Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)Dezember 1957: Blockhausbrief Nr. 2

Inhalt:

Titel
"Um das Unscheinbare zu lieben...", ein Text von Johann Christoph Hampe
Verehrte Freunde!
Blockhaus Ahlhorn oder Die Macht der Verwandlung
Wir lesen im Gesicht einer Landschaft
Sie kamen nur einen Sommer
Rückblick auf die Arbeit vom 1. Mai bis 30. Novb. 1957 (Kurzberichte)
Jugenderholungs-Maßnahme 1957... (Auszüge aus einem Bericht)
Konfirmandenfreizeit im Blockhaus Ahlhorn
Bergwerkslehrlinge im Blockhaus
Blockhaus 1957 - Rückblick einer Gemeindehelferin
Neubau des Personal- und Gästehauses
 

Sie kamen nur einen Sommer

Rückblick auf die Sommerfreizeiten 1957

Gerhart Orth

"Sie tanzte nur einen Sommer", ist der deutsche Titel eines bekannten schwedischen Filmes der jüngsten Vergangenheit. "Sie kamen nur einen Sommer", könnte man in Anlehnung daran von vielen Jungen und Mädchen sagen, die an einem Sommerlager der evangelischen Jugend oder einer an deren Jugendgruppe in Ahlhorn teilgenommen haben. Es läßt sich nämlich nicht übersehen, daß für die meisten Jugendlichen das schöne Blockhaus Ahlhorn nur ein Sprungbrett bedeutet, um nämlich im nächsten Jahre die Sommerferien an einem entfernten, noch völlig fremden Platz zu verbringen. Über solche Entwicklung muß man nicht gleich traurig oder befremdet sein. Es ist wohl das Recht der jungen Menschen, sich nach und nach die Welt zu erobern, und das geschieht ja gerade auch dadurch, daß sie auf Freizeiten und Fahrten immer mehr sich die geheimnisvolle Vielfalt dieser Welt erschließen. Wer also in diesem Sommer als 12-jähriger Junge in Ahlhorn die Jungscharfreizeit miterlebte, wird vielleicht im nächsten Jahr an einem Zeltlager im Harz teilnehmen oder eine Gruppenfahrt durch den Teutoburger Wald mitmachen. Ein Jahr später geht es darauf etwa schon nach Süddeutschland, und dann ist der Weg ins Ausland auch nicht mehr weit.

Diese weiten Fahrten unternehmen die jungen Leute heute übrigens am liebsten in ganz kleinen Gemeinschaften, sehr oft zu zweit und nicht in größeren Gruppen. Auch darüber sollten wir nicht unglücklich sein, denn die übersichtliche, persönlich aufeinander abgestimmte Fahrtengemeinschaft bietet Vorteile, die einen wesentlich stärkeren inneren Gewinn für die Teilnehmer abwerfen können. Man kann sich mit einer kleinen Gruppe viel besser auf die besonderen Gegebenheiten einer Fahrt oder Freizeit einstellen, in dem man an einer besonders schönen Stelle länger verweilt und auf die jeweiligen Interessen Rücksicht nimmt. Eine große Freizeitgemeinschaft unterliegt dagegen notgedrungen einem festen Lagerplan, der möglichst genau einzuhalten ist. Die persönlichen Opfer, die jeder Teilnehmer hier bringen muß, sind entsprechend größer - man wird weniger als Individuum, sondern mehr als Glied einer Gruppe angesehen. Damit nun freilich kein anonymes Dasein in der Masse entsteht, teilen wir auf unseren Freizeiten für die Jungscharen und Konfirmanden stets Zimmer-Gemeinschaften oder "Familien" ein. Diese umfassen nicht mehr als 6-8 Jungen oder Mädchen und werden von ehrenamtlichen Helfern bzw. Mitarbeitern geleitet. In diesen kleineren Gruppen ist dann ein Eingehen auf die besonderen Neigungen, Fragen und Nöte der einzelnen Jugendlichen besser möglich, und es kann eine Atmosphäre der persönlichen Geborgenheit entstehen.

Immer wieder hat sich erwiesen, auch gerade im letzten Sommer, daß die Kinder und Jugendlichen jedes Alters auf den Freizeiten, Fahrten und Lagern nach Geborgenheit, nach persönlicher Geltung und Beziehung verlangen. Deshalb muß in den kleinen und großen Dingen eines solchen Ferienlebens daran gedacht werden, daß für dieses oft sehr unbewußte Streben nach Nestwärme, Verständnis und gute Partnerschaft genügend Raum bleibt. Wie wichtig kann in diesem Zusammenhang schon sein, wenn der Freizeitleiter vor dem "Zapfenstreich" jedem persönlich "Gute Nacht" sagt und noch einmal durch die Schlafräume geht. Wieviel mag manchem jungen Menschen schon ein Gespräch in der Stille des ausklingenden Tages am Kaminfeuer oder beim Spaziergang um einen der Teiche bedeutet haben! Ja, selbst die Jüngsten sind glücklich, wenn sie zu einem persönlichen Gespräch oder zu einer Aufgabe herangezogen werden, die ihrer Begabung und Neigung besonders entspricht. Jeder von uns hat seine Gaben und seine Grenzen, seine Erkenntnisse und Fragen, seine Freude und seinen Kummer. Die Gemeinschaft auf einer Freizeit hat dann ihren Sinn, wenn es gelingt, den Einzelnen in seiner besonderen Persönlichkeit und als verantwortliches Glied der Gesamtheit weiterzuführen in der Entdeckung, Entfaltung und Bewährung der uns von Gott anvertrauten Gaben. Wo dieser Dienst am Nächsten geleistet wurde, da wird eine Beziehung der Dankbarkeit und des Vertrauens bleiben - da werden sich die Menschen gern am Ort ihrer ersten Begegnung treffen, da werden sie immer wieder auch nach Ahlhorn ins Blockhaus kommen, und nicht nur für einen Sommer.

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