Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1960: Blockhausbrief Nummer 5

Inhalt:

Titel
Was wird daraus? - Eine besinnliche Plauderei über Ahlhorner Erfahrungen
Der Baumweg
Das "Blockhaus Ahlhorn" - Eine Plauderei über das Haus und seine Entwicklung
Wissenswertes über die Staatliche Teichwirtschaft
Ein Vorwort, das eigentlich Nachwort heißen müßte
Evangelisches Jugendheim Blockhaus Ahlhorn
Soldaten im Blockhaus
Kurzbeiträge der Gäste aus der Zeit vom 1.5.1959 bis 1.6.1960
 

Was wird daraus?

Eine besinnliche Plauderei über Ahlhorner Erfahrungen

H. Kiausch


I. Der Anfang

Es war ein klappriger Omnibus, der uns 1946 zum ersten Mal "nach Ahlhorn" brachte. Seitdem habe ich viele Fahrten nach Ahlhorn gemacht, aber diese erste Fahrt habe ich besonders in Erinnerung behalten. Das Blockhaus sollte von der englischen Militärregierung der Ev. Jugend zur Nutzung übergeben werden. Keiner von uns hatte das Blockhaus vorher gesehen. Wir kamen aus der waldlosen Marsch und waren begeistert. Das Haus war zwar auch in den Strudel des Zusammenbruchs geraten, aber diese Anlage war für die ev. Jugend wie geschaffen. Ringsherum Wald und dazu die vielen Fischteiche.

An der schlichten Übergabefeier nahmen damals drei Männer teil, die heute nicht mehr am Leben sind: Tantzen, der letzte oldenburgische Ministerpräsident; Wiesemann, der Begründer und erste Leiter des Oldenburger Jugendchores; Ehlers, der spätere Bundestagspräsident.

Von den gehaltenen Reden ist mir am meisten in Erinnerung geblieben das knappe Wort eines englischen Generals: ,Jesus Christus spricht: "Ich bin das Licht der Welt." Ein Licht, nicht ein Scheinwerfer, der etwa deine Zukunft bis ans Ende deiner Lebenstage erhellt. Ein Licht, mit dessen Hilfe es dir gelingen wird, die nächsten Schritte zu machen.'

Unsere Burhaver Gemeindejugend spielte dann am Nachmittag den "Ruf" von Erich Klapproth, ein Spiel um das Gleichnis vom großen Abendmahl. (Luk. 14, 16 ff.) "Und lud viele dazu . . ." Wir spielten vor dem heutigen Speisesaal mit dem Blick zu dem davorliegenden Fischteich. Das war fast eine neutestamentliche Kulisse. Hier hätte der Fischer Petrus direkt hingepaßt. Was er erfährt, ist ja schließlich auch an keine Zeit gebunden. Da ist zunächst die tiefe Demütigung vor dem Sohne Gottes: "Herr, gehe von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch." Da ist aber auch der befreiende Zuspruch: "Fürchte dich nicht, denn von nun an wirst du Menschen fischen."

Seit diesem Anfang bin ich öfter im Blockhaus gewesen. Die Fischteiche sind stille aber beharrliche Prediger. Sie predigen vom "Menschenfischen". Diese Predigt hat mir manchmal Mut gemacht. Sie hat mich manchmal auch gedemütigt. Sie sagt aber immer klar und handfest, wozu uns das Evangelium gegeben ist.


II. Die Fischteiche

Luther hat einmal gesagt: "Was für den Fisch das Wasser, das ist für den Christenmenschen das Wort Gottes." Ob wir uns das nicht einmal näher ansehen müßten?

Die Ahlhorner Fischerei ist ständig bemüht, den Fischen das rechte Wasser zu geben. Damit hängt es zusammen, daß man im Herbst in der Fangzeit das alte Wasser abgelassen und von der Lethe her aufgestautes Wasser neu hineingeführt.

Dazu besteht die Gefahr, daß die Teiche von allen Seiten her zuwachsen wollen. Das gibt sumpfiges Wasser. Deshalb muß daß Schilf geschnitten werden.

