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Wir lesen im Gesicht einer Landschaft
H. Hibbeler
Hauptlehrer a. D., Lethe b. Ahlhorn
Vor den Augen der Gäste des Blockhauses Ahlhorn breiten sich, wohin sie sich auch wenden mögen, herrliche Landschaftsbilder aus: Hügel mit Krüppeleichen, Fichten und Fuhren, dazwischen Anlagen von allerlei Ziergehölzen und Stauden in der nächsten Umgebung. Gleich dahinter folgen kleinere und größere Gewässer mit Inseln und Buchten, deren Ufer mit Weidensträuchern, Schilf und Sumpfpflanzen bewachsen sind. Weiterhin sind größere Waldbestände aus Nadelhölzern angelegt. Zuleiter bringen das Wasser der Lethe in kunstvollen Anlagen zu den Teichen. Die Ahlhorner Fischwirtschaft macht nicht den Eindruck eines von Menschen geplanten und geschaffenen Werkes. Es ist, als ob sie aus sich heraus im Laufe vieler Jahrhunderte geworden wäre. Und doch sind erst fünfzig Jahre verflossen, als der Oldenburger Staat zunächst das Halener Moor und den Rüdersee in Fischteiche verwandelte, und rund vierzig Jahre sind die Anlagen rund um das Blockhaus alt.
Wenn sich auch in den verflossenen Jahrzehnten das Bild der Landschaft weitgehend verändert hat, so treffen wir überall auf Spuren, die zu einem anderen Bilde, der Heide, gehören. Da sind zunächst die Höhen, die zum Teil Namen tragen. Das Blockhaus steht auf den Knökelsbergen, die nördlich davon gelegenen Hügel hat man Cassebohm-Höhe benannt und am Rüdersee ist der Buhlert-Berg. Diese Höhen bestehen aus feinem Flugsand, den die Westwinde, als sie noch ungehindert über die kahle Heide fegten, vom Ufer der Lethe, aus den jetzt mit Wasser gefüllten Mulden und aus den Schaftriften rissen und wieder ablagerten.
Diese Dünen kamen immer wieder in Bewegung, bis die Menschen sie durch Bepflanzen mit Eichen und Birken, zum Teil auch mit Strandhafer und Sandseggen zur Ruhe brachten. Denn die Sanddünen bedrohten in der Mitte des 18. Jahrhunderts sogar die Acker und Gärten der östlich gelegenen Dörfer. (Siehe Sager Schweiz). Dann. fallen uns noch die Hohlwege auf, die östlich der Teichanlage die Heide in Richtung auf die Dörfer Sage und Bissel durchziehen. Sehr viele davon sind, besonders wo der Flugplatz Bissel war, durch Kulturarbeiten eingeebnet. Wie mögen sie entstanden sein? Folgen wir dem sog. Röverweg bis zur Fasanerie des Herrn von Löbbecke, so sehen wir links vor uns unter großen, alten Eichen noch zwei erhaltene Schafställe. Früher waren dort fünf, zwei sind restlos, einer bis auf die Findlingsgrundmauern verschwunden.
In diesen Ställen übernachteten die Schnucken, die vom Morgen bis zum Abend die Heide nach Futter absuchten. Beim Aus- und Eintrieb benutzten sie immer dieselben Wege. Mit ihren scharfkantigen Hufen ritzten sie den Boden und gaben dadurch dem Wind die Möglichkeit, den feinen Sand herauszublasen. Der Weg vertiefte sich und wurde zum Hohlweg, in dem nur größere und kleinere Steine zurückblieben. Die Schnucken schufen nicht nur die Hohlwege, sondern auch die Heidelandschaft. Vor der Heide war die Gegend mit einem lockeren Urwald, hauptsachlich aus Eichen und Birken bestehend, bedeckt. Die Schnucken drangen immer tiefer in das Wald gebiet vor, fraßen nicht nur die erreichbaren Blätter und Zweige, sondern auch die Eicheln und die jungen Sämlinge. Der Wald konnte sich nicht er neuern und bald standen nur noch vereinzelte Urwaldbäume in der Landschaft, bis sie morsch wurden und abstarben. Der freigewordene Boden bedeckte sich mit Heidekraut und den Pflanzen, die zu einer Heide gehören: Rausch- und Kronsbeere, Besenginster, Wacholder, Flechten, Moose und Bärlapp. Trotz des ständigen Verbisses stirbt die Heide nicht. Sie erneuert sich durch ihre feinkörnigen Samen, die, von den Hufen der Schafe in den Boden gebracht, keimen. Die Heide ist somit keine Urlandschaft, sondern ein Produkt der Selbsterhaltung. Als der Kunstdünger aufkam, nahmen die Bauern ehemaliges Heideland, dazu die Niederungsmoore in Kultur. Schließlich mußte die Schafhaltung aus Mangel an geeignetem Weideland aufgegeben werden. Die nicht genutzten Flächen bestockten sich nach und nach mit Fuhren-, Birken- und Eichensämlingen, die Heide wird wieder Wald.
