|
|
Blockhaus Ahlhorn
oder
Die Macht der Verwandlung
Ob.Stud.Direktor Dr. Helms
Viele Menschen heute zählen Tagungen zu den Modekrankheiten unsere Zeit, zu den Verfallserscheinungen, wie sie an den Rändern einer alternde Zivilisation auftauchen. Wer genötigt ist, häufiger an solchen Tagungen teil zunehmen, wird geneigt sein, diesen Kritikern recht zu geben. Unsere Alltagsarbeit kann nur gelingen, wenn sie mit großer Stetigkeit getan wird Jede längere Unterbrechung gefährdet den Zusammenhang und den ruhige Fortschritt, von dem der Erfolg unseres Tuns abhängt. Wenn man dennoch zu einer Tagung fährt, verantwortet man es in der Hoffnung, daß unsere Arbeit oder das diese Arbeit tragende menschliche Sein von dort wertvolle Anregungen oder vielleicht sogar Richtpunkte erhalten wird. Aber wie oft wird diese Hoffnung enttäuscht. Ein Vortrag folgte dem andern, zu anschließender Besinnung blieb keine Zeit, statt dessen wurde diskutiert und geredet. Bevor sich die verschiedenen Auffassungen und Vorstellungen der Teilnehmer klären und damit ein wirkliches Gespräch beginnen konnte, mußte man bereits zum nächsten Programmpunkt übergehen. Für persönliches Kennenlernen blieb wenig Gelegenheit. Ergebnisse wurden meist nicht erzielt, es blieb bei "Auseinandersetzungen" - kam wirklich ein gemeinsamer Beschluß zustande, so versank er in den Akten und blieb ohne Auswirkung.
Solche Fehlschläge kann man überall erleben, auch im Blockhaus Ahlhorn. Der genius loci ist nirgends so mächtig, daß er das falsche Denken und Handeln der beteiligten Menschen hindern kann. Wenn ich andererseits an manche Veranstaltung in Ahlhorn mit tiefer Freude zurückdenke und ihr großen Gewinn verdanke, so liegt es gewiß nicht in erster Linie daran, daß die Leitung oder die Zusammensetzung dieser Zusammenkunft günstiger als anderswo gewesen sei - es muß hier etwas geben, eine Art "Ortsgeist", der zur Besinnung auf das Wesentliche und Heilsame verleitet, der einer innerlich so fragwürdigen und bedrohten Erscheinung wie unserem Tagungswesen helfen kann, ihren eigentlichen Sinn zu verwirklichen.
Ähnlich wie mit den Tagungen verhält es sich mit den heute so angepriesenen Landheimaufenthalten unserer Kinder. Wir Eltern sehen oft mit Sorge, daß die schon so vielfach durchlöcherte Schularbeit hier zerrissen wird, daß unsere Kinder statt gesunder und gesitteter erschöpft und verwildert zurückkehren, die Disziplin der Klassen erschüttert, Unfrieden statt Kameradschaft gestiftet ist. Solche unerfreulichen Dinge kann man auch in Ahlhorn erleben, aber wenn trotzdem der Aufenthalt dort von Eltern und Lehrern mit besonderer Hoffnung begrüßt wird, so muß wohl die "Atmosphäre" des Blockhauses den erzieherischen Absichten der Lehrer in besonderem Maße zur Hilfe kommen.
Es lohnt sich darum wohl, darüber nachzudenken, welcher Art dieser mächtige Genius sei, in dessen Wirkungskreis wir dort eintreten.
