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Gerettete Welt
Gedanken aus einer Pfingstpredigt vom 10. Juni 1962
im Blockhaus Ahlhorn, von Oberkirchenrat Dr. H. Schmidt
1.Mose 11, 4+8:
Sie sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
Also zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder . . . . . . . . . .
Apg 2, Vers 11:
. . . . . . . . . . wir hören sie mit unseren Zungen die großen Taten Gottes reden.
Es wird niemand unter uns geben, der es nicht schon als bedrückend empfunden hätte, daß die Urgeschichte auf den ersten Seiten der Bibel mit der Erzählung von dem Turmbau und dem Bau der Stadt Babel und der Zerstreuung der Menschen durch die Verwirrung ihrer Sprache so gnadenlos ausgeht. Man könnte darüber schreiben: "Welt ging verloren". Zwar handelt es sich noch nicht um eine Weltgeschichte größten Ausmaßes, wenn wir etwa an die Völkertafel in Kap. 10 denken. Aber irgendwie soll ja hier von der Geschichte der Menschheit die Rede sein, wie die Rede ist von der Erschaffung der Welt, des Himmels und der Erde. Nun ist zwar nicht nur das 11. Kapitel zu nennen, wenn wir von dem schuldhaften Versagen der Menschen und dem entsprechenden strafenden Handeln Gottes innerhalb dieser Kapitel reden. Denn schon in Kap. 3 wird das Leben des Menschen bedroht durch den Ungehorsam dem Schöpfer gegenüber. Aber da kommt es dann doch zu einer gleichsam gnadenvollen Verfluchung: Der Mensch lebt weiter, wenn auch außerhalb des "Garten Gottes". Und wir hören unmittelbar darauf von dem Brudermord durch Kain. Aber selbst Kain stirbt nicht, sondern bekommt das Zeichen der Unantastbarkeit und lebt, wenn auch als ein Unsteter und Flüchtiger. Und dann ist in Kap. 6 und 7 die Sintflut geschildert, in der die Menschen zugrunde gehen. Aber Noah überlebt und darf einen neuen Bund mit seinem Gott schließen, in dem gleichsam unter dem Regenbogen die Erde den Menschen mit ihrer Fruchtbarkeit neu geschenkt wird. Nur die Turmbaugeschichte geht gnadenlos aus. Gott verwirrt die Sprachen, zerstreut die Menschen, sodaß sie sich nicht mehr begegnen und sich nicht verstehen.
In Kap. 12 setzt dann die Bundesgeschichte Gottes mit dem einen Volk ein, das er sich erwählt hat und das nun in dem Auf und Ab der Geschichte von ihm nicht mehr losgelassen wird bis in die Zeit der großen Propheten und der babylonischen Gefangenschaft, wo dann wieder "die Welt" in das Blickfeld kommt, ohne daß freilich die Völker der Erde Wesentliches erfahren von dem Heil, das auch ihnen gelten soll.
Erst der auferstandene Christus zwingt seine Zeugen, in die Welt zu gehen, weil "Gott die Welt geliebt" hat. Und in der Pfingstgeschichte (Apg. 2) haben wir gleichsam diese Weltsituation vor Augen, auch wenn es sich dort noch - im Unterschied etwa zu Apg. 10 - um Juden aus allen Völkern handelt. Und diese Pfingstgeschichte ist deshalb so bedeutsam, weil sie die gnadenlos ausgehende Menschheitsgeschichte von 1. Mose 11 wieder aufnimmt und den zerstreuten und sich nicht verstehenden Menschen vor Augen führt, daß für sie die Welt nicht gnadenlos zu sein braucht. Die Welt und das Leben brauchen dann nicht gnadenlos zu sein, wenn die Menschen sich aufmachen, "die großen Taten Gottes" zu hören, das heißt: wenn sie sich eingliedern lassen in den Lebenszusammenhang mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die kleine, verängstete Schar der Jünger - mag sie nun in Jerusalem oder Galiläa beieinander gewesen sein - wartete sicher auf ein Zeichen, das ihnen deutlich machte: Die mit dem Jesus von Nazareth erlebte Geschichte ist keine vergebliche und nun endgültig abgeschlossene. Aber diese Schar hatte von sich aus keine Möglichkeit, das herbeizuführen, worauf sie wartete. Von sich aus konnte sie nur ein Konventikel bleiben, vielleicht auch einen Verein gründen, der dem Andenken an den großen Nazaräner dienen sollte. Aber wie hätte dieser Verein sein eigenes Leben überleben können? Denn mit ihm starb ja auch die Erinnerung an die persönliche Gemeinschaft mit seinem Meister.
Pfingsten feiern wir als das Fest des Heiligen Geistes, und von dem ist hier die Rede. In den Bildern vom Feuer und der bewegten Luft, von den Elementen also, die "am weitesten entfernt sind von dem Starren, Gewordenen, Verfestigten; noch ganz Vorgang der Bewegung und Verwandlung. Wer vom Sturm ergriffen ist, kann keinen ,Standpunkt' mehr behaupten. Und er weiß nicht, wohin der übermächtige Wind ihn fortreißt und entführt; was vom Feuer ergriffen wird, kann nicht bleiben, was es gewesen war, sondern es wird vernichtet, verzehrt, ausgeglüht und geläutert". (Stählin: Predigthilfe zu dieser Stelle) Das also geschah, daß sich der auferstandene Christus lebendig erwies und durch die Apostel als Werkzeuge sich selber seine Kirche in der Welt gründete. Das kann nun freilich kein Verein mehr sein, in dem es dann alte und verdiente Mitglieder oder gar Ehrenmitglieder gibt, sondern da kann nur jeder, der darin aufgenommen ist, jeden Tag neu sich die Hände füllen lassen, wobei es dann auch nicht mehr wesentlich ist, aus welchem Volke, aus welcher Weltanschauung und Gebundenheit er kommt.
Aber es geht dabei immer um konkrete Gemeinde, um ein leibhaftes Beieinandersein. Es genügt nicht, daß man einmal wieder Interesse zeigt, daß man einmal wieder - wie in dem schönen Blockhaus so oft - interessante Gespräche über den Glauben und seine Bedeutung für unsere mannigfachen Berufe und für unsere veränderte Welt führt, sondern darauf weist uns Pfingsten ganz deutlich hin: Wenn wir aus der gnadenlosen Welt gerettet werden wollen, müssen wir uns eingliedern lassen in die Gemeinde, die davon lebt, daß sie Worte des ewigen Lebens hört, und daß sie sich am Tische des Herrn stärken läßt. Darum möchten wir so gern in dem Bereich unseres Blockhauses auch sichtbar ein Kirchengebäude haben, damit wir durch ein solches Haus immer wieder hingewiesen werden darauf, daß die Sprache nur dann entwirrt wird und die Menschen sich verstehen können, wenn sie sich durch Gottes heiligen Geist eingliedern lassen in seine Kirche, die er auf Erden gestiftet hat.
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