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Das Tal der LetheA. Taute, Augustfehn Schön ist es, unter den Krüppeleichen an den Ahlhorner Fischteichen zu sitzen, wenn der Mond bizarre Schatten knorrigen Geästs auf die silber-helle Wasserfläche wirft und man in dieser Stille den erdgeschichtlichen Entwicklungsstadien nachgehen kann, in denen dieses Stückchen Erde seine endgültige Gestalt gewonnen hat. Seit dem Ende der Eiszeit fließt das Wasser der Lethe von der Höhe der Garther Heide durch die weite Senke im Norden, die sich von den Fischteichen beim Blockhaus Ahlhorn bis zu den Höhen des Ammerlandes erstreckt, der Hunte zu. Sie ist der westlichste Zubringer im Stromgebiet der Weser. Ein tiefes Tal von beachtlicher Breite hat dieser kleine Fluß im Bereich des Höhenrückens ausgeschürft, in dem er sich heute wie eine Maus im Löwenkäfig ausnimmt. Wie ganz anders müssen doch damals die klimatischen Verhältnisse gewesen sein, als dieses breite Tal entstanden ist, das heute mit seinen üppig wuchernden, dunkelgrünen Moospolstern und seinem lichten Erlen- und Weidengestrüpp einen so bezaubernden Reiz auslöst. Etwa 60-70 m beträgt der Abstand der hohen Ufer der Ur-Lethe südlich des Blockhauses und in der Nähe des "Diana-Sees" am Halener Weg. Man kann sich kaum ein Bild davon machen, wie dieser kleine Fluß mit seiner geringen Wasserführung im Laufe der Jahrtausende ein so breites Flußtal auszuspülen vermochte. Nur wenn wir annehmen, daß während der letzten Eiszeit vor etwa 2500 Jahren die Flüsse auch in unserem Gebiet erstarrten und Schnee- und Eismassen sich im Laufe der Jahrhunderte hoch im Lande aufschichteten, können sich solche unvorstellbaren Mengen an Schmelzwasser angesammelt haben, die soviel Kraft entwickeln konnten, um Täler von solcher Breite auszuräumen und den Sand viele Meter hoch über eine viele Quadratkilometer weite Fläche im Vorlande auszubreiten. Natürlich verschüttete der Fluß bei dieser überaus starken Sandführung häufig sein eigenes Bett, besonders beim Übergang vom gefällestarken Lauf im Gebiet des Höhenrückens zur fast ebenen Strecke im Aufschüttungsgebiet, und das ist gerade die Stelle, an der sich heute die Knökelsberge und die Fischteiche befinden.
Immer wieder staunt man über die zahlreichen Dünenriegel, die sich wie Adern zwischen den Fischteichen hinschlängeln, die aber nichts anderes als vom Wind umgelagerte Flußdünen darstellen. Auch weiter nördlich haben sich, besonders in den Mäandern der Lethe, bedeutende Sandmassen abgelagert, die je nach Lage des Seichtufers bald nach Westen, bald nach Osten zu langen Riegeln von Uferdünen zusammengeweht worden sind. Es muß ein bezaubernder Anblick gewesen sein, als der Wind den schneeweißen, gleißenden Sand zu hohen Dünen in der damals fast strauch- und baumlosen Ebene aufwirbelte, von denen die Dünen im Großen und Kleinen Sand bei Bissel nur noch die bescheidenen Reste einer jahrtausendelangen Abtragung darstellen. Sehen wir uns die Dünen näher an, so erkennen wir deutlich Schichten von unterschiedlicher