Es ist kennzeichnend für den Geist einer Örtlichkeit, wie man sich ihr nähern kann. In dieser Hinsicht hat das Blockhaus zwei Gesichter. Das erste sieht man, wenn man - wie es häufig geschieht - mit dem Bus von Nordosten heranfährt. Man biegt bei dem Dorfe Sage von der Bundesstraße 69 westwärts ab und steuert dann auf der alten Rollbahn des früheren Flugplatzes Bissel durch freies Feld auf die sich lang ausdehnende, Waldlinie zu, die den ganzen südlichen Gesichtskreis begrenzt. Dann öffnet sich in ihr ein schmaler Weg, der südwärts die Nadelwaldungen durchschneidet und bald zwischen zwei großen Teichen auf ein seenartiges Gewässer führt, in dem wie auf einer Insel zwischen Bäumen und Gebüsch die Gebäude der Blockhausanlage sichtbar werden. Im Halbkreis umfährt man diesen See, zu dessen rechter Seite sich weitere Wasserflächen dem Blick erschließen, bis dann der Wagen in das eigentliche Gelände des Jugendheims einbiegt. Dieser erste Eindruck ist schön in dem Reiz der wechselvollen Landschaftsbilder, die sich im Ablauf weniger Minuten dem überraschten Auge bieten - man steigt bequem vor dem Blockhaus aus dem Wagen und hat das dem heutigen Menschen angenehme Gefühl, eigentlich recht zeitsparend und wenig anstrengend ans Ziel gelangt zu sein. Dies Ziel liegt hübsch ruhig in stiller Abgeschiedenheit - immerhin ist man fast eine Viertelstunde von der großen Straße hergefahren. Das ergibt zunächst einen netten Gegensatz zu der Unruhe, in der unser sonstiges Leben verläuft, und wenn es langweilig wird, steht ja der Bus vor der Tür. Mit ihm kann man im Laufe weniger Tage die Umgebung "abgrasen", da gibt es lockende Ziele: ich kann mich steinzeitlich fühlen im Anblick der einsamen Riesensteingräber auf der Visbeker Heide oder bäuerlich-bodenverbunden im Freilichtmuseum Cloppenburg oder klassizistisch-residenzbürgerlich im nahen Oldenburg. Für Abwechslung ist also gesorgt, eine Woche wird an es gewiß aushalten. Im übrigen wird es ja auch Radio und Zeitung und vielleicht sogar Kino geben - so abgelegen ist ja heutzutage in Deutschland wohl kein Ort.
Vielleicht wirst Du an diese Tage später eine angenehme Erinnerung haben - aber den eigentlichen Geist dieses Ortes wirst Du wohl nicht gespürt haben. Dieser Geist zeigt sich auch nicht so leicht dem heutigen Menschen, er ist feind aller Betriebsamkeit und Unrast, er will Dich nicht unterhalten oder entspannen - aber wenn Du ihm begegnest, wird er Dich - verwandeln. Du hast Aussicht, ihn zu ahnen, wenn Du Dich dem Blockhaus von einer anderen Seite näherst.
Du verläßt die Bahnstrecke Oldenburg - Osnabrück auf dem kleinen Bahnhof Ahlhorn, läßt Dein schweres Gepäck getrost zur späteren Abholung dort und - wanderst! Die Fahrstraße nach Gut Neulethe führt Dich westwärts, aber nach zehn Minuten verläßt Du ihren Lärm und wendest Dich auf einem Fahrweg nordwestlich dem Feldmühlenholz zu. Zu Deiner Linken läßt Du eine Hartsteinfabrik mit ihrem Anschlußgleis und hast nun vor Dir einen geraden Weg, der in sanftem Auf und Ab zwischen Feldern und Waldstücken eine halbe Stunde geradeausführt.
Dann schiebt sich ihm ein versumpftes Flußbett in die Quere, dem der Weg nun nordwärts abbiegend folgt, bis sich das Flüßchen zu einer kleinen Talsperre erweitert, vor der der Weg hinüberführt. An den Häusern der Fischmeisterei vorüber wandern wir westwärts, um bald nach rechts das Flüßchen zum zweiten Mal zu überschreiten und nun das Gebiet der Fischteiche zu betreten, an dessen Südrand wir uns dem Blockhaus nähern. Auf dieser eineinhalbstündigen Wanderung wird uns vielleicht ein Radfahrer begegnen, der vom Blockhaus nach Ahlhorn fährt, sonst treten wir in immer größere Stille ein. Hier gibt es in weitem Umkreis kein Dorf, nur einzelne verstreute Höfe, die die Nähe des Menschen meiden. Haben wir aber im Blockhaus unser Quartier bezogen, so sind wir wie in einem magischen Kreise, dem wir im Rahmen der dort geltenden Tageseinteilung zu Fuß nicht entrinnen können. Stundenweit sind wir rings von Wald und Feld umgeben. Wir können nordwärts durch Äcker und Heide bis zur blauen Tiefe des Sager Meeres wandern oder südwärts durch die Waldungen des Baumweges bis zu den bizarren Gebilden des Gespensterwaldes, westlich