|
||
|
|
Anläßlich einer Tagung im Evangelischen Jugendheim Blockhaus Ahlhorn sprach der Niedersächsische Sozialminister Dr. Rudolph über das Thema: "Können uns die USA Anregungen für unser kirchliches Leben geben?"Der Minister war gerade von einer 6-wöchigen Amerikareise zurückgekehrt, die den Zweck hatte, festzustellen, wo die Gründe des Friedens in der amerikanischen Gesellschaft zu suchen sind. Bei dem Studium dieser Frage sei er - so sagte der Redner - auf die außerordentlich wirkungsvolle Ordnungsfunktion der Kirchen in Amerika gestoßen. Es sei für den Deutschen immer wieder verwunderlich, festzustellen, wie die Kirchen in den Vereinigten Staaten Sonntag für Sonntag überfüllt sind. Man könne dafür eine Reihe von Ursachen erkennen: Es sei ein beherrschender Eindruck einer Reise, daß der Einfluß der Kirchen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den USA immer stärker werde, und zwar in dem Sinne, daß man praktisches Christentum treibe. Die Kirchen in den USA hätten nicht nur einen festen Standort in der Gesellschaft, sondern werden als führendes Element betrachtet. Seit etwa 15 Jahren habe sich, so sagte der Minister, dort eine Art echter religiöser Erneuerung vollzogen. Das rege kirchliche Leben, das eine derartige Durchdringung der Gemeinden gestattet, ist nach Auffassung des Redners außer der besonderen Aufgeschlossenheit der Amerikaner für diese moderne Form des Christentums auch auf die andersgestaltige Organisation zurückzuführen. Allgemein betreut nämlich ein Pfarrer im Durchschnitt nur 600 Gemeindemitglieder. Die Gemeinden seien also viel kleiner und ihr Leben erheblich intensiver. Sofern aus örtlichen Gegebenheiten heraus es größere Gemeinden gäbe, so hätten auch dort die Pastoren durch Mut und Einfallsreichtum es verstanden, das Gemeindeleben zu durchdringen. Den Pfarrern stünden außer ihren hauptamtlichen Mitarbeitern noch 30 bis 50 Laien zur Seite. Es gelte als besondere Ehre, diesem Helferkreis an zugehören, so daß man in ihm Vertreter aller Stände - Generaldirektoren oder Taxichauffeure - vorfände. In diesen Laienmitarbeitern sieht Dr. Rudolph eine der Hauptursachen für die Anpassung der amerikanischen Kirchen an die moderne Welt. Die Laienarbeit in Amerika ist erst seit einigen Jahren so intensiviert worden. Man kann nach Ansicht des Ministers darin eine Verwirklichung des alten luth. Grundsatzes vom Laienpriestertum der evangelischen Kirche sehen. Auffällig sei, so sagte der Minister, in welcher Art die moderne christliche Erweckungsbewegung sich niederschlägt. Er habe sie beispielsweise in Form von Zeitungsanzeigen und Plakaten in Verkehrsmitteln "Gottes Gegenwart ist überall, deshalb: lebe ohne Furcht und Sorgen" oder "Friß Deinen Ärger nicht hinein, besprich ihn mit Deinem Pastor!" gefunden. Eine weitere Neuheit ist die Teestunde nach dem Gottesdienst in den Gemeinderäumen, wo jeder miteinander in Tuchfühlung kommt. Übernehmen könne man die Einrichtung von Kindergärten während des Gottesdienstes, um den Müttern Gelegenheit zu geben, am Gottesdienst teilzunehmen. Zusammenfassend stellt der Redner heraus, daß eine starre Trennung zwischen privatem und kirchlichen Leben im letzten Sinne eine unevangelische Haltung bedeute und daß die USA uns vor Augen führe, wie es möglich sei, daß in einer modernen Industriegesellschaft das Gemeindeleben gedeiht und die Kirche wirksame Arbeit für die Gestaltung des Lebens leistet. Wie anders wäre es sonst zu erklären, daß jeder Amerikaner freiwillig für seine Kirche im Durchschnitt 200. - DM im Jahre bezahlt. Auch das Wachstum der Gemeinden von unten heraus gebe für den Europäer Anlaß, darüber nachzudenken, in welcher Weise das religiöse Leben befruchtet werden könne. Gerade der moderne Mensch müsse wissen, daß er mit seinen Sorgen und Ängsten nicht allein stehe. |
|
| zurück zum Seitenanfang | ||