|
||
|
|
Mission in DeutschlandDr. G. Schultz Zwei deutsche Pastoren setzten sich mit einer Camping-Ausrüstung in ein Auto und fuhren zu solchen Plätzen in Italien und Frankreich, auf denen deutsche Ferienreisende ihre Zelte aufzuschlagen pflegen. Sie trafen auch überall große Gruppen von deutschen Touristen. Am ersten Abend machten sie sich noch etwas lächerlich, weil sie von der Technik des Camping recht wenig verstanden. Als sie sich dann auch noch eine Mahlzeit hauptsächlich aus Suppenwürfeln herstellten und hinterher mit Handzetteln von Zelt zu Zelt gingen, um zu einer Aussprache über Fragen des christlichen Glaubens einzuladen, hielt man sie eine Weile für Vertreter einer Suppenwürfelfabrik. Dann aber kamen ihre Zeltnachbarn doch zu dieser Aussprache, amüsiert und skeptisch die einen, interessiert und nachdenklich die anderen. Die Aussprache wurde so lebhaft, daß sie am den folgenden Abenden fortgesetzt werden mußte; und am nächsten Sonntag war dann auf dem Camping-Platz ein Gottesdienst, an dem praktisch alle teilnahmen, die auch vorher schon bei den Diskussionen dabeigewesen waren. Wie man sich denken kann, sah dieser Gottesdienst etwas anders aus als sonst: Die Teilnehmer hockten in ihrer malerischen Camping-Kleidung auf dem Gras, und die Pastoren hatten auf ihre Talare verzichtet. Auch in sofern war dieser Gottesdienst außerordentlich, als viele Menschen seit ihrer Konfirmation zum erstenmal wieder an einem Gottesdienst und an einem Abendmahl teilnahmen. - In diesem Stil ging es dann auch auf all den anderen Plätzen, welche die beiden Pastoren noch besuchten. Das ist vielleicht eine etwas drastische Ausprägung eines neuen Gottesdienststils. Es ist aber doch auch eine gültige Auslegung des Wortes Jesu: "Gehet hin in alle Welt . . . ". "Gehet hin . . ." steht ja auch sozusagen in der Dienstanweisung für jeden Pfarrer. Gemeinde und Kirchenleitung erwarten geradezu von ihm, daß er nicht nur die Gottesdienste hält, sondern auch, daß er so viele Besuche macht wie möglich. Wir alle wissen, daß dies beinahe die wichtigste Tätigkeit eines Pfarrers von heute ist. Wir leiden aber auch alle unter dem Bewußtsein, daß dieses Besuche-machen zu kurz kommt, weil sowohl der Pfarrer als auch die Gemeindeglieder heute keine Zeit mehr haben. Umso dringlicher wird aber der Befehl Jesu und umso nötiger ist es, daß heute ,jemand zu den Menschen hingeht und sie aufsucht. Früher einmal war es Sitte, daß man zum Pfarrer ging, wenn man seinen Dienst wünschte. Das war in jener Zeit, als die Menschen noch in kleinen, überschaubaren Siedlungen lebten und arbeiteten. In jener Zeit war der Pfarrer ihr Mitbürger, und die kannten ihn, weil er ihnen fast täglich auf der Straße, in ihren Wohnungen oder an ihrem Arbeitsplatz begegnete. Heute sind die Wohnsiedlungen aber unübersichtlich geworden, und heute verbringt man auch nur noch einen kleinen Teil seines Werktages in seinem Wohnbereich. Der Arbeitsplatz ist meistens ganz woanders, und wenn man nach Hause kommt, will man Ruhe haben. Dann achtet man kaum noch auf den Nachbarn in seinem Hause, geschweige denn auf seinen Pfarrer. Das ist nicht nur in den Großstädten und Industriegebieten so, sondern auch schon in den Dörfern, in welchen heute schon manchmal mehr als die Hälfte der Einwohner nicht mehr im Dorf arbeiten. Selbst einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen die Menschen heute nicht mehr mit ihren Wohnungsnachbarn. So ist die Kirche zwar in den meisten Dörfern geblieben und steht auch noch in den Bezirken der Städte. Aber die Menschen sind nicht mehr in ihrem Dorf oder in ihrem Stadtteil geblieben. Sie pendeln von einem Ort zum anderen und haben ganz verschiedene Plätze für Arbeit und Erholung, für Familienleben und Vergnügen. Da ist es denn kein Wunder, daß sie auch auf ihre Kirche nicht mehr so achten wie früher und daß sie nicht mehr mit ihr leben. Das ist nun aber kein Grund, auf die Leute und auf die Unkirchlichkeit unserer Zeit zu schimpfen. Vielmehr sollten wir erkennen, daß es sozusagen ganz normal ist, wenn die Menschen von Christus und von seiner Gemeinde keine Notiz nehmen, wenn dieser Christus und diese Gemeinde nicht zu ihnen kommen. Entsprechend werden wir auch die Praxis unserer kirchlichen Arbeit ändern müssen. Wir sollten uns überlegen, wie wir zu den Leuten hingehen; hingehen zu den Plätzen, an denen sie leben; hingehen also, wo sie mit ihren Familien zusammen sind und hingehen zu ihrem Arbeitsplatz; hingehen an den Ort, wo sie ihre Freizeit verbringen und dort hingehen, wo sie ihr Zusammenleben politisch und sozial