Zur Startseite (sollten Sie diese Seite ohne Menürahmen sehen, bitte hier klicken!)1956: 10 Jahre Evangelisches Jugendheim

Inhalt:

Titelseite
Zum Geleit
Blockhaus Ahlhorn im Dienste der öffentlichen Jugendpflege
Dank an das Evangelische Jugendheim
Das Blockhaus Ahlhorn - Eine erholsame Stätte weltanschaulicher Gespräche
10 Jahre Blockhaus Ahlhorn
Studenten und Vikare im Blockhaus Ahlhorn
Evangelische Mädchenarbeit in Ahlhorn
Holländisch-deutsche begegnung im Blockhaus Ahlhorn im Juni 1953
Ein Tag unter evangelischen Jungen im Blockhaus
Ausbau des Blockhauses Ahlhorn
Studienseminare in Ahlhorn
Das Blockhaus und die Lehrer
"Unser Landschulheim" in Ahlhorn
Unsere Ahlhorner Tage - Ein Bericht der Hindenburgschule Oldenburg, August 1948
Die Ahlhorner Klausur - Ein Bericht der ev. Akademie in Oldenburg
10 Jahre Kinderkuren in Ahlhorn
 

Ein Tag unter evangelischen Jungen im Blockhaus

Gerhart Orth

Ein strahlend schöner Sommertag kündigt sich wieder an. Noch ist die frühe Morgensonne hinter dunstigen Nebelschleiern verhüllt. Ihr heller Glanz hat aber schon einige Zeltinsassen der Jungenfreizeit geweckt, und an einigen Stellen werden von blinzelnden Jungen die Zeltbahnen gelöst. Da erscheinen auch bereits einige Unentwegte, nur mit der noch vom Vortage nassen Badehose bekleidet, im Freien und stürzen sich mit einem kühnen Sprung in die Fluten des Helenenteiches. Nach einer geraumen Weile erfüllt ein fröhliches Treiben die Zelte und ebenso die Zimmer im Blockhaus, so daß der Freizeitleiter nur noch wenige Langschläfer bei seinem Rundgang zum Wecken sich besonders vornehmen muß. Nachdem die Morgenwäsche am See und im Waschraum mit viel Wasser und Lärm durchgeführt ist, ziehen sich die Jungen vorerst in ihre Quartiere zurück. Überall werden Betten gebaut, Borten und Zimmer gründlich aufgeräumt, und der Besen erreicht seine höchste Leistungsgrenze. Mit offensichtlichem Ehrgeiz ist man in jeder Gruppe bemüht, den Preis für das beste Bett und für den saubersten Raum zu gewinnen. Die Konkurrenz ist dabei sehr heftig und die Prüfungskommission läßt sich nichts vormachen. Gestern hat doch tatsächlich jemand auf den Bilderrahmen Staub gesucht, und in einem anderen Zimmer legte sich der Freizeitleiter auf den Fußboden, um in einer Ecke einen Fetzen Papier zu finden.

Evangelische Jungen bei der Morgenandacht

Um 8.00 Uhr wird kurz der Pflugschar an der Küche, der "Gong" des Blockhauses, geläutet. Das Hauspersonal versammelt sich zum Frühstück, währenddessen die Tischdienstgruppe im großen Kaminsaal das Aufdecken übernimmt. Eine Viertelstunde später stehen dann die Jungen im großen Kreis auf dem freien Platz am See. Sie beginnen die Morgenandacht mit einem Loblied, dann hören sie einen Psalm und hernach den neutestamentlichen Abschnitt, der später bei der Bibelarbeit besprochen werden soll. Mit Gebet und Lied schließt die Andacht, alle reichen sich in der Runde die Hand und wünschen sich einen "guten Morgen". - Zum Frühstück gibt es fünfmal in der Woche eine gute Milchsuppe mit Brot und Aufstrich; am Mittwoch und Sonntag wird als willkommenes Getränk Kakao gereicht. Immer wieder klopfen die Gruppenleiter und die Jungen vom Tischdienst am Schiebefenster zur Küche. Die leeren Schüsseln und Kannen werden dort abgegeben, um wenige Minuten später wohlgefüllt auf die Tische zurückzukehren, wo die Unersättlichen schon ungeduldig warten. Als die Mahlzeit dann endlich beendet ist, hat jeder das deutliche Bewußtsein, völlig satt zu sein. Es sind aber gerade bei Jungenfreizeiten auch Unmengen, die in der Küche bereitgehalten werden. In den neun Jahren ihres Wirkens als Hauptköchin in Ahlhorn hat Fräulein Ufken vor dem Heißhunger selbst der stärksten Esser noch nie kapituliert. Immer war noch etwas vorhanden, was die angeblich letzten Löcher im Magen stopfen konnte. Die gute Verpflegung im Blockhaus hat sich deshalb über die Grenzen des Landes hinaus einen Namen gemacht.