über den Lethefluß in die grünen Weiten des Richtmoors oder östlich zu den alten Schafkoven und Grabhügeln der Großenknetener Heide - immer müssen wir wieder umkehren, um die Stunde der Mahlzeiten nicht zu versäumen, ohne diesen Kreis verlassen zu haben. Wir haben der Unruhe der zivilisierte Welt den Rücken gewandt - und sobald uns dies wirklich innerlich bewußt wird, haben wir den ersten Schritt zur Verwandlung getan. Wir sind allein mit uns und unsern Gefährten und ohne all die Ablenkungsmittel, mit denen der heutige Mensch dem Alleinsein wie dem Zusammensein auszuweichen pflegt. Dieses Beieinander muß nun für Tage getragen werden - und das ist oft nicht leicht, tauchen doch in uns wie im Kameraden jetzt manche Züge auf, die im Getriebe des Alltags unter der Oberfläche blieben. Jetzt zeigt sich, was für Menschen wir sind. Es zeigt sich aber auch, daß wir uns und den andern nicht ertragen, wenn wir unserm eigenen Leben und unserm Umgang nicht bestimmte Formen geben. Solche Formen pflegen wir im geschäftigen Alltag meist durch Gewohnheiten und Nötigungen äußerer Art zu ersetzen. Wir lassen uns treiben von den Anforderungen des Berufs und der Familie und versäumen die persönliche Lebensgestaltung. Damit verlieren wir unmerklich den Kontakt mit uns selbst wie mit der uns umgebenden Welt. Meist stehen wir morgens unwillig auf, um nach hastigem Frühstück zur Arbeitsstätte zu eilen, die uns oft über den Mittag hinaus beschäftigt. Abends gehen wir durch erleuchtete Straßen und sehen keine Sterne. Unser Leben schwingt nicht mehr im Rhythmus, wie der natürliche Tageslauf mit sich bringt - und was vom Tage gilt, gilt ebenso von der Woche, vom Rhythmus des Jahreslaufes - ganz zu schweigen von der Ordnung des Lebens, wie sie die Festzeiten des Kirchenjahres in Jahrtausenden gegründet haben. Diese Formlosigkeit unseres Lebens, dieser Mangel am Einschwingen in die großen gottgesetzten Rhythmen des Daseins, ist das eigentliche Leiden unserer Spätzeit.
Dieses Leiden ist unheilbar, solange wir es nicht in seiner Eigenart und Tiefe erkennen. Wir erkennen es aber nicht, weil wir es nicht mehr als Leiden empfinden, sondern unser natur- und gottentfremdetes Dasein als gegeben hinzunehmen uns gewöhnt haben. Erst wenn wir einmal gründlich aus dieser Lebensgewohnheit herausgenommen sind, empfinden wir eine innere Leere und die Schwierigkeiten des Umgangs mit uns und dem Mitmenschen. Zu dieser ersten Einsicht kann uns die Abgeschiedenheit verhelfen, der wir uns ausgeliefert haben.
Diese Einsicht ist bedrückend und wird qualvoll, wenn nicht ein Weg sich zeigt, Heilung zu finden. Diesen Weg zu erleben, ist möglich, wenn Leben und Zusammensein unter eine heilsame Ordnung gestellt werden. Sie betrifft zunächst den von innen geregelten Tageslauf. Das eigene Erwachen muß wieder mit dem Erwachen in der Natur harmonieren. Im Frühling und Sommer besorgt das der Vogelchor in den Bäumen, die das Blockhaus um stehen - im Herbst und Winter die beginnende Tätigkeit der Menschen. Und nun kann ich erfahren, wie der Verlauf des Tages bestimmt werden kann durch die Art, wie ich ihn beginne - ob in Unlust oder dumpfem Pflichtgehorsam oder in ruhiger Besinnung auf seine Aufgaben und Versenkung in den Quellgrund, aus dem die Kraft zu ihrer Bewältigung mir auf steigen soll. Die Höhe des Tages soll in der warmen Jahreszeit die Ruhepause bringen, die wir dann in der Natur verspüren. Das sinkende Licht des Abends soll auch die Arbeit beenden und zu besinnlichem Tun oder Gespräch führen, das Nahen der Nacht zur Ruhe stimmen, die sich wandelnde Gestalt des Mondes, der Weg der Planeten durch die Bilder des Tierkreises und das Band der Milchstraße über den Sternenhimmel hinweg die Gedanken auf die große kosmische Ordnung lenken, von der unsere irdische das Abbild ist.
Unter der Ordnung muß auch die Mahlzeit ihren tiefen Sinn der Seinserhaltung zurückgewinnen und von Bitte und Dank an den Schöpfer und Erhalter unseres Lebens umgrenzt sein. Der tiefe Verfall unserer Tischsitten, die das animalische Sättigungsbedürfnis oft kraß heraustreten lassen, kann nur auf diesem Wege überwunden werden, dann aber zu neuer Begründung der Gemeinschaft führen.