Was aber nützt neues Wasser, wenn es die rechte Nahrung nicht enthält? Es kommt deshalb vor allem auf die "Planktonbildung" an, wie der Fachmann sagt. Damit ist nach dem Brockhaus "die Gesamtheit der im Wasser frei schwebend lebenden Tiere und Pflanzen gemeint mit sehr geringer Eigenbewegung." Dazu gehören aus der Fauna Strahltierchen, Geißeltierchen, mancherlei Larven u. a. mehr. Dazu gehören aus der Flora: Bakterien, Algen, Wasserlinsen.

Und dazu kommt noch eins. Die Fische haben ihre ständigen Futterplätze. Hier sorgt der Fischmeister dafür, daß seinen Fischen genügend Nahrung angeboten wird. Beste Kost.

Was bedeutet das nun gleichnishaft für den Christenmenschen in seinem Verhältnis zum Worte Gottes? Er soll sich darauf besinnen, daß das Evangelium ein "lebendiges Wasser" ist. Lebendiges Wasser ist frisches Wasser. Ich muß darauf achten, daß es mir immer neu zugeführt wird. Ich kann nicht bis an mein Lebensende auf dem geringen Erkenntnisstand meines Konfirmandenunterrichts stehen bleiben. Abgestandenes Wasser macht auf die Dauer kranke Fische.

Aber bleibt es wirklich bei dem Erkenntnisstand, den ich einmal im Glauben erreicht habe? Stehende Gewässer wachsen schnell zu und der Spiegel meiner Erkenntnis wird immer kleiner. Eine regelmäßige Uferbereinigung kann deshalb nur heilsam sein. Sie kann etwa darin bestehen, daß ich wie der anfange, die Gottesdienste der christlichen Gemeinde zu besuchen, mit Menschen spreche, die auch von den Fragen nach Gott und dein letzten Sinn unseres Lebens erfüllt sind. Manchmal tut es auch ein Buch, zu dem ich mich, wie zu einem guten Freunde setze.

Aber schließlich kommt es doch in all diesen geistlichen Dingen auf die Grundnahrung, auf das "Plankton" an. Jesus Christus hat gesagt: "Ich bin das Brot des Lebens." Es bleibt dabei: Er ist diese Grundnahrung unseres Lebens. Wir werden nicht satt, wo wir nicht zu ihm kommen. Von aller auch noch so schön garnierten Vor- und Nachspeise menschlicher Weisheit kann niemand bestehen.

Und die Futterplätze? Die Fische im Wasser finden ihre Nahrung überall. Und die Menschen? Es gibt nur noch wenige christliche Häuser, wo die Hausandacht den Tag regiert, und wir den allgegenwärtigen Christus bei unsern Mahlzeiten zu Tische laden. Darum brauchen wir die festen Plätze, an denen uns Gottes Wort dargeboten wird, und wir zum Tische Gottes kommen können.


III. Der Lebensweg der Fische

Ober den Lebensanfang der Fische macht sich die Fischerei viel Mühe. Für das Laichgeschäft der Fische werden besonders gute Teiche ausgesucht. Kaum hängt die junge Brut an den Gräsern der flachen Gewässer, schon werden die alten Fische herausgenommen, damit sie die junge Brut nicht stören.

Ein anderer interessanter Vorgang wiederholt sich später. Nach dem Ab. fischen im Herbst werden die noch nicht marktreifen Fische in den Winterteich gebracht. Hier haben sie die erforderlichen Lebensbedingungen auch dann, wenn die übrigen Teiche zugefroren sind. Im Frühjahr werden sie dann in die anderen Teiche gebracht, die inzwischen gereinigt und auf mancherlei Weise vorbereitet sind. Aus dem "Aquarium" geht es dann gleichsam in die freie Wildbahn.

Fische haben auch ihre Feinde. Dazu gehören etwa die Fischadler, Fischreiher, aber auch die Fischotter.