Versetzen wir uns in Gedanken um 70 Jahre zurück. Vom Sager-Meer im Norden, über Bissel und Sage bis zur Straßenkreuzung in Ahlhorn im Osten, der Straße Ahlhorn - Cloppenburg im Süden und dem Baumweg im Westen dehnt sich die Heide aus. Von den Schafställen, deren letzte Reste noch vielfach vorhanden sind, strebten die Schnuckenherden der Heide zu. Sie begleitet der Schäfer in seinem Schaffellumhang (Heik) gehüllt. Er hat in einer Tragtasche Kochsalz für die Schafe, sein Vesperbrot und das Futter für die Schäferhunde, dazu Garn und Strickzeug. Einige Stunden gehen die Tiere der Nahrungssuche nach, dann wird gelagert. Wie oft mögen sie auf den Steinen, genannt die Zwölf Apostel, gesessen haben! Hier entstanden durch sie die Sagen, von dem Teufel, der, um eine Menschenseele zu gewinnen, als Bedingung ein krauses Menschenhaar gerade schmieden mußte; von dem Riesen Och, dem ein Stein im Holzschuh schmerzte diesen ausschüttelte und dieser nun als König Och Stein bei Regente im Straßengraben liegt; von dem Capettstein in Bissel, von der versunkenen Schafherde im Sager Moor u. a. Sie kannten auch die Hügelgräber der Bronzezeit, die vielerwärts in der Heide aufragen und von Menschen künden, die vor unserer Zeitrechnung hier wohnten, lebten und starben. Oft fanden sie davon Spuren in Gestalt von Steinäxten und -beilen, Bronzedolchen und -schmuck. Sie sprachen von dem untergegangenen Dorf beim jetzigen Almsweg, wo sie Tonscherben und Reste von Eisenschmelzen, sog. Rennöfen, Raseneisenerz u. a. fanden. Seuchen und Hunger sollen es zur Zeitenwende vernichtet haben.
Freundlichere Bilder boten sich ihnen besonders im Frühiahr, wenn die Lämmchen sie umgaben und im Hochsommer, wenn die Heide ihr Hochzeitskleid angezogen hatte. Tausende fleißiger Bienchen holten dann den köstlichen Heidehonig in die Körbe, die die Imker dort aufstellten. Viele Tausend bunter Schmetterlinge und Libellen, blaue Schafmistkäfer, Heuschrecken, darunter die prächtige Schnarrheuschrecks mit den farbigen Hautflügeln, belebten das Bild. Auf Steinen und Hohlflächen sonnten sich die flinken Eidechsen und glatten Nattern, aus Erdlöchern blinzelten die goldigen Augen der Kreuzkröte. Eigenartig, daß es hier keine Kreuzottern gab und gibt, obgleich hier scheinbar dieselben Lebensbedingungen vorhanden sind, wie in ihrem nördlichen Verbreitungsgebiet. Auch Wildkaninchen gibt es hier erst seit 1910. Die Vogelwelt war vertreten durch Lerchen, Piepern, Ammern, Weihen, Bussarde, Habichte, Eulen und Krähen. Mümmelmann, der Heidhase hatte hier mit seiner Sippschaft sein Quartier, auch Rehe stellten sich öfters ein. Das Damwild ist erst vor ein paar Jahrzehnten ausgesetzt und hat sich gut vermehrt.
Durch die Teichanlage hat sich die Pflanzenwelt grundlegend geändert. Anspruchsvolle Blumen und Kräuter haben sich an den Ufern der Teiche und Zuleiter angesiedelt. Wenn im Sommer andernorts die Blütenflora abnimmt kann man hier die herrlichsten Feldblumensträuße pflücken. Selbst die Stauseen des Lethetales verwandeln sich im Mai in Blumenteppiche von weißblühenden, sonnenwendigem Wasserhahnenfuß und der rosafarbener Wasserprimel.
An der Ecke des Feldmühlenholzes blüht dann die schöne Sumpfkalla und auf der sumpfigen Wiese dahinter all die leuchtenden Frühlingsblüher, die auf dem kultivierten Moor günstige Lebensbedingungen fanden. Die Lethe, die sich einst durch Niederungswiesen schlängelte, wurde am hohen Ufer von Wacholderbüschen begleitet, deren Reste zwischen Feldmühle und Letheknie dahinsiechen und sich noch ganz vereinzelt erneuern. Und wieviel reicher ist jetzt die Vogelwelt vertreten! Viele Entenarten, Taucher, Wasserhühner u. a. sind Brutvögel geworden, dazu erscheinen im Durchzuge viele Wasservögel, um sich hier für Tage und Wochen aufzuhalten. Schwäne und Gänse sind häufige Gäste. Fischreiher und Fischadler holen sich ihren Tribut. Dachs und Fuchs haben sich stark vermehren können. Iltis, Marder, Wiesel und Fischotter finden einen reichgedeckten Tisch. - So hat die Wasserwirtschaft aus der einsamen Heide ein reichbelebtes Naturgebiet geschaffen.
Nicht mehr begegnen uns die Schäfer mit ihren Herden, die Imker mit ihren Bienenstöcken und Bauern, die Heide mähen als zusätzliches Viehfutter, als Streu für die Schaf- und Viehställe und zur Erneuerung des Dachfirstes und der Fachwände ihrer Stallungen, sondern Arbeiter, Angestellte und Aufseher der Teichanlagen. Dazu kommen nach dem letzten Weltkriege die erholungsbedürftigen Kinderscharen des Kinderheimes, die vielen sich ablösenden Gäste des Blockhauses, die hier neben Erholung durch Wandern, Spielen, Baden und Rudern durch Vorträge und Sammlung neuen Lebensinhalt suchen. Schulklassen erscheinen im Sommer fast täglich, um biologische Kenntnisse zu sammeln. Sonntags kommen die Ausflügler mit Auto und Motorrad, um in der schönen Natur Ruhe und Erholung von der Hast des Alltags zu finden.
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