ging zu dem See, setzte mich an eine Stelle, von der ich den Weg sehen konnte, und begann zu zeichnen. Aber wie war ich enttäuscht - anders wurde das Bild, aber es wurde nicht besser. Ich versuchte es wieder und wieder, aber die Dinge schienen sich dagegen zu sträuben. Das Wasser wirkte unecht, die Bäume starr, ich hatte kein Verhältnis zu ihnen. Ich zerriß die Bilder. Heute weiß ich, daß ich nicht die Begabung habe, besondere Augenblicke in ein Bild umzusetzen. Aber wozu sollte ich dieses Erlebnis malen? Das Wichtigste ist das Erlebnis, zu einem Menschen gefunden zu haben. Ich hatte nicht mehr an mich gedacht, ich hatte mich ehrlich für die Meinung eines anderen interessiert, mehr als für die meine. Die Landschaft war durch den anderen schöner geworden, und meine einzige Sorge war, ob auch ich ihm etwas gegeben hatte. Es kam nun nicht darauf an, daß es ein bestimmter Mensch war, auch später sah ich die Menschen anders, sah, daß man nicht nebeneinander, sondern miteinander leben muß, um zu leben.

Um dies zu erkennen, mußte ich nach Ahlhorn fahren, in eine andere Welt. In diese Welt, in der ich mich Wasser, Land, Bäumen, Himmel und - den Menschen näher gefühlt hatte, als irgendwo anders. Deshalb habe ich Heimweh nach Ahlhorn. Ich möchte wiederkommen - aber nicht allein.

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