Vortrag und Gespräch finden hier zu ihrem rechten Sinn zurück. Im Sommer bietet der "Eichensonnenhügel" neben dem Blockhaus dazu den besten Raum. Wer hier versuchen wollte, aus seinem Manuskript abzulesen, würde rasch die Aufmerksamkeit seiner Hörer an die rings konkurrierende Natur abtreten müssen, hier muß man sie wirklich ansprechen, um sie zu fesseln Hier erhitzt sich das Gespräch nicht, wie wenn sich am Tisch im geschlossenen Raum die Köpfe röten. Und wie ladet die Landschaft ein, auf stillen Wegen um Haus und See in kleinen Gruppen dem Thema nachzugehen und damit die Voraussetzung für eine fruchtbare Gesamterörterung zu schaffen.
Wie schön sind die Gespräche im Winter abends am Kaminfeuer! Es ist wohl das Spiel der Flammen, das den Gang des Gespräches zugleich dämpft und anregt.
In dieser Möglichkeit, einen neuen persönlichen Ansatz zur Wiedergewinnung von Lebensrhythmus und -form zu finden, liegt die große "lebensreformatorische" Aufgabe, vor die sich im Blockhaus Ahlhorn der Einzelne und die Gemeinschaft gestellt wissen sollten, wenn sie den "Geist des Ortes" begriffen haben. Daneben ist die Wahl der Themen und Vorhaben zweitrangig, da sie auch in anderen Heimen ähnlich erörtert und betrieben werden können, während sich für die volkserzieherische Aufgabe der Lebenserneuerung im Ahlhorner Blockhaus einmalig günstige Vorbedingungen zusammenfinden.
Das wird man freilich erst ganz verstehen, wenn man das sogenannte "Wochenende" in den Aufenthalt mit einbezieht. Denn die Kraft zu durch greifender Erneuerung des Lebensstils kommt ja nicht schon aus persönlicher Einsicht und Willigkeit - dann wäre die Aufgabe nicht so schwer und die Forderungen unserer großen Erzieher wären längst in Verwirklichung begriffen. Wir vermögen nicht - wie Münchhausen - uns am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Selbst ein Mann, der so tief wie Eduard Spranger in der humanistischen Tradition steht, erklärt, daß es sich im letzten um eine religiöse Erneuerung handeln müsse, wenn wir zu einer öffentlichen Gesittung gelangen wollen. Diese "religiöse Erneuerung" vermögen wir nicht aus eigener Kraft zu bewirken. Schon immer hat der Mensch darum gewußt, wie Gott ihn selbst an sich und in seinem Verhältnis zum Mitmenschen haben will, und es ist unsere christliche Überzeugung, daß nur Gott selbst in Rechtfertigung und Heiligung ihn dahin bringen kann. Aber dazu muß der Mensch auf Gottes Reden hören und sich seinem Handeln öffnen. Deshalb steht für uns nicht am Ende, sondern am Anfang der Woche der "Tag des Herrn". Wie der Mensch den Sonntag begeht, darin fällt die Entscheidung über den Gang seines Lebens. Die Bedeutung des Sonntags, seine Kraft und Schönheit, kann man im Blockhaus wieder lernen. Wie seltsam ist es doch, daß die gleichen Pastoren, deren Predigt uns in der Stadt beim Kirchenbesuch oft nicht erreicht, hier im Blockhaus uns nachhaltiger ansprechen, obwohl es nicht in einem Kirchenraum, sondern im hergerichteten Speisesaal geschieht? Liegt es etwa daran, daß der Geistliche hier nicht aus der Höhe der Kanzel auf die Gemeinde blickt, sondern in gleicher Ebene vor ihr steht? oder daß diese Gemeinde - bis auf die wenigen Einheimischen - bei jedem Gottesdienst eine andere ist, bei der er keine liturgische Gewöhnung voraussetzen darf, sondern die er nur durch die Auslegung des Evangeliums erreichen kann? Das würde heißen, daß auch er heraustreten muß aus seinem gewohnten Dasein, aus dem ständigen Hinübergleiten lebendiger Sitte und Form in erstarrende Übereinkunft und Gewohnheit, sich neu besinnen muß auf die besondere Art der Aufgabe, die ihm dieser Ort auferlegt: Geist der Erneuerung und Verwandlung, den der hören mag, dessen vom Lärm der Gegenwart betäubte Ohren sich hier neu auftun.
|