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Das Blockhaus - ein Stück AllmendeVortrag von Prof. Dr. Grotelüschen, gehalten auf der Zehnjahresfeier des Blockhauses am 28. August 1956).Das Blockhaus Ahlhorn befindet sich im wortwörtlichen und vielleicht auch im übertragenen Sinne in einer Randlage. Es liegt am Rande des Dorfes Bissel, dem es verwaltungstechnisch zugehört. Es liegt auch am Rande der politischen und kirchlichen Gemeinde, am Rande des Kreises und damit zugleich auch an der Grenze des evangelischen Landesteils von Oldenburg. Früher gehörte dieses ganze Gelände um das heutige Blockhaus zur Bauernschaft und dem Dorfe Sage. Sage ist die älteste der heute bestehenden bäuerlichen Niederlassungen in diesem Umkreis, sicherlich zwei Jahrtausende alt und darüber. Das nächste Dorf im Westen war jahrhundertelang Garrel, 12km von Sage entfernt. Dazwischen lag eine unbesiedelte Weite ohne Weg und Straße, ohne Haus und Dorf. Sie gehörte niemandem als Privateigentum, war vielmehr Allmende, gemeinsame Mark und wurde nur genutzt als Weidegrund für Rinder und Schafe. Außerdem schlug man das Holz und holte Rasensoden, Plaggen für die Ställe, Heidekraut als Streu, junge Zweige als Viehfutter - und verwandelte mit all dem im Laufe der Jahrhunderte eine ursprünglich lichte Parklandschaft mit Eichen- und Birkengehölzen in eine kahle, baumlose Heide. Einige verkrüppelte und vom Weidevieh verbissene Eichenbüsche hielten sich mühsam am Leben. Der Wind griff die von der Vegetation entblößten Stellen an und spielte mit dem leichten Sande, der hier von der Eiszeit zurückgeblieben ist. Sandberge und dazwischen bis auf den Grundwasserspiegel ausgeblasenen "Schlatts", Eichenkratts und Heide, Schafherden und Bienenzäune, aber kein Acker und keine Weide, kein Wald und kein Teich, kein Haus und Hof - , so sah diese Landschaft noch vor hundert, ja noch vor fünfzig Jahren aus. Vor dem ersten Weltkriege hielt die Oldenburger Artillerie hier auf der Heide ihr Scharfschießen ab, wo heute Getreide und Hackfrüchte wachsen. Allerdings war schon damals eine grundlegende Veränderung gegen über dem früheren Zustand eingetreten: das Heideland war nicht mehr Allmende, sondern bereits 1865 besitzrechtlich eindeutig zwischen Privatpersonen und dem Staate aufgeteilt worden. Zwei Drittel hatten die anteilsberechtigten Bauern erhalten, nach Möglichkeit die zu ihren Höfen nahegelegenen Ländereien. Der Staat begnügte sich mit dem entfernt liegenden Drittel. Er kaufte dann rund fünfzig Jahre später den Bauern die entlegenen Ländereien ihres Besitzes wieder ab, das ganze Gebiet um das Blockhaus für DM 7[0],-- pro Hektar, 0,7 Pfennig pro Quadratmeter. Er schuf auf dem leichten Sandboden des hügeligen Dünengeländes ein landschaftliches Kulturwerk ersten Ranges, als er hier kurz nach 1900 die Fischteiche anlegen und das Ödland durch die Forstverwaltung aufforsten ließ. Alles, was uns hier umgibt, was wir mit Freude betrachten, Wald und Wasser, Ackerflächen und Viehweiden, ist das recht junge Werk von Menschen unserer Tage, geschaffen unter sorgsamer Anpassung an die Natur, angelegt in den Randgebieten einer alten Dorfgemarkung. So erklärt sich die Abgeschiedenheit, die Stille, die Lage zwischen Wald und Wasser, die das Blockhaus auszeichnet. Doch nicht nur im räumlichen Sinne hat das Blockhaus eine Randlage. Es liegt auch im übertragenen Sinne für die meisten von uns "am Rande". Den Einwohnern von Bissel, den Bauern unserer Gemeinde ist das Blockhaus nicht ein Bestandteil ihrer Welt. Gewiß ist es für sie kein Fremdkörper mehr. Es besteht ein durchaus gutes nachbarliches Verhältnis zur Dorfgemeinschaft, wie es sich bei jedem Erntedankfest in den Spenden besonders deutlich zeigt. Aber das Blockhaus ist nicht _ihr_ Haus, nicht _ihre_ Welt. Sie selber und ihre Kinder kommen selten hierher. Es liegt