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![]() Der BaumwegHauptlehrer a. D. Hibbeler (Ahlhorn / Lethe) Noch zu keiner Zeit bedurfte der Mensch so sehr der Entspannung wie jetzt. Das Leben ist zu einem Hasten und Jagen geworden, es ist umtost von nervenstörendem Lärm und ist bedroht durch Gase, Krankheitskeime, Staub und Rauch. Um dem gefährdeten Dasein zu entgehen, sucht der Mensch Stätten der Ruhe und Erholung. Diese findet er meist vergeblich in sog. Kurorten, Bädern usw., weil dort das Gesellschaftsleben oft die Wirkung der Kuren hinfällig macht. Wer sich wirklich helfen lassen will, wende sich an den Wunderarzt Natur. Vor allem ist der Wald der Gesundbrunnen unserer Zeit für Körper und Geist. Wälder gibt es in unserer Oldenburger Heimat viele. Doch nirgends bedecken sie so große Gebiete wie in der Umgebung von Ahlhorn. Außer den Forsten Steinhorst im Osten und Gartherfeld (Scheidewald) im Süden gibt es ein großes zusammenhängendes Waldgebiet westlich von Ahlhorn. Es reicht von der Sager Heide im Norden bis an die Eisenbahn Ahlhorn-Cloppenburg im Süden und an die Kolonie Hoheging-Kellerhöhe im Westen. Dieser Staatsforst bedeckt etwa l8qkm Bodenfläche, ist in zwei Revierförstereien aufgeteilt und untersteht der Forstmeisterei Ahlhorn. Vorwiegend sind Nadelholzkulturen angelegt. Nur der Urwaldteil des Baumweges und die Gebiete nördlich und südlich davon sind mit Laubholz, meist Rot-buchen bestanden. Hier besteht der Boden aus sandigem Geschiebelehm, der günstig für Laubbäume ist. Wo letzt Nadelholz wächst, waren früher Heiden, also magerer Boden. Geschichte des BaumwegesDer Urwald bedeckte seit uralten Zeiten den Höhenrücken, der sich von Norden nach Süden bis über die Straße Ahlhorn - Cloppenburg erstreckt. Er war vor 150 Jahren noch über 100 ha groß. Seitdem er 1803 Oldenburger Staatsbesitz wurde, sind große Teile davon abgeholzt worden, weil der Bestand kaum nutzbares Holz liefern konnte. Sie wurden vorwiegend mit Rotbuchen, Fichten und Kiefern aufgeforstet. Von dem Urwald sind jetzt noch rund 30 ha vorhanden und sollen als Naturschutzgebiet erhalten bleiben. Vor 1803 gehörte dieser Wald viele Jahre dem Fürstbischof von Münster als weltlichem Herrn, der ihn hauptsächlich wegen der Jagd beanspruchte. Weil aber die Bauern von Holen die Nutzung ihrer Dorfmark als ihr angestammtes Recht betrachteten, weideten sie ihre Schafe, Rinder und Pferde nicht nur auf den Heiden, sondern auch im Walde. Außerdem holten sie Bau- und Brennholz und für die Ställe Plaggen und Laubstreu heraus. Auch schossen sie das Wild, oder fingen es in Fallen oder Schlingen. Der Fürstbischof setzte, um seine Ansprüche zu wahren, obrigkeitliche Holzförster ein. Uns ist ein solcher bekannt geworden durch ein Protokoll über dessen Vereidigung. Es ist Johann Heinrich Schneider aus Emstek, der am 15.9.1746 vor dem Amtsführer Schlipmann, dem Amtsrentmeister P. L. Driver und dem Protokollführer Molen in Vechta schwor, daß er das fürstbischofliche Gehege Baumweg mit Fleiß beobachten, wenigstens jeden zweiten Tag visitieren, auf Wilddieberei und unberechtigtes Jagen sowohl in, als beim Baumweg achten, auch Holzdieberei, Schollen- und Plagenmähen verhüten, alle Übertretungen getreulich dem Amte, auch dem Jägeramte melden wolle. Er selbst wolle nur auf obrigkeitlichem Befehl Wild schießen und dieses getreulich abliefern. - Wir ersehen daraus, daß es dem Fürstbischof auf die Erhaltung des Waldbestandes vor allem deshalb ankam, um ein wildreiches Jagdrevier zu haben. Das Hüten des Viehes und der Schafe in den Randgebieten des Urwaldes scheint den Bauern noch lange Jahre erlaubt gewesen zu sein. Durch die Markenteilung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts behielt der Oldenburger Staat das Urwaldgebiet, nahm aber auch die Heiden rundherum in Besitz und verbot die Hude (Viehhütten) im Walde. Nur die Moore in der Letheniederung blieben den Halener Bauern für die Torfgewinnung. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts erwarb der Staat vom Gut Lethe das Lether Feld (jetzt Feldmühlenholz) und später das Halener Feld. Von den Bauern in Bissel und Sage kaufte der Staat vor rund 40 Jahren die Heidegebiete nördlich des Letheknies (rund um das Blockhaus Ahlhorn), ließ Fischteiche anlegen und die nicht als solche verwendbaren Flächen aufforsten. So hat sich um das Kernstück des Urwoldes nach und nach dieses große, geschlossene Waldgebiet entwickelt. Im Urwald Baumweg