Farbe und Dichte, die verschiedenen Sandflugzeiten zuzuschreiben sind: Die unterste, von horizontalen braunen Streifen durchzogene gelbe Schicht wird in der Regel nach oben von einer dicken Ortstein- und Bleichsandsteinschicht abgeschlossen, worüber zuweilen noch eine, in seltenen Fällen zwei Schichten weicheren humushaltigen Sandes lagern. Ganz selten jedoch trifft man zwei völlig ausgeprägte Ortstein- und Bleichsandschichten übereinander an. Sie sagen uns, daß an dieser Stelle eine erste Wachstumsperiode durch eine Flugsandzeit unterbrochen worden ist, die wiederum durch eine zweite Wachstumszeit abgelöst wurde. Häufig findet man auf der untersten Bleichsandschicht mesolithische Werkzeuge, Schaber und Pfeilspitzen, die von der ehemaligen Nutzung der Düne als Wohnplatz Kunde geben. Die darüber lagernden Schichten sind wahrscheinlich erst im Mittelalter und in der Neuzeit aufgeweht worden. Als die Großsteingräber auf der Ahlhorner Heide errichtet wurden, waren die beiden ersten Flugsandzeiten längst beendet. Wald und Heide wuchsen auf der hohen Geest, während in den breiten Tälern der Hangflüsse reichlich Gras gedieh. In der großen Ebene im Norden, die ursprünglich auch von Wald und Busch bedeckt war, wucherte das Torfmoos infolge der zunehmenden Vernässung so sehr, daß der Wald zum langsamen Absterben verurteilt war. Für Mensch und Tier wurden diese Gebiete allmählich unpassierbar. Dadurch wurden die Menschen auf die hohe Geest und die aus dem Sumpf aufragenden Uferdünen zurückgedrängt. Weite Weidegründe für Wild und Geflügel gingen in dieser Zeit verloren. Man treib die Kühe von nun an in den Hudewald auf der hohen Geest, für die Schafe hingegen fand man noch genügend Futter auf den endlosen Heideflächen. Bald grünte jedoch auf den Weideflächen der Heidschnucken kein Birken- oder Haselstrauch mehr und auch die Heide wurde kurz gehalten. Mit ihren kleinen, scharfen Hufen zertrampelten sie die Gras- und Heidenarbe und schufen dadurch für den Wind neue Angriffsflächen, wodurch der Flugsand erneut in Bewegung geriet. Da zu dieser Zeit aber auch die furchtbaren Stürme einsetzten, die uns durch die Zerstörung der Nordseeküste bekannt geworden sind, verwandelte sich die ehemals waldgeschützte, fruchtbare Geestlandschaft in ein ödes Heideland mit großen Sandbrüchen, die häufig die Ortschaften bedrohten. Gleichsam wie Meereswellen rollte der weißgraue Flugsand über die grünenden Fluren und deckte sie mit einer alles Leben erstickenden Decke sterilen Flugsandes zu. Von der Lethe bis Sage erstreckte sich eine schier endlose Wehsandfläche. - Die Fürstbischofe zu Münster, die vor dem Reichsdeputationshauptschluß zu Regensburg im Jahre 1803 Herren des Landes waren, erkannten gar wohl die Ursachen der zunehmenden Versteppung des Bodens und ließen es auch nicht an wohlgemeinten Warnungen an ihre Untertanen, die Schafe von den Wehsänden fortzuhalten, fehlen, stießen jedoch auf den Widerstand der Bauern und Schäfer, die für ihre Schaftrift die gesamte Mark behalten wollten.