außerhalb ihres Berufes, ihrer Familie. Das gilt für die meisten von uns! Wir wissen vom Blockhaus; wir sind sogar vielleicht irgendwie daran beteiligt, mehr oder weniger, dann und wann. Aber wir kommen - und gehen wieder und lassen den Heimleiter immer wieder von neuem allein. Gewiß - wir können uns "das Blockhaus nicht mehr fortdenken" - so steht es in unserer Festschrift - ; aber selbst für die Kirche, für die Gemeinde- sowohl wie für die Landeskirche, ist es ein Außenposten. Sage ich damit etwas, das dem Geburtstagskinde abträglich sein könnte? Ganz im Gegenteil! Ich meine, daß diese Stützpunkte für uns alle, für die rechte Erziehung, für das geistige Leben unseres Volkes von großer Bedeutung sind, ganz besonders für die Jugend. Wir sehen die Jugend als Eltern, als Lehrer und Lehrherren, als Erwachsene immer mit unseren Augen, messen sie mit unseren Maßstäben und müssen doch zugeben, daß sich gegenüber früher vieles gewandelt hat. Ein großer Teil der Jugend hat während der Kinderzeit nicht ein Zuhause gehabt und hat es weitgehend auch heute nicht. Aber selbst auf diejenigen, die noch das Elternhaus als "Mitte ihres Lebens" kennen und anerkennen, wirken die Zeitströmungen ein, auch auf uns Erwachsene. Eine Veränderung ist z. B. ganz deutlich und macht sich in jedem Hause, selbst hier in Bissel im bäuerlichen Leben bemerkbar: die Menschheit ist "aushäusiger" geworden gegenüber früher, sie ist mehr unterwegs. Unsere Großväter sind in ihrem ganzen Leben vielleicht einmal an der Nordsee gewesen. Heute fährt aus fast jedem Bauernhaus mindestens einer mindestens einmal im Jahr wenigstens 100 oder 200 km weit fort. Ganz besonders unterliegt unsere Jugend dieser rätselhaften "Fliehkraft". Sie drängt nach außen; sie will hinaus, nicht nur räumlich gesehen. Sie will auch heraus aus den Bindungen, aus der Familie, aus dem Beruf, aus der Schule, hinein ins Freie, manchmal ins Ungewisse, in das Wagnis, in das Zufällige. Wir Eltern, Lehrer, Lehrherren, wir Erwachsenen sollten dankbar und glücklich sein, wenn der Jugend in dieser Unrast feste "Stütz punkte" geboten werden, wenn "Außenposten" sie anziehen, die unter einem guten Geist stehen. Das brauchen nicht allein "Außenstationen der Kirche" zu sein wie unser Blockhaus hier. Das kann auch ein anderes gutes Jugendheim sein oder eine Volkshochschule; das ist der Jugendchor; das kann die Turnerjugend sein, der Berufsverband, eine gut geleitete Fahrt, ein Lehrgang und was es sonst mehr gibt. Aber immer ist es eine Außenstation in Randlage, ist nicht Mittelpunkt, weder für die Familie noch für den Beruf, weder für die Kirche noch für die Schule. Aber auf diese Außenstationen kommt es in dieser unruhvollen Zeit offenbar ganz entscheidend an. Was die Jugendlichen hier gewinnen, tragen sie zurück in Familie und Beruf, in Schule und Kirche. Diese Stätten sollten daher auch so eingerichtet und so geleitet werden, daß sie anziehend sind für die Jugend. Daher muß man dem Blockhaus heute an seinem zehnjährigen Geburtstag wünschen, daß seine Bedeutung als Jugendheim von allen Verantwortlichen und von der Öffentlichkeit anerkannt werde. Wir denken gar zu leicht bei solchen Einrichtungen: Was kostet es, und was bringt es ein? Auch der Staat ist m. E. nicht frei von solchen fiskalischen Erwägungen. Und doch sollten die Verantwortlichen wissen, daß es ein guter "Pachtzins" für den Staat ist, wenn junge Menschen hier leiblich und seelisch gesunden, wenn ihm sittlich gefestigte Mitbürger aus diesem Hause zuwachsen. Einstmals war der Boden, auf dem das Blockhaus steht, Allmende und gehörte allen. Möge etwas von diesem aus frühesten Jahrhunderten unserer Geschichte überkommenen Geiste in unsere Zeit übergehen, möge das Blockhaus für uns heute ein Stück gemeinsamen geistigen Besitzes sein! |
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