zu ordnen versuchen. Es hat in den letzten Jahrzehnten viele Versuche gegeben, die Kirchenräume zu verlassen und die frohe Botschaft wieder zu den Menschen zu bringen. "Innere Mission" und "Volksmission" waren solche Versuche; die Reise der beiden Pfarrer auf die Camping-Plätze ist ein anderer. In der Ostzone werden seit Jahren von der Kirche Wohnwagen ausgerüstet und auf die Reise geschickt, um in diesem Wagen Gemeinden zu sammeln, wenn kein Pfarrer und keine Kirche am Ort war oder sein durfte. Auch mit den "Helferkreisen" in den Gemeinden versuchte man ähnliches: Diese Helfer sollen ja vor allen Dingen im Namen der Gemeinde und stellvertretend für den Pfarrer die Menschen besuchen. Sehr viel gezielter, intensiver, haben die Junge Gemeinde und die Studentengemeinde in dieser Richtung gewirkt. Hier gelang der Kirche sehr oft, was sie auch in anderen Unternehmungen schon erstrebt hatte: Hier besuchte sie ihre Glieder, dort wo sie lebten, und beteiligte sich an dem Versuch der Jugend von heute, ihr Leben zu meistern. Im letzten Jahrzehnt kamen die Kirchentage und die Evangelischen Akademien als ein weiterer Versuch hinzu. Man hat oft nach dem "Erfolg" der Evangelischen Akademie gefragt. Dabei meinte man meistens, ob durch die Evangelische Akademie irgendwo der Gottesdienstbesuch gebessert worden war oder ob hier und da wenigstens ein paar Bekehrungen stattgefunden hatten. Darin hat aber der "Erfolg" der Evangelischen Akademie sicher nicht bestanden. Darin kann er wohl auch gar nicht - oder wenigstens vorläufig nicht - liegen. Die Aufgabe der Evangelischen Akademie ist ja zunächst gar nicht, den bestehenden Gemeinden neue aktive Glieder zuzuführen und die oft nur spärlich besetzten Kirchenbänke besser zu füllen. Vielmehr besteht die Aufgabe der Evangelischen Akademie zunächst darin, die Menschen dort aufzusuchen, wo sie wirklich leben, mit ihnen die Probleme ihrer verschiedenen Lebensbereiche zu erörtern und ihnen bei der Lösung solcher Probleme zu helfen. So unterhalten sich denn die Akademien mit ihren Gästen über die Fragen ihrer Ehe und über die Erziehung ihrer Kinder, über Probleme ihres Berufes und über das Betriebsklima an ihrem Arbeitsplatz, über den Gebrauch der Freizeit und der vielen anderen Güter, die unsere Wirtschaft heute anbietet. Sie unterhält sich mit ihnen aber auch darüber, wie sie aus der Enge ihres Spezialistentums und aus der Enge ihrer eigenen Interessenssphäre herauskommen und wie sie selbst mit ihren politischen Gegnern und ihren gesellschaftlichen Konkurrenten zu einem gemeinsamen Leben kommen können. Ihr spezifischer Beitrag bei diesen Gesprächen besteht eigentlich immer darin, daß sie Ihre Gäste auf die Gegenwart Gottes sind auf sein Handeln verweisen und daß sie fragen, was es für die einzelnen Lebensprobleme bedeutet, daß Gott lebt und daß er unser Gott bleibt. Sie halten mit diesen ihren Gesprächspartnern auch Gottesdienst. Aber diese Gottesdienste unterscheiden sich von den gewohnten Gemeindegottesdiensten sehr oft genau so, wie sich jene Gottesdienste auf den Camping-Plätzen davon unterscheiden. Sie vollziehen sich in einer anderen und zunächst recht lockeren Form. Weil die Teilnehmer an diesen Gottesdiensten oft von der kirchlichen Sitte gar nichts mehr wissen, kann es auch gar nicht anders sein. Es darf wohl auch nicht anders sein, wenn wir die Menschen dort aufsuchen wollen, wo sie tatsächlich existieren. Wie wir mit einem Inder in seiner indischen Sprache Gottesdienst halten müssen, wenn wir dem Befehl Christi gehorsam sein wollen, müssen wir auch mit dem Menschen unserer Zeit in seiner Sprache, d. h. in den Worten und den Formen unserer Zeit Gottesdienst halten. Daß diese Gottesdienste auch wieder einmal im Rahmen der gottesdienstlichen Versammlungen der bestehenden Ortsgemeinden stattfinden möchten, ist auch für diese Evangelische Akademie das selbstverständliche Ziel. Bis es aber dazu kommt muß sich wohl auch in den Ortsgemeinden noch einiges ändern. Darum haben die Evangelischen Akademien denn auch diese andere Aufgabe, zusammen mit den Jungen Gemeinden und mit den Studentengemeinden: Sie werden versuchen, ihre Gotteshäuser so weit zu öffnen, daß auch der moderne Mensch in ihnen Heimatrecht gewinnen kann. Indem die Evangelischen Akademien also zu den Menschen von heute hingehen und zugleich auf das Leben ihrer Kirche in diesem Sinne einzuwirken versuchen, sind sie ein kirchlicher Dienst, der getan werden muß, wenn unsere Kirche eine missionarische Kirche in unserer Zeit und in unserer Umgebung bleiben will. |
|
| zurück zum Seitenanfang | ||