Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1958: Blockhausbrief Nr. 3

Inhalt:

Titelseite
aus: "Jungenwacht" v. Ernst Lange
Zum Geleit
Das Blockhaus, eine Gemeindesache
Mensch und Landschaft
Blütenpracht auf Dünensand
Die Apostelsteine - Kalendersteine der Vorzeit
Mission in Deutschland
Kurzbeiträge der Gäste zwischen dem 1. Dezember 1957 und 1. Oktober 1958
 

Blütenpracht auf Dünensand

H. Hibbeler, Hauptlehrer a. D., Lethe bei Ahlhorn

Als vor 250 Jahren infolge der Ausbreitung der Heidschnuckenzucht die Westwinde den Flugsand aufwirbelten, Hohlwege schufen und Dünenberge aufbauten, entstanden auch die sogenannten Knökelsberge. Sie waren zuerst kahl, also ohne Pflanzenbewuchs. In feuchteren Zeiten festigte sich der Boden und bedeckte sich mit Flechten, Moosen, Sandseggen und anspruchslosen Gräsern, später auch mit Heidekraut. Wind und Tiere brachten die Samen höherer Pflanzen: von Birken und Fuhren der Wind, von den Eichen der Eichelhäher, der, wenn er satt ist, gern Eicheln in den Boden gräbt, von den Vogelbeeren die Drosseln und andere Beerenfresser. Zu einer regelrechten Waldbildung aber kam es nicht, weil die Schnucken Laub, Zweige und Sprößlinge abfraßen. Es bildete sich auf den Höhen der Eichenkrüppelholzbestand, der vor 40 Jahren so dicht verflochten war, daß man kaum hindurchkriechen konnte. Nur der Steilhang an der Südwestseite blieb kahl, welch armselige Pflanzenwelt und wie einsam! Nur wenige Naturfreunde kannten den Platz und suchten ihn fußwandernd auf, um die von den Menschen fast unberührte Natur zu erleben. Als die Teiche rund herum angelegt wurden, boten die Höhen einen herrlichen Rundblick.

Fischteich

In den weiten Wasserflächen spiegelte sich die Sonne, an den Ufern entstand eine neue Pflanzenwelt: Weiden, Erlen, Schilf, Rohrkolben, Schwertlilien, auch Schierling, Baldrian, Wasserdost, Spierstauden, Froschlöffel u. v. a. stellten sich ein. Dazu kam eine neue Vogelwelt, die hier ungestört ihre Brut aufziehen konnte. Aus Schilf und Gebüsch erklangen die Lieder der Sänger. Im Mai und Juni schwammen die Stock- und Krickenten mit ihren Kücken über die Wasserflächen, das Teichhuhn tummelte sich mit ihnen im und am Schilfrand. Nur wenn Habicht, Bussard oder Weihe kreisten, verschwand für kurze Zeit die ganze Gesellschaft.

Seitdem Stadtmenschen auf diese herrliche Naturlandschaft aufmerksam wurden, hat sich vieles geändert. Zuerst war es nur ein kleiner Kreis, der hier sonntags Erholung und Entspannung suchte. Größer wurde der Besuch, als auf der höchsten Erhebung ein Blockhaus mit einem Aussichtsturm gebaut wurde. Bald kam das große Blockhaus als Schulungsheim hinzu. Ein reger Auto- und Menschenverkehr setzte ein. Weil die Gäste wochenlang bleiben sollten, mußte man für deren Zufriedenheit sorgen. Übernachtungs- und Tagesräume, Küche und Verpflegung waren notwendig. Neue Zufahrtswege, freie Versammlungsplätze, Wanderpfade wurden durch Rodung und Bodenbewegung geschaffen. Zur Bereicherung der Pflanzenwelt wurden Bäume und Ziersträucher wie Alpenrosen und Azaleen angepflanzt. Das natürlich gewordene Landschaftsbild verwandelte sich in einen gepflegten Park. Menschen aus städtischen Verhältnissen fanden und finden das schön. Die Wehmut um den Verlust der Einsamkeit, der ungestörten Pflanzen- und Tierwelt befällt ja nur den, der sehend und träumend, forschend und erlebend den unwiderbringlich verloren gegangenen Zustand kannte. Viel Überlegung und Arbeit gehört dazu, auf dem losen, unfruchtbaren Dünenboden Pflanzen zum Wachsen und Blühen zu bringen, die viel anspruchsvoller sind als die heimischen. Jede Pflanze braucht zum Gedeihen nicht nur Licht und Luft, sondern auch ihre zusagende Nahrung und Wasser. Die meisten kultivierten Pflanzen stellen große Ansprüche an ihren Standort. Hier muß die Pflege durch Menschen eingreifen. Azaleen und Rhododendron lieben einen humosen, leicht beschatteten Boden und milde Düngung. Hier ist es gelungen, sie, wie in diesem Jahr, zu einem nie erwarteten Blütenflor zu bringen. Noch mehr Pflege bedürfen die Stauden und Kräuter auf den Blumenbeeten, Rabatten und Abhängen. Daß sich alle wohlfühlen und durch üppiges Blühen vielen Menschen Freude bereiten, beweist, daß eine verständnisvolle Hand die Vorbedingung dafür schuf.

Blockhaus und Kinderheim geben vielen Kindern und Jugendlichen aus den Steinwüsten der Städte neben körperlicher Erholung neue Verbindung mit der Natur. Diese Kinder gleichen den Blumen. Auch sie bedürfen zur Gesundung Licht, Luft und einer kräftigen Nahrung, aber auch der Betreuung ihres lnnenlebens durch liebevolle Menschen. Es ist deshalb in zweierlei Hinsicht richtig, von der Blütenpracht auf Dünensand zu sprechen. Einmal sind es die verschiedenartigsten Blütenpflanzen, die hier eine neue Heimstatt fanden, z. a. die kümmerlichen Menschenkinder, die hier nach kurzer Erholungszeit neu aufblühen. Wer als größerer Mensch im Blockhaus seine Freizeit verbringen durfte, es als Schullandheim erlebte oder als Tagungsstätte aufsuchte, hat gewiß die Kraft gespürt, die ihm aus der Umwelt des Blockhauses zuströmte.

Lieber Blockhausgast! Bedenke, daß auch die Blumen, wie Mensch und Tier, lebende Geschöpfe sind. Reiß' keine unüberlegt ab oder aus. Hilf, daß die Landschaft ein Naturschutzgebiet bleibt, uns und denen, die nach uns kommen, zur Freude und Erholung.

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