Die Zeit nach dem Frühstück gehört dann der stillen Vorbereitung für die Bibelarbeit. Nur in der Spülküche herrscht Betrieb. Um 10.00 Uhr ist aber auch dort alles blitzsauber. Es wird geläutet, und die einzelnen Gruppen versammeln sich in den Zimmern, Zelten oder im Freien zur Bibelstunde. Die Jungen sitzen im kleinen Kreis jeweils beieinander, jeder hat ein Neues Testament sowie ein Gesangbuch in der Hand und kann sich nun unmittelbar an der gemeinsamen Arbeit beteiligen. Erstaunliche Einzelheiten und aufregende Fragen werden da bisweilen besprochen, so daß die Zeit wie im Fluge vergeht. Sonntags wird an Stelle der Bibelarbeit der Gottesdienst im großen Kaminraum gehalten. Die Freizeitteilnehmer bilden dabei mit dem Hauspersonal und den erwachsenen Gemeindegliedern aus der Umgebung eine große Gemeinschaft. - Der zweite Teil des Vormittags gehört dann bei gutem Wetter dem Sport und Spiel im Freien. Es gilt, die letzten Handballspiele vor der Verleihung der "Goldmedaille" auszutragen, und die Kämpfe auf dem "Sportplatz" (die Jungen sagen lieber "Müllstadion") entfachen bei den Spielern und Zuschauern gleichermaßen große Begeisterung. Zur Lagerolympiade gehören außerdem leichtathletische Wettkämpfe im Laufen, Springen und Steinstoßen, bei denen jahrgangsweise die Einzelsieger ermittelt werden. Die Gruppen liegen dann noch miteinander im edlen Wettstreit beim Hindernisrennen, Wettrudern und Tauziehen, aber auch auf geistigem Gebiet stehen sie sich gegenüber: beim Erzählerwettstreit und bei der Gestaltung des Lagerabends, beim Auffinden seltener Steine, Pflanzen und Tierspuren in der Natur, die nach weiten Waldspaziergängen mitgebracht werden.

SOS - Ball über Bord!

In der Pause nach dem Mittagessen - sind viele Jungen auch in kleinen Gruppen oder allein im Gelände unterwegs. Im Sommer gibt es ertragreiche Bickbeerenfelder, aus denen die Pflücker und noch mehr die Esser schwer "gezeichnet" heimkommen. Wer sich stattdessen ausruhen will, liegt (ohne Schuhe!) auf seinem Bett oder irgendwo im Freien. In einem der Zelte wird eine spannende Geschichte vorgelesen, und im großen Aufenthaltsraum (dem Linoléum) sind die Gesellschaftsspiele ausgebreitet. Andere schreiben in der Stille einen Bericht für die Lagerzeitung oder einen Brief nach Hause, und auf dem grünen Rasen am See sitzt eine Runde der Älteren zusammen, um Fragen weiter zu bedenken, die sich aus der Bibelarbeit oder aus dem Zeitgeschehen ergeben haben.

Zum Kaffeetrinken ist die ganze Schar der Freizeitteilnehmer wieder beieinander, und das Programm für den Nachmittag kann angesagt werden. Manches Mal macht leider das Wetter einen Strich durch die Rechnung, und ein sorgfältig vorbereitetes Geländespiel, ein Findigkeitslauf oder ein Sportfest muß verschoben werden. Dann wird eine Singestunde eingelegt, die Klampfen erklingen und neue Fahrtenlieder, Volkslieder und Lieder der Jungen Gemeinde werden gesungen. Wenn der Regen immer noch nicht nachlassen will, wird im Saal ein breiter Ring gebildet, in dem allerlei Zwei- oder Mannschaftskämpfe ausgetragen werden. Das Tischtennis spielt dabei immer wieder eine erregende Rolle, aber auch bei der "Wohnungsnot" und beim "Feudelhockey" schlagen die Wellen der Begeisterung hoch. Zum Abendessen bringen dann alle einen erheblichen Appetit mit, aber die Küche hat wieder gut vorgesorgt und bleibt bei keiner Nachfrage die Antwort schuldig. - Unvergeßlich bleibt allen Jungen jedesmal die Abendstunde am offenen Kaminfeuer. Heimatliche und fremde Lieder werden gesungen, oft kann man zuerst nur die verträumten Weisen leise mitsummen. Eine Geschichte aus der Zeit der Hugenottenkriege leitet über zur Andacht, die ein Ereignis, ebenfalls am Feuer, lebendig werden läßt: die Verleugnung des Petrus im Hofe des hohenpriesterlichen Palastes. Jesus Christus hat seinen Jünger auch in jener Nacht nicht von sich gestoßen, er hat ihn nach Ostern neu in seine Gemeinschaft gerufen und ihm den Mut zum Bekenntnis des Glaubens gegeben. Ohne unseren Herrn können auch wir nicht als Christen im Leben bestehen. Wir dürfen ihn aber um das Feuer seines heiligen Geistes bitten, damit alles Morsche und Faule, alle Halbheit in uns verbrannt und eine helle Flamme des Glaubens und der Liebe entfacht werde. - Die Holzscheite des Kaminfeuers sind fast ganz heruntergebrannt. Im Halbdunkel falten wir unsere Hände und singen am Ende des Tages den Kanon, der nun schon seit einem Jahrzehnt immer wieder im Blockhaus erklingt. "Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget". Als wir in die stille Dunkelheit der Natur hinaustreten, ist der Himmel übersät mit funkelnden Sternen. Sie behalten ihren Glanz, während in den Unterkünften bald darauf die Lampen verlöschen.

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