Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1961: Blockhausbrief Nummer 6

Inhalt:

Titel
Zum Geleit
Versuchsfeld der Gemeinde
Über Pflanzen und Blumen rund um das Blockhaus
Landschaft im Wandel der Zeit
Wiedersehen mit dem Blockhaus
"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein"
Blockhaus Ahlhorn - Haus der Begegnung
Nicht durch Heer und Kraft
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.6.1960 bis 1.7.1961
 

Wiedersehen mit dem "BLOCKHAUS"

Dr. Werner Schulte

Es ist jetzt innerhalb von zehn Jahren das dritte Mal, daß ich mit einer Oberprima des Gymnasiums der Stadt Neheim-Hüsten im Blockhaus acht Tage verbringen durfte. Diese Klassen waren vor ihrem Blockhaus-Aufenthalt in Rothenburg ab der Tauber, am Main, an Mosel, Lahn und Rhein, am Bodensee, im Harz, in Luxemburg und in der deutschen Hauptstadt Berlin. Viele Schüler waren außerdem einzeln und in Gruppen in England, Frankreich und Italien. Da darf man fragen, warum wir dann noch nach Ahlhorn kamen; und diese Frage vertieft sich, wenn ich wahrheitsgemäß feststelle, daß die Schüler in diesem Jahre wie zu anderen Malen fast allgemein und übereinstimmend bezeugten, daß die Tage im Blockhaus für sie etwas Besonderes waren, ja eine Art Krönung ihrer Schulfahrten bedeuteten.

Es verbietet sich, Unvergleichbares miteinander vergleichen zu wollen. Sicherlich vermittelten die Fischteiche, die Wälder und Sandwege, der Besuch bei den Hünengräbern, das Museumsdorf in Cloppenburg und eine Fahrt nach Helgoland landschaftlich und kulturell starke Eindrücke. Bedeutungsvoller scheint mir jedoch der "Inselcharakter" des Blockhauses. Jeden Besucher fängt eine Stimmung ein, die das Allzumenschliche, das Vordergründige, das Wollen und Machen zurückdrängt. Zu ihr gehören wohl der hohe Himmel, die klaren, tiefen Spiegelungen im See, die grünen Ufer und Wälder; oder ist es das Leuchten des Rhododendron unter Kiefern, das Summen der Insekten, das Rufen und Antworten und Klingen der Vogelstimmen, das tiefe, immer weite und nahe Quaken der Frösche? Diese Stimmung mag auf ein großes, oft unbewußtes Verlangen der Jugend und des Menschen antworten, auf ein Verlangen darnach, aus sich herauszutreten, sich hinzugeben, nur zu leben, auf den Wunsch nach Frieden.

Konzert im Grossen Saal
Konzert im Großen Saal
Etwas kommt jedoch hinzu, was mit dem "lnselcharakter" korrespondiert: das ist das Blockhaus, das "Haus der offenen Türen", im wörtlichen und im übertragenen Sinne, das ist die Familie des "Leiters" und die "Angestellten", deren Funktionieren gar nicht bewußt wird, die uns vielmehr als Gastgeber begegneten, uns aufnahmen und zu Hause sein ließen. Woran das liegt? Ließe es sich bestimmen, müßte man es machen, vervielfältigen und übertragen können. Umschreibend läßt sich vielleicht dies andeuten: Bei allen Veränderungen - zwei komfortable Neubauten sind entstanden, Heizungen sind angelegt worden, und der Gast entbehrt keine Bequemlichkeit, die uns Technik und Lebensstandard geben können -- trotz dieser Veränderungen ist das Blockhaus das Block-Haus geblieben. Natur und Technik, Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit, Einfachheit und Komfort stören sich nicht. Das ist ein Kunststück, wie es so selten gelingt, weil es den Menschen verlangt.

Da sind die "Anlagen", Rasen, Mohn, Maiglöckchen, Fingerhut und viele "künstliche Pflanzungen", und in ihrer Wirkung ist gar nichts von Plan und Erdachtem. Sie zeugen von pfleglichen Händen als von etwas Selbstverständlichem. In solchen sich schaffenden und bedingenden Wechselbeziehungen ereignet es sich, daß Insel und Weite, offene Türen und Geborgensein, Einsamkeit und Miteinander, Höhe und Tiefe ihre Gegensätzlichkeit verlieren, daß sich der Widerspruch aufhebt, daß beglückende Möglichkeiten des Menschseins aufleuchten.

Ein Gottesdienst verband Erwachsene, die sich zu einer Einkehr zusammengefunden hatten, und musizierende Schüler; ein Schwalbenpaar flog über die Köpfe der Andächtigen ein und aus; und wir hörten: Liebe und Furcht schließen sich gegenseitig aus, Tod ruft nach dem Leben, Ewigkeit erwächst aus der Stunde der Zeitlichkeit. Könnten wir das für unser persönliches, für das öffentliche und für unser politisches Leben gewinnen!

So fügte sich vieles, Vertrautes als stets Neues. Dieses "Blockhaus" ist ein großes Geschenk. Wir danken, daß es blieb, was es war; und wir vertrauen, daß es sein wird, was es ist.

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