Neben den Karpfen werden in den Fischteichen auch Schleie und Zander gehalten. Im allgemeinen vertragen sie sich untereinander gut. Sehr belebend soll es sich dagegen auswirken, wenn gelegentlich von der Talsperre her ein Hecht in den Karpfenteich gelangt. Obwohl er sehr in der Minderheit ist, bringt er die von Natur aus etwas müden Karpfen durch seine angeborene Feindschaft tüchtig in Bewegung. Welch eine Mühe um die junge Brut!

Es liegt nahe, von solchen Beobachtungen her an die Lebensbedingungen des jungen Christenmenschen zu denken. Ist seine Umwelt so vorbereitet und förderlich, wie es nun einmal für alles Wachstum im Glauben nötig ist?

Wir klagen oft darüber, daß bei der christlichen Unterweisung in der Schule und in dem kirchlichen Unterricht während der Konfirmandenzeit so wenig herauskommt. Woran liegt das? Es fehlt oft an den Lebensbedingungen für den jungen Glauben. Das Beispiel und die Atmosphäre des Elternhauses bedeutet an dieser Stelle sehr viel.

Und wie ist es mit den Lebensbedingungen des Glaubens in "der freien Wildbahn" nach der Konfirmation? Der junge Christenmensch braucht für seinen Glauben das Geleit des Elternhauses und der Gemeinde. In diesen Gedankengängen liegt es begründet, wenn es heute so viel verheißungsvollen Rumor um die Konfirmation gibt.

Freilich wird es immer so bleiben. Der Glaube muß durch mancherlei Gefährdung und Kampf hindurch. Das geht dem jungen Christenmenschen nicht anders als den Jungfischen mit ihrer Bedrohung durch Fischadler, Fischreiher und Fischotter.

Und was hat es mit den Zandern, Schleien und Hechten für eine Bewandtnis? Wie der Leser gemerkt hat, neige ich dazu, diesen Tatbestand nicht zu beklagen. Was soll den verschiedenen Fischen auch anders übrigbleiben, als von ihrer Existenz gegenseitig Kenntnis zu nehmen und das Beste daraus zu machen. In solch einer Haltung wird man am besten mit der konfessionellen Frage fertig, nachdem uns der letzte Krieg und die darauf folgende Zeit gründlich durcheinander gemischt haben.

Und die Hechte? Davon gibt es heute in der Bundesrepublik anerkanntermaßen wenige. Die Kirche genießt alle Freiheit und wird von höchster Stelle gefördert. Aber täuschen wir uns nicht, auch in unseren Karpfenteichen schwimmen Hechte.


IV. Eine beunruhigende Erkenntnis

Ist es nicht erstaunlich, wie sich eine moderne Fischereiverwaltung die Ergebnisse der Forschung und Technik zu Nutze macht? Das ist aber nicht nur so im Fischereiwesen. Das ist ähnlich auf den Bauernhöfen, in den Werkstätten und besonders in der Industrie. Wieviel geistiger Einsatz, wieviel Beweglichkeit und Mut zu Experimenten in dem materiellen Bereich unseres Lebens, im "Bereich des Habens", wie es neulich jemand genannt hat.

Wie gleichgültig und wie rückwärtsgewandt sind wir dagegen in jenem Bereich unseres Lebens, den wir den "Bereich des Seins" nennen könnten. Hat sich nicht hier manches radikal geändert, was von uns neu durchdacht werden muß?

In diesen Bereich gehört alles das, was unser "Personsein" ausmacht, unsere Freiheit und Gebundenheit, unsere Arbeit und Freizeit, unser Urteilsvermögen u. a. m. Dazu gehört unsere Verantwortung für unsere Familie und alle sonstige Gemeinschaft. Dazu gehört aber auch unsere Gliedschaft zu unserer Kirche, der wir angehören von unserer Taufe an.

Unsere Aufmerksamkeit hat in den zurückliegenden Jahren in besonderer Weise den Problemen aus dem "Lebensbereich des Habens" gehört. Vielleicht konnte das auch nach dem Zusammenbruch 1945 nicht anders sein. Wir spüren aber heute mehr und mehr, daß die eigentliche Erfüllung und Bewährung unseres Lebens in dem "Bereich des Seins" liegt.

Uns ist nichts nötiger als der Wille, für diese Dinge fortan mehr Zeit zu haben.

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