Wie bedrohlich die Lage damals war, geht aus dem Bericht des Amtsrentmeisters Driver aus Vechta an den Fürstbischof in Münster vom 4. Ibris 1771 hervor: "So nützlich und heilsam die in dem ergangenen Edikt in Betref Holtzpflanzungen und Dämpfung des Wehsandes enthaltene Landesfürstliche gnädigste Intention auch sei und von jedermann erkannt wird: So wenigen Eindruck und Würdigung hat es noch bei den mehisten ihr eigenes Vorurteil habenden Unterthanen." (Nieders. Archiv z. Oldbg. 110/4 Act 10 P.13). Als im Jahre 1803 diese Gebiete dem Großherzogtum Oldenburg zugesprochen wurden, war die großherzogliche Kammer ängstlich darauf bedacht, die neuen Untertanen nicht zu vergrämen und zögerte, gesetzliche Maßnahmen gegen die Schäfer und Bauern zu ergreifen, die allen Ermahnungen zum Trotz ihre Schafe in die Wehsände trieben. Verärgert über die wankelmütige Haltung der oldenburgischen Regierung erbittet das Amt Löningen 1819, als es über die gefährliche Ausdehnung des Flugsandes berichtet, das Recht, die Schäfer, wie zur Zeit der münsterschen Herren, in Leibesstrafe zu nehmen und sie mit Zuchthaus zu bestrafen. (Nds. Archiv z. 0. Bestand 70/XIII). Die Ämter Cloppenburg und Wildeshausen fordern 1816 die Einsetzung von "Sandgeschworenen" in Streek, Sandhatten, Ahlhorn, Großenkneten, Sage und Döhlen. Die Dürrezeiten der Jahre 1816-1819 und 1856-1860, über die in vielen Urkunden berichtet wird, hatte das ganze Land soweit an den Rand des Abgrundes getrieben, daß sich auch die oldenburgische Regierung gezwungen sah, den Schäfern die Schaftrift auf den Sandwehen bei Androhung harter Geld- und Haftstrafen zu verbieten. Falls Schafe im Sandbruch angetroffen würden, sollte die Herde zum "Besten der Armen" verkauft werden. Wie hart aber diese Maßnahmen die Bevölkerung trafen, davon zeugt eine Urkunde aus dieser Zeit. Der Sohn des Brinkbesitzers Johann Otten aus Littel hatte allen Gesetzen zum Trotz, vielleicht aber auch aus Mitleid mit den hungernden Schafen, sie in die jungen Kiefernpflanzungen auf den Wehsänden getrieben. Wie nicht anders. zu erwarten, wurde die Herde konfisziert und verkauft. Er selber sollte ins Gefängnis geworfen werden. Von tiefem Mitgefühl werden wir gepackt, wenn wir das Bittgesuch des Vaters lesen, der das Gericht ersucht, für seinen Sohn die Strafe absitzen zu dürfen, weil er selber die Arbeit auf dem Hofe nicht verrichten könne, da er in früher Jugend sein Bein verloren habe, der Sohn aber der einzige sei, der die Wirtschaft fortführen könne. Wie traurig es noch 1906 im Bereich des Hümmlings und des Cloppenburger Höhenrückens aussah, geht aus einem Bericht des Berliner Geologen F. Schucht hervor: "Immer wieder bietet sich dem Auge das Bild einer endlos erscheinenden Heidelandschaft, welche nur hin und wieder von Kiefern- und Eichengestrüpp unterbrochen wird. - Das einzige belebende Element der Landschaft sind die Dünen." Wie ganz anders ist doch der Eindruck, den dieses Gebiet heute auf uns macht! Ob wir durch das reizende Tal der Lethe bei der Feldmühle mit seinem von Rohrkolben umstandenen Teich wandern, unter den rotstämmigen Kiefern auf den Dünen, die den "Diana-See" umgeben, verweilen oder am Ufer der stillen Fischteiche dem Platschen sich tummelnder Karpfen lauschen, immer wieder werden wir von der Vielgestaltigkeit und Schönheit dieser einst öden Landschaft überrascht. Voll Dankbarkeit wollen wir, bevor wir unseren Platz am Ried des Fischteiches verlassen, noch einmal der Männer gedenken, die hier in jahrzehntelanger planvoller Arbeit die einst eintönige Heide- und Wehsandsteppe in einen großen Naturpark umgestaltet haben, der heute mit dem Blockhaus zu einem Hort der Besinnung und Erholung für unsere Jugend geworden ist. [handschriftl. Ergänzung R.v.d.D.: Seit einigen Jahren hat man einen Wanderweg entlang der Lethe angelegt, und man kann daran den erdgeschichtlichen Entwicklungsstadien nachgehen, wie dieses Stückchen Erde seine endgültige Gestalt gewonnen hat.] |
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