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Landschaft im Wandel der Zeit
Walter Hulverscheidt
An der Einfahrt zur Halbinsel des Blockhauses Ahlhorn steht ein Schild mit der lapidaren Aufschrift "Kein Ausflugslokal". Das mag eine Enttäuschung für die Allzuvielen sein, denen ein Ausflug heute nur nach das Aufsuchen einer Gaststätte im Grünen, mit Attraktionen, Radiomusik und all den bis zum Überdruß überall gleichen Rummelplatzklängen ist. Für die andern ist das nüchterne Schild eine Beruhigung und ein Trost, denn es sagt: Kein Ausflugslokal, sondern Ausgangspunkt für Ausflüge. Wie in der Malerei die Begriffe: "Sehen und Erkennen" bedeuten, daß sich dem geschulten Beschauer mehr darbietet und erschließt als dem Laien, so möchten wir es auch für den Wanderer gelten lassen. Darum erzählen wir etwas von dem weiten Walde, der die schöne Teichlandschaft umgibt, wie er ist und wie er wurde. In seiner Gesamtausdehnung von mehr als 17 Quadratkilometern Größe trägt das Forstrevier den Namen: "Der Baumweg". Der Name klingt verwunderlich für einen Wald, den man zu Fuß stundenlang durchstreifen kann, ohne seine Grenzen zu erreichen, und doch liegt die Zeit nicht lange zurück, daß er zu Recht bestand. Vor hundert Jahren - und was sind hundert Jahre im Leben eines Waldes - dehnte sich baumlose Heide von Horizont zu Horizont, und das einzige winzige Waldvorkommen grotesk verkrümmter Bäume weit im Süden des heutigen Reviers erschien den Menschen damals so besonders und absonderlich, daß sie es zum Namengeber für das Gebiet erhoben.
Heute steht der Rest dieser Waldinsel als "Urwald" - der er nicht ist - unter Naturschutz, eingebettet in das grüne Meer der großen Forsten, die inzwischen heranwuchsen. Wir wählen den Fachausdruck "Forst" mit Bedacht, denn er ist Menschenwerk und bezeugt den Fleiß und die Tüchtigkeit von Männern, deren Namen nur noch spärlich in den Akten zu finden sind, die der Vernichtungsflut des letzten Krieges entgingen. Es ist die Tragik im Wirken des Forstmannes, daß er nicht erntet, was er gesät hat, und es ist seine Freude, daß ihn sein Werk überdauert.
In grauer Vergangenheit - etwa bis in das zwölfte Jahrhundert - war das Land bewaldet, bis mit der wachsenden bäuerlichen Besiedelung schnell die Rodung um sich griff und dem verschwundenen Walde die magere Heide folgte, die dem Lande auf Jahrhunderte den Charakter der "armen Geest" aufdrückte. Der ursprüngliche, der echte Urwald hatte jedoch keine Ahnlichkeit mit dem Bilde, das sich uns heute zeigt. Es mag ein lichter Wald von Birken, Erlen und kurzschäftigen Eichen mit lockerem Unterwuchs von llex, Hainbuche, Hasel und Wacholder gewesen sein. Die Nadelbäume aller Art aber fehlten. Der Wandel der Zeiten veränderte das Bild der Heimat entscheidend, das wissen wir Menschen des technischen Zeitalters nur allzugut. Hier, glauben wir sagen zu dürfen, war es ein Wandel zum Besseren.
Die Heidschnucke verlor mit dem Aufkommen der Weltschiffahrt ihre wirtschaftliche Bedeutung und überließ sie dem australischen Wollschafe. Die genialen Erkenntnisse von Justus von Liebig und Albrecht von Thaer ermöglichten die Umwandlung der bodenzerstörenden Heide in ertragsfähige Acker, und die Auswirkungen der Stein-Hardenberg'schen Gesetzgebung über die preußischen Grenzen hinaus schufen mit der Durchführung der Gemeinheitsteilung die politischen Voraussetzungen. Die oldenburgischen Landesherren griffen das Werk der Aufforstung auf und trieben es unter Einsatz der neuen technischen Möglichkeit, der Dampfpflugarbeit, schnell vorwärts. Mit Fowlerschen Dampfpflügen (rühmlich bekannt durch das schöne Buch van Max Eidt "Hinter Pflug und Schraubstock") brach man seit 1871 durch Tiefpflügen die erkrankten Böden und pflanzte viele Millionen Kiefern, Fichten und Pechkiefern als Pioniere zur Wiederbewaldung des devastierten Landes. Das große Werk vollzag sich natürlich in Etappen, von denen die letzte die Aufforstung durch den Reichsarbeitsdienst im Gebiet der Teichwirtschaft war und die das Landschaftsbild des märkischen Waldes um das Blockhaus herum hervorzauberte.
Mit der Landschaft änderte sich auch die große und die kleine Tierwelt, wie es der abgewandelte Biotop mit sich bringt.
Vor der Verheidung, bis in das späte Mittelalter hinein, war zweifellos der Rothirsch häufig, während das Reh damals selten war, wie überall, wo es vom WoIf gejagt wurde.
Die Heide- und Moorlandschaft wurde später die Heimat des Birkwildes, das für diese Zeit zum Charaktervogel des Landes wurde. Mit dem Fortschreiten der bäuerlichen Besiedelung nahm der Besatz van Hase und Feldhuhn zu. Der jüngste Abschnitt brachte uns die Fauna des Waldes. Das Birkhuhn verschwand fast völlig, dafür kam, künstlich eingeführt, der Fasan. Das Rebhuhn ist kein Waldgetier und weicht auch der mechanisierten Landwirtschaft. Der Rothirsch ist nicht wiedergekommen, obgleich sein Biotop neu entstanden ist. Er verträgt nicht die Enge und Unruhe der dichten menschlichen Besiedelung. Aber seit 1935, aus Holstein eingebürgert, ist der Damhirsch an seine Stelle getreten und schreit in den letzten Oktobernächten seinen rauhen Brunstruf. Die Wildsau, der Schädling der Landwirtschaft, wird allzu hart verfolgt, aber klug und zäh hält sie sich trotz der Ungunst der Zeiten.
Eine besondere Schönheit bietet die vielartige Wasservogelwelt in buntem Wechsel van Brut- und Durchzuggästen. Die Schilfrohrgürtel erschallen vom Gesang der Rohrsänger und Laubvögel, eine Freude für die Menschen, die nach feine Stimmen zu hören verstehen.
Die unsinnigen Eingriffe nach dem Kriege unter dem Druck der Besatzungsmacht zerstörten viel, dach langsam schließen sich die Wunden. Der Forstmann kann nun mit dem Heranwachsen der Erstaufforstungsbestände in das Haubarkeitsalter einen Schritt weitergehen und nach der Sanierung des Bodens mit Hilfe der Microfauna der ersten Waldgeneration vielfach eine Weiterentwicklung durch Umwandlung der Bestände in Douglasfichten, Fichten und japanische Lärchen, unter angemessener Zurückdrängung der Kiefer, einleiten. Für spätere Geschlechter bahnt sich damit ein erhöhter Massen- und Wertertrag an. Das Holz hat nämlich trotz Eisen und Zement seine wirtschaftliche Wichtigkeit als Rohstoff behauptet, daneben aber gewinnt der grüne Wald eine wachsende Bedeutung als Träger der Wohlfahrtswirkungen für die gehetzte Menschheit, und darum auch bleibt der sogenannte Urwald als Naturschutzgebiet erhalten, den Menschen, die noch sehen und hören können, zur Erholung und Freude.
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