Die Fachleute, wie Forstbeamte, Waldbauern und Holzkaufleute, richten ihr Interesse vor allem auf die alten und neuen Kulturen. Für die Laien, die nur Naturfreunde sind, ist der Urwaldteil das Schönste in diesem Walde. Sie erfreuen sich an den reizvollen, wechselnden Bildern des Bestandes. Viele nennen ihn Märchenwald und tatsächlich könnte er manchem Märchen als Schauplatz dienen. Die uralten, z. T. hohlen oder abgestorbenen Eichen, die wie die Hainbuchen vielgestaltige Formen angenommen haben, die knorrigen Stämme mancher Rotbuchen, die dunklen Hülsen oder Stechpalmen, dazu das kleine in Fachbauwerk errichtete Häuschen bei der Baumschule mit dem alten Ziehbrunnen daneben, rufen eine Märchenstimmung in uns wach. Könnte hier nicht Rotkäppchens Großmutter oder die alte Geiß mit ihren sieben Geißchen gewohnt haben? Könnte es nicht das Räuberhaus der Bremer Stadtmusikanten, das Hexenhaus von Hänsel und Gretel sein? Die vielhundertjährige Traubeneiche mit der weitausladenden Krone ist mit einer aus Naturholzstäben angefertigten Bank umgeben und lädt zum Verweilen und Träumen ein. Alter und Entstehung des UrwaldesWährend der Rast tauchen in uns Fragen nach dem Alter und Werden dieses eigenartigen Waldes auf. - Eins steht fest: Von Menschenhand ist er nicht angelegt. Nach unseren Feststellungen ist er der Restbestand eines früher weit ausgedehnteren Laubwaldes. Vor Jahrtausenden bedeckte viel Wald die ganze Geest, stellenweise in geschlossenen Beständen, sonst locker. Eichen, Birken, Vogelbeere, dazu auf tonigem Boden Hainbuchen waren die vorherrschenden Waldbäume. Rotbuchen breiteten sich erst später aus, desgleichen die Nadelhölzer. An den Flußläufen entstanden die Auwälder mit Erlen, Pappeln, Weiden u. a. Als unsere Ahnen sich den Boden nutzbar machten, wurde viel Wald gerodet und zu Ackerland, Weiden und Wiesen. Das frei umherlaufende Vieh fraß nicht nur Gras und Kräuter, sondern auch die Keimlinge der Bäume und verhinderte dadurch eine natürliche Erneuerung des Waldes. Dieser wurde immer weiter zurückgedrängt. Wo Wald gewesen war, entstand eine Gras- oder Heidesteppe. Ganz besonders hat das Schaf, die kleine Heidschnucke' zur Vernichtung des Waldes und zur Bildung der Heide beigetragen. Vor etwa 200 Jahren hatten die Heiden ihre größte Ausdehnung erreicht. Nur auf dem sandigen Geschiebelehm hatte der urwüchsige Wald sich halten und immer noch erneuern können. Außer dem Urwald Baumweg blieben in der Sager- und Ahlhorner Heide Laubwaldinseln erhalten, so der Almsweg, der Büssel, der Rüspelbusch u. a. Diese litten auch stark unter dem Vieh- und Schafverbiß und unsachgemäßer Nutzung durch die Menschen. Weil aber der Boden günstig war, trieben die Baumstümpfe und die abgeknapperten Sämlinge und Büsche jedes Jahr wieder aus, bildeten zunächst ein flaches Gesträuch' bis der Mitteltrieb von außen her von den Tieren nicht mehr erreichbar war. Ein gekrümmter Stamm konnte eine vielästige Krone ausbilden, unter der dann das zuerst entstandene Gebüsch abstarb. Im Urwald finden wir kaum einen geraden Eichbaum, die meisten haben einen gewundenen, oft sogar korkenzieherartigen Wuchs. Das Stammholz ist durch seinen Drehwuchs als Nutzholz nicht verwendbar. Die Rotbuche im UrwaldDie vorherrschenden Bäume waren bisher Eichen und Hainbuchen. Seit Jahren aber haben sie keinen Nachwuchs mehr. Liegt das an dem Absinken des Grundwasserstandes oder hat sich das Kleinklima dort geändert, hervorgerufen durch die Aufforstungen rundherum mit Nadelhölzern? Wo die Hainbuchen in geschlossenen Beständen vorkommen, scheinen sie in der fürstbischoflichen Zeit in Waldlücken angepflanzt zu sein, z. B. in der Nähe der Baumschule. Man hat diese Holzart auch genutzt, denn deren Stämme sind in etwa 2 m Höhe geköpft worden, entweder zum Gewinnen von Buschholz für Uferbefestigungen oder als Stellmacherholz. Die Rotbuche breitet sich gewaltig aus; sie findet also günstigere Lebensbedingungen als vorher. Von der Zeit her, als nach Schafe und Rinder den Wald formten, ist eine Rotbuche erhalten geblieben. Sie steht südlich des Märchenhauses an einer Schneise, die vom Hauptweg westwärts den Urwald durchquert. Aus einem knorrigen Wurzelgebilde erheben sich vier gewaltige Stämme und diese haben zusammen eine Krone ausgebildet, die mehr als 600 Quadratmeter Boden beschattet. Diese Buche, die etwa 200 bis 300 Jahre alt ist, hat ihre Samen durch weite Teile des Urwalds ausgestreut. Da stehen nun überall ihre Kinder und Kindeskinder, selbst schon z. T. über 100 Jahre alt, als mächtige Stämme oder erst als schlanke Hester unter und neben den Urwaldbäumen. Alle zeigen ein lebhaftes Wachstum, streben über die Kronen der Eichen und Hainbuchen hinaus, nehmen ihnen das Licht und bringen sie zum Absterben. Die PflanzenweltNaturkundlich interessant sind die Stechpalmen links und rechts des Hauptweges. Ihre Stämme ragen z. T. bis in die Kronen der Waldbäume. Bis in etwa 2 m Höhe haben alle Blätter an den Rändern Stacheln, die oberen haben sie nur noch vereinzelt oder sie fehlen ganz. Schutz gegen Tierfraß, aber nur soweit es erforderlich war, ist zu einem Erbgut geworden. Uns fällt auf, daß im Urwald das Unterholz fast ganz fehlt. Die paar Haselnußsträucher am Wege sind angepflanzt. Schwarz- und Weißdorn kommen nicht vor. Efeu und Geißblatt treten kaum in Erscheinung. An Blütenpflanzen fehlt der Waldmeister, doch stehen vielerwärts Maiglöckchen. Im Frühjahr sehen wir überall Buschwindröschen (Anemonen), dazwischen auch die zarten Blüten des Sauerklees. Später erscheinen die weißen Blüten des Siebenstern. Viele Farne, Moose, Halbmoose, Flechten und Pilze, darunter seltene Baumpilze, gedeihen in vielen Arten. Im Juli reifen hier Heidel- oder Bickbeeren und werden gesammelt. Doch gehen die Pflücker lieber zu den geschlossenen Beständen unter den Fuhren des nördlichen Waldteiles. Dort finden sie später auch Kronsbeeren in großen Mengen. An seltenen Pflanzen haben wir die Nestwurz, eine Blütenpflanze ohne Blattgrün, die Bergplatterbse und die Färberscharte entdeckt, beides Überreste der Eiszeit. Die TierweltDie Tierwelt ist reichhaltig. An jagdbarem Wilde treffen wir hier Damhirsch, Reh, Hase und Kaninchen, seltener das Wildschwein, dazu im Frühjahr die Waldschnepfe. Der Fuchs liebt mehr die dichten Randgebiete. Dachs, Baummarder, Iltis und Wiesel halten die verschiedenen Waldmäuse und das Eichhörnchen kurz. In hohlen Bäumen nisten Schwarz- und Buntspechte, Stare, Meisen, Waldohreule, Wald- und Steinkauz. Auf hohen Bäumen horsten Habicht und Bussard. Rabenkrähe, Eichelhäher, Sperber und Tauben lieben mehr die Nähe der freien Felder. Buchfinken, Drosseln, Rotkehlchen, Spechtmeise, Baumläufer, Laubsänger, Kreuzschnabel und Dompfaff finden günstige Lebensbedingungen. Goldhähnchen und Nachtschwalbe wurden als Brutvögel beobachtet. Selten ist der Hirschkäfer geworden. Die Eichen leiden im Frühjahr oft unter dem Fraß der Raupen des Eichenwicklers. Vielerwärts haben die roten Waldameisen ihre Burgen. Manchmal verfliegt sich ein Bienenschwarm in den Wald und bezieht hohle Bäume. Lästig können uns im Vorsommer die Stechmücken werden. Ein BeobachtungsgangWill man von dem Besuch des Waldes vollen Genuß haben, sollte man die heute üblichen Fortbewegungsmittel wie Auto, Motor- und Fahrrad vor dem Betreten des Waldes abstellen. Ein Verirren ist trotz der Größe des Baumweges kaum möglich. Ein z. T. gepflasterter Hauptweg führt von der Bundesstraße in nördlicher Richtung, zunächst durch den Urwaldteil, an der Baumschule mit unserm Märchenhaus vorbei, durch das ganze Waldgebiet. Alle nach Osten von ihm abzweigenden Schneisen treffen auf den Halener Weg. Dieser beginnt bei km 40,5 der Bundesstraße, ist schnurgerade und 3,5 km lang. Er wird von einem Fußweg und beiderseits von mit Krummholzkiefern bestandenen Erdwällen begleitet. Er endet bei der Wirtschaft "Zum Karpfen" in der Nähe der staatlichen Fischteiche mit dem "Blockhaus". Folgen wir von der Baumschule an dem Hauptweg nach Norden, begleiten uns links noch Restbestände des Urwaldes, die die Aufgabe haben, die hohen Tannen und Kiefern rechts vor Windbruch zu schützen. Die Nutzholzflächen wurden in der ersten Nachkriegszeit größtenteils kahlgeschlagen, aber mit Fichten, Kiefern, Lärchen und einigen Laubhölzern neu aufgeforstet. Am Wege stehen einige schöne, hohe Lärchen. Viele junge Stämme der Aufforstung sind mit Stanniolstreifen, z. T. noch mit Blechdosen behängt. Damhirsche und Rehe sollen dadurch abgeschreckt werden, die Bäumchen beim Fegen (d. i. Abstreifen des Bastes vom Geweih) zu beschädigen. Nach einem Mischwald kommt man bald zu einem großen, schönen Buchenbestand. Mitten darin an der Kreuzung von vier geraden Wegen steht die Jagdhütte. Die Kronen der Buchen schließen die Wege kuppelartig ab, so daß man von einem Buchendom sprechen kann. Der Boden st mit dürren Zweigen und einer dicken Laubschicht bedeckt. Nur Moospolster und Sauerampfer bringen ein wenig Grün in die dunkelbraune Decke. Nördlich vom Buchenwald beginnen ausgedehnte Fuhrenbestände mit einigen Fichten durchsetzt. Hier sammeln im Sommer viele Pflücker Heidel- und Kronsbeeren. Der Wanderer verläßt bei der Wegkreuzung den Hauptweg, folgt dem Fußweg rechts und kommt bald zu dem gen. Halener Weg. Zu jeder Jahres. und Tageszeit bietet der Baumweg seinen Besuchern etwas Besonderes. Im Winter zeigt der Urwald besonders schön die vielgestaltigen Baumformen und das verschlungene Gewirr der Äste, vor allem wenn Schnee darauf liegt. Tierspuren erzählen von den heimlichen Bewohnern. Wenn sich im Frühjahr die Buchen an den unteren Zweigen belauben, ist es, als schwebten abertausend grüne Schmetterlinge durch den Hain. Der Balzruf des Buchfinks klingt hier lauter und melodischer. Das knarrende Geräusch vom Hämmern eines Spechtes an seinem Trommelast wird von anderen seiner Art ebenso beantwortet. Erlebe man doch einmal einen Gewittersturm im Urwald. Morsche Äste, auch wohl ganze Bäume schlagen zu Boden, Durch das Brausen, Donnern und Heulen, jaulen und pfeifen scheuernde Äste. Der wilde Jäger geht um! Am sonnigen Sommerabend bricht sich das Licht in vielen Farben und malt helle und dunkle Flecken auf die Stämme und den Waldboden. Selbst die Sommernacht ist schön und voller Stimmen. Wenn Rotkehlchen und Amseln verschweigen, klingt der laute Ruf der Waldohreule und des Waldkauzes durch die Nacht. Über Waldwegen huscht in lautlosem Flug die Nachtschwalbe und kann uns durch den beim Kehren erzeugten heftigen Knall erschrecken. Die Farbenpracht der Laubverfärbung im Herbst sollte jeder gesehen haben. Auch der Anblick von Hirsch und Reh, Hase und Kaninchen, wohl gar Fuchs und Dachs wird jedem Wanderer Freude bereiten. Wer möchte nicht auch einmal den Wald in seiner ganzen Schönheit erleben! Aber können wir es noch, finden wir noch Muße dazu? Lösen wir uns doch dann und wann vom Alltag und suchen im Wald Erholung und inneren Frieden. Das schenkt er uns nur, wenn wir ihn still durchwandern und seine Geheimnisse auf uns wirken